Vor 50 Jahren

Sonntag, 13. November 2016

Wenn man in der Sammlung der „Volkszeitung“ blättert, (1966 erschien die VZ dienstags und freitags, hatte vier großformatige Seiten und kostete 25 Bani), so kann man feststellen, dass sie, verglichen mit den Endfünfziger- und Anfangsechziger-Jahren, trotz ihrer Propagandafunktion und der unausweichlichen Regimetreue, dennoch eine gewisse thematische Vielfalt mit genau abgegrenzten publizistischen Gestaltungsfreiheiten vorweisen konnte.

Selbstverständlich war der Abdruck der Parteidokumente sowie die Veröffentlichung der bereits einsetzenden langen Reden des RKP-Generalsekretärs Nicolae Ceauşescu höchste Pflicht. So zum Beispiel finden wir in der VZ vom 18. Oktober auf der Titelseite den „Beschluss des Plenums des Zentralkomitees der Rumänischen Kommunistischen Partei über die Erhöhung der Renten, Verbesserung der Rentengesetzgebung und Schaffung der zusätzlichen Rente aus den Beiträgen der Lohnempfänger“ und die zu diesem Anlass gehaltene Rede Ceauşescus. Allein diese Beiträge füllen mehr als die Hälfte des Inhaltes jener Ausgabe. Selbstverständlich folgten nachher Beiträge über die Bedeutung dieser Maßnahmen sowie gut orchestrierte Echos aus der Bevölkerung, die einstimmigen Dank und Lob bekunden.

Darüber hinaus bietet die Lektüre jener Zeitungsausgaben auch angenehmere Themen. So z.B. finden wir in der VZ vom 7. Oktober auf der dritten Seite (die „Für den Feierabend“ betitelt und gedacht ist) ein Kurzgespräch mit dem bekannten Winnetou-Darsteller Pierre Brice. Das Interview mit dem internationalen Star führte in Mamaia Jürgen Salzer, ein Kronstädter, der vielen als Radioreporter bei der deutschen Sendung des Bukarester Radios in Erinnerung geblieben ist. Der Anlass waren die Dreharbeiten an dem Film „Die Daker“, mit dem Sergiu Nicolaescu den Durchbruch als Filmregisseur schaffte.

Pierre Brice verkörperte einen römischen General, der sowohl dakische als auch römische Vorfahren hatte und der nun an einem inneren Konflikt zwischen Heimattreue zu Dakien und römische Verpflichtung und Erziehung scheitert und letztendlich den Freitod wählt. Brice zeigt sich begeistert von seinen rumänischen Filmkollegen, von denen er allerdings namentlich nur György Kovács erwähnt. „Die Daker“ nennt er „einen Ideenfilm und zugleich eine Superproduktion“. Die Leser dürfen sich gefreut haben, via Zeitung, unter einem klassischen Winnetou-Foto von Pierre Brice herzlichste Grüße übermittelt zu bekommen. Im Fernsehprogramm jenes Jahres (das, außer sonntags, wo es auch ein Vormittagsprogramm gab, zwischen 18 und 23 Uhr zu sehen war) liefen übrigens, wie es in der VZ vermerkt wird,  Samstagabend Serienfilme wie „Der Heilige“ mit Roger Moore oder „Der unsichtbare Mann“.

Jürgen Salzer schildert auf derselben Seite Eindrücke ausländischer Touristen (vorwiegend aus westeuropäischen, also kapitalistischen Staaten) in dem Beitrag „Sonnige Ferien in Rumänien“. Selbstverständlich sind es ausnahmslos lobende, zum Teil übertrieben Äußerungen. Eine Touristin aus Finnland wird z.B. so zitiert: „Mamaia! Ich habe die Côte d‘Azur vergessen, Mallorca, Rimini. Ich kenne nur noch Mamaia.“ Über Kronstadt sagt Käthe Limburg aus Kiel: „Kronstadt ist eine wunderschöne Stadt. Das Orgelkonzert in der Schwarzen Kirche hat uns besonders beeindruckt. Wissen Sie, so etwas ist so richtig für das deutsche Gemüt“. Und der Vertreter eines schwedischen Reisebüros vergleicht Kronstadt mit seiner Heimat: „Die Berge in der Umgebung Kronstadts erinnern mich an meine Heimat, Nordschweden. Und Kronstadt selbst an Alt-Stockholm. Nur das Wasser fehlt hier“. Es sind ganz andere Töne als vor nur wenigen Jahren zur Zeit der „Stalinstadt“.

Ralf Sudrigian

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