Vor 170 Jahren: „Azur“-Vorgänger stellten Seife und Kerzen her

Neueste Betriebsgeschichte heißt Aktienkauf statt Eigentumsrückgabe

Donnerstag, 30. Oktober 2014

1980 wurde das neue Werkgelände am Constructorilor-Boulevard in Betrieb genommen. Die Produktionskapazität lag bei 3000 Tonnen Farbe im Monat.

Dr. John J. Farber
Foto: Zoltán Pázmány

Seit 15 Jahren befindet sich das Temeswarer Unternehmen für Lacke und Farben „Azur“ erneut in der privaten Hand, in der es sich 25 Jahre lang vor der Enteignung ebenfalls befunden hat. 1999 hat es Dr. John J. Farber in den Familienbesitz zurückgekauft und als Tochterfirma der ICC Industries New York eingetragen. Vor Kurzem wurde dieses Ereignis in Anwesenheit von Mitgliedern der Familie Farber aus den USA sowie von Kommunalbehörden in Temeswar begangen.

Der „Azur“-Betrieb wird wachsen und die Tradition dieses Markennamens im Banat fortgesetzt, sagte John J. Farber, Inhaber und Vorsitzender des Aufsichtsrates der ICC Industries New York, bei seinem Besuch in Temeswar. 8,2 Millionen US-Dollar wurden in diesen eineinhalb Jahrzehnten in neue Technologien, in die Fortbildung des Personals und in Umweltauflagen investiert. Zu bemerken sei in diesem Kontext, dass der „Azur“-Betrieb nicht dem ehemaligen Inhaber rückerstattet wurde, sondern dass dieser die Mehrheitsanteile vom rumänischen Staat zurückgekauft hat. Seit 66 Jahren gibt es auch eine Zusammenarbeit zwischen dem „Azur“ Betrieb und dem gleichnamigen Lyzeum in Temeswar, an dem derzeit etwas mehr als 600 Schüler lernen.

1923 ist als Gründungsjahr einer „Fabrik für Lacke und Farben“ in den Dokumenten eingetragen, doch die Geschichte des Unternehmens geht um Jahrzehnte weiter zurück. Alles begann eigentlich im Jahr 1844 in einer Werkstatt, in der Wachskerzen und Seife erzeugt wurden. In firmeneigenen Dokumenten wird dieser Moment als „erste Form industrieller Tätigkeit in der Temeswarer Fabrikstadt“ festgehalten. Deshalb kann das Jahr 2014 auch als 170. Jubiläum seit den Anfängen dieses Betriebs angegeben werden. Die erste Bezeichnung als „Fabrik“ geht auf den 28. Januar 1920 zurück. Im Jahr 1923 legt Eugen Farber, der Vater des heutigen Firmenbesitzers, den Grundstein für den „Azur“-Betrieb. „Vereinte Fabrik für Lacke und Farben“ steht auf dem Briefkopf der damaligen Dokumente. Der Standort war auf der Pene{-Curcanul-Straße, wo der Hauptsitz bis 1980 bleiben sollte. In jenem Jahr siedelte der Betrieb in sein damals neues Gebäude auf dem Constructorilor-Boulevard um, das alte Fabrikgelände gehört auch heute noch zu „Azur“.

Zehn Jahre nach der Gründung erweitert das Unternehmen seine Produktpalette, indem es eine Anlage zur Herstellung von Pflanzenölen in Betrieb nimmt. 1948 wird der Betrieb verstaatlicht. 1923 begann Eugen Farber mit 15 Angestellten, 1940 gab es bereits 140 Mitarbeiter. Der heutige Konzerninhaber gründet 1950 in den USA einen chemischen Betrieb, die heutige ICC Industries Inc, mit Hauptsitz in New York. Der Konzern nennt 32 Werke sein Eigen, die einen Umsatz von 2,5 Milliarden US-Dollar im Jahr erwirtschaften und auf vier Kontinenten Niederlassungen unterhalten.

In den Jahren des Kommunismus wurde die Produktion erweitert und ausgebaut und hatte 1989 eine Kapazität von 50.000 Tonnen. Acht Jahre später schrumpfte diese auf 2000 Tonnen und die Pleite schien unabwendbar. Auf 20 Millionen Euro beläuft sich mittlerweile die Ausfuhr der Güter, die bei „Azur“ hergestellt werden, wie aus Präsentationsbroschüren des Unternehmens hervorgeht. In den 15 Jahren nach der Privatisierung schwankte die Personaldecke oft sehr stark: von 474 Mitarbeitern im Jahr 2003 waren es 254 im Jahr 2010. Der Umsatz des Temeswarer Unternehmens ist - mit Ausnahme von 2006 – gegenüber dem jeweiligen Vorjahr stetig gestiegen. Im Jahr 2000 lag der Umsatz bei 5,4 Millionen US-Dollar, für dieses Jahr rechnet die Unternehmensleitung mit nahezu 38,7 Millionen Dollar.
Ab 1946 begann der heutige Firmenchef John J. Farber im familieneigenen Betrieb zu arbeiten. 1947 wird er – nach Abschluss der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg – Chemieingenieur. Nach der Enteignung von 1948 verließ er Rumänien.

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