Von wegen „Klein Paris“!

Deutsche Einflüsse auf die Entwicklung von Bukarest

Samstag, 01. August 2015

Kunsthistorikerin Oana Marinache und Grafiker Cristian Gache präsentieren Auszüge aus dem digitalisierten Architekturarchiv über das „deutsche Bukarest“.
Foto: George Dumitriu

„Klein Paris“ als Spitzname von Bukarest hat sich in vielen Gehirnen festgebissen - klingt es doch wie ein Vorschusslob, mit der berühmten Hauptstadt Frankreichs verglichen zu werden. Weniger bekannt hingegen sind die nicht unbeträchtlichen deutschen Einflüsse auf die wirtschaftliche und architektonische Entwicklung von Bukarest. Wussten Sie, dass die heutige Altstadt einst fest in deutscher Hand war? Nicht nur die Lispcani-Straße, deren Name  an den regen Handel im 19. Jahrhundert mit Leipzig erinnert, auch die heutige Strada Smârdan war als „Gasse der Deutschen“ bekannt.

Wer in die deutsche Geschichte Bukarests tiefer eintauchen möchte, dem sei ein Besuch der noch bis zum 6. August zu besichtigenden Ausstellung „Der deutsche Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Bukarests“ im Kulturhaus Friedrich Schiller (10-15 Uhr) empfohlen, die am 23. Juli eröffnet wurde: Ausgewählte Originaldokumente, zusammengetragen und aufbereitet im Projekt „Architekturarchiv 1830-1860“ vom Verein und Verlag Kunstgeschichte durch die Kunsthistorikerin Oana Marinache und den Designer und Grafiker Cristian Gache. Studieren kann man dort fotografisch reproduzierte Quittungen, Werbeplakate, Einbürgerungsurkungen, Briefe und mehr, die sich wie ein Puzzle zu einem Bild des historischen „deutschen Bukarest“ zusammenfügen.

Einige Beispiele:  Eine  Statistik der Volkszählung aus dem Jahr 1831 verrät, dass von den ca. 70.000 Einwohnern Bukarests 1225 Österreicher waren, 158 aus der russischen Armee in Bukarest verbliebene Preußen, 80 Franzosen und 94 Engländer.  Unter den Ausländern in „Klein Paris“ dominierten also die deutschsprachigen, bemerkt Oana Marinache. Zahlreiche deutsche Händler, Banker oder Architekten, die sich in Bukarest aufhielten, heirateten hier und beantragten schließlich ihre Einbürgerung.

Zu sehen ist die Einbürgerungsurkunde des Ingenieurs und Vermessungsspezialisten Karl/Carol Wayrach, der schriftlich erklärt, fortan auf den Schutz des preußischen Konsulats zu verzichten und sich von nun an als „Rumäne“ zu betrachten. Aus Briefköpfen von Rechnungen geht hervor, dass es in Bukarest deutsche Glaser, Schmiede, Drucker, Metzger und sogar einen Homöopathen gab. Die Wirtschaftszeitung România Economică erschien zweisprachig, deutsch und rumänisch, zahlreiche Anzeigen sind bilingual.

Die erste Dampfmaschine wurde von einem Deutschen nach Bukarest gebracht und die erste Bierfabrik gründete ein Wilhelm Höflich aus dem schlesischen Oppeln, der den Spitznamen Oppler erhielt, was später sein offizieller Name wurde. Auch Oppler ließ sich einbürgern und legte hierfür seine Taufurkunde vor. Sein schärfster Geschäftskonkurrent war der bayrische Bierfabrikant Erhard Luther, späterer Hoflieferant des rumänischen Königshauses und auf dem Bukarester Friedhof Bellu begraben. Auch der „Bierwagen“ Caru’ cu Bere geht auf deutsche Einflüsse aus Siebenbürgen zurück.

Weiter vertieft werden soll das Thema am 10. September in einer Konferenzdebatte im Schiller-Haus, die sich mit deutschen Persönlichkeiten aus Ingenieurwesen und Architektur befassen wird, verrät Projektkoordinatorin Aurora Fabritius bereits. 

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