Vor Prinz Eugen war der Alî da

Die verdrängte Historie Temeswars: auch Geschichte ist ein soziales Konstrukt

Mittwoch, 25. Mai 2016

Zwar erinnern seit unlängst einige Hinweisschilder an die Spuren osmanischer Geschichte in Temeswar, diese Etappe der Stadtgeschichte bleibt jedoch den meisten Einheimischen ein Rätsel.

Zahlreiche Fundstücke aus den 164 Jahren türkischer Herrschaft wurden am Freiheitsplatz entdeckt. Die Mauerreste sind nun wieder begraben, so lautete der Beschluss des Bukarester Kulturministeriums.
Fotos: Zoltán Pázmány

Als ich vor zwei Jahren erfuhr, dass in meiner Heimatstadt Temeswar, die Überreste eines Kamels aus dem 17. Jahrhundert ausgegraben wurden, noch dazu in unmittelbarer Nähe des Hohen Doms, ereilte mich eine ganz fremdländische Vision, in der Kamele aus den Wüsten Asiens oder Afrikas seelenruhig am Domplatz samt turbantragenden Reitern gelassen Richtung Westen trabten. 

Es ist erstaunlich, wie wenig man über die Geschichte der eigenen Stadt unter osmanischer Herrschaft weiß, und dies auch unter belesenen und gebildeten Menschen. Der österreichische Einfluss auf Temeswar, der so prägnant die jüngste Geschichte der Stadt gezeichnet hat, scheint in den Köpfen der meisten Mitbürger die Vorgeschichte Temeswars verdrängt zu haben. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Temeswar jemals nicht österreichisch geprägt war. Jedes Kind weiß, dass die Stadt sich stolz „Klein-Wien“ nennt, dass es die Stadt war, welche die elektrische Straßenbeleuchtung noch vor Wien, Berlin und Paris eingeführt hat. Der Gedanke, dass vielleicht die österreichische Verwaltung die elektrische Straßenbeleuchtung in Temeswar einführte, um auszuprobieren, wie und ob es überhaupt funktioniert, ohne sich in der Hauptstadt des Reiches blamieren zu müssen, falls es nicht geklappt hätte, geht nur wenigen Temeswarern durch den Kopf. Ebenso wenig, dass das Banat anfänglich von den Österreichern ganz sachlich als „neoacquisticum“ bezeichnet wurde, also als „neu erworbenes Gebiet“ im Grenzraum der Europäischen Türkei, wo die neue, bröckelige Reichsgrenze mit der Walachei (Ak Eflâk)[1] und dem serbischen Sandschak Novi Pazar die Sicherheit der Soldaten und der Zivilbevölkerung bedrohte.

 

Türken à la Sergiu N.

Das Desinteresse der Menschen gegenüber eines erheblichen Teils ihrer Geschichte ist beträchtlich. In der ganzen Stadt gab es bis vor Kurzem kein einziges Schild, welches auf die osmanische Vergangenheit hindeutete. Die berühmte Tafel in osmanischer Schrift, das einzige Überbleibsel, das nicht zerstört wurde, befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Das lässt sich teilweise geschichtlich erklären: nicht nur, dass die Österreicher kein einziges osmanisches Gebäude stehen ließen, auch der wirtschaftliche Fortschritt während des 18. und 19. Jahrhunderts im Banat sowie der Kolonisationsprozess mit Siedlern aus Österreich und Süddeutschland haben dazu beigetragen, dass eine ganz starke Affinität für Wien, zum Teil auch unter der rumänischen Bevölkerung, die Vorgeschichte der Stadt vernachlässigte oder sogar gewollt verzerrte. In der jüngsten Geschichte, hat die zum Teil nationalistische Haltung des kommunistischen Regimes dazu beigetragen, die Osmanen als faule, korrupte, unbarmherzige, primitive Herrscher darzustellen – man denke nur an die Spielfilme des Sergiu Nicolaescu, die, wie zu meiner Schulzeit, den Kindern bereits im Kindergarten gezeigt wurden. Kein Wunder, dass man damals keinen Film über Radu den Schönen finanzierte.

 

Nicht nur „Kruzitürken!“

Merkwürdig ist auch, dass unsere Nachbarn sich mit der eigenen Geschichte nicht so schwer tun: so gibt es in Ungarn einen „ungarisch-türkischen Freundschaftspark“ in der Nähe der Stadt Szigetvár, wo der Besucher zwei große, in Stein gemeißelte Büsten von Miklos Zrinyi und Süleyman dem Prächtigen sehen kann. Auch die Moschee des Pascha Gazi Kassim steht noch heute in der ungarischen Stadt Fünfkirchen/Pécs: die Moschee wurde in eine (katholische) Kirche umgewandelt, jedoch hat das Gebäude in seiner äußeren Gestaltung seine orientalische Form beibehalten. Die typischen Elemente osmanischer Bauarchitektur, wie der Mihrâb, das Kielbogenfenster, oder das Tropfsteingewölbe, sind bis heute bestens erhalten, samt der Kombination vom türkischen Halbmond mit christlichem Kreuz auf der Kuppel – ein europaweit einzigartiges Erscheinungsbild. In Österreich wird von der Akademie der Wissenschaften das Projekt „Türkengedächtnis” ins Leben gerufen, welches über alle in Wien vorhandenen Denkmäler oder Überbleibsel aus der Zeit der Türkenkriege informiert. Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien hat eine permanente Ausstellung zum Thema „Türkenkriege”. Heute, am 25. Mai, wird im Kunsthistorischen Museum Wien eine Ausstellung mit dem Titel „Das Genie des 16. Jahrhunderts, Matrakci Nasuh” eingeweiht, die sich mit dem Gesamtwerk des omanischen Universalgelehrten auseinandersetzt. Auch in Deutschland, das sich kaum an Osmanen stieß, gibt es mehr zu sehen als in Temeswar oder Bukarest. Zum Beispiel, die „Türckische Cammer” im Residenzschloss zu Dresden,  eine der ältesten und weltweit bedeutendsten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Türkei. Dank der „Türkenmode” der sächsischen Kurfürsten, die einen Höhepunkt während der Zeit von August dem Starken erlebte, kann man heute ausgerechnet in Dresden viele Exponate bewundern – inklusive osmanisches Dreimastzelt, „ein Traum aus Gold und Seide”, wie es die Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beschreibt.

 

Türken beschrieben Temeswar

Dabei war Temeswar zwischen 1552 und 1716, also 164 Jahre lang, ein osmanisches Elâyet, mit mehr als nur einem Zelt. Osmanische Chronisten haben Temeswar beschrieben, so wie der Alî aus Temeschwar[2], der mit seiner „Chronik der Begebenheiten Ca’fer Paschas” (Tarih-i Vak’anâme-i Ca’fer Pașa) das Leben im Grenzgebiet beschreibt: „Im Jahre 1099[3] nach der Hidschra des Propheten – Heil und bestes Gebet über ihn! – nach der Affäre des Großwesirs Süleyman Pascha, wurde Ibrahim Pascha aus Ahiska, der vom Kethüda des früheren Großwesirs Kara Ibrahim Pascha zum Wesir aufgestiegen und zum Stadthalter von Damaskus und danach zum Garnisonskommandeur in Temeschwar ernannt worden war, wegen verschiedener Verfehlungen gegenüber den Einwohnern und den Truppen in einem Aufruhr des Pöbels in Temeschwar erschlagen“. Das Amt übernahm Ca’fer Pascha; das Kriegsleben im Grenzgebiet war, auch für die Osmanen, nicht leicht zu ertragen: „Lebensmittel waren unerschwinglich teuer und sozusagen etwas, was man nur mehr vom Hörensagen kannte. Falls überhaupt erhältlich, kostete ein Okka Weizen anderthalb Piaster und ein Okka Hirse einen halben Piaster, Butterfett und Talg zehn Piaster das Okka – also einen Para pro Drachme! – ein Okka Fleisch einen Piaster, eine Kuh mit Kalb 180 Piaster und eine Kuhhaut, die seit drei oder vier Jahren irgendwo in einem Winkel des Hauses verdorrt und angefault war, zwanzig Piaster“.

 

Wien durchs Türkenprisma

Der Gelehrte Evliya Celebi[4] besucht das Banat und schreibt über Temeswar im Jahre 1600 A.D.: „Tamișvar liegt in den Morästen des Tamiș-Flusses, wie eine Schildkröte im Wasser. Ihre vier Beine sind die vier großen Basteien, das innere Burgkastell aber ist ihr Kopf. Die Stadt hat 36.000 Einwohner, eine Garnison von 10.000 Soldaten, circa 1.500 Häuser, über 400 Geschäfte, 4 öffentliche Hamams, 7 Schulen und sogar 3 Restaurants.“ Über Wien schreibt er viel mehr, so zum Beispiel, dass er auf dem Ärztemarkt vor den Läden der Stadt „muslimische Kriegsgefangene mit blendend weißen Turbanen und Bosnjakenkalpaks“ sah, „alle an Händen und Füßen mit eisernen Ketten gebunden. Die Köpfe traurig gesenkt, hockten sie auf ihren Schemeln und zerstampften in riesigen Bronzemörsern, die vor ihnen standen, Muskatnüsse und Kubeben, Zimt und Pfeffer, Kardamon und Ingwer und Veilchenwurz und andere Heilmittel derartig emsig, als stünde jemand mit dem Schwert über ihren Nacken, und sie zu schnelleren Arbeit anzutreiben“. Aus Mitgefühl wollte Evliya Celebi ihnen ein paar Silberlinge schenken, wurde jedoch von seinem Begleiter davon abgehalten. Später findet er heraus, wieso: „Man begann die Kaufläden zu schließen. Und da kamen nun einige Giauren herbei, nahmen den besagten muslimischen Gefangenen die Gürtelbinden von den Hüften, zogen ihnen die Turbane und die Kalpaks und die Spitzmützen von den Köpfen, entkleideten sie vollständig und steckten dann jedem einzelnen Mann einen Uhrschlüssel unter die Achselhöhle und drehten ihn einmal um, worauf bei sämtlichen Gefangenen die Hände und Köpfe, die Augen und die Augenbrauen sofort aufhörten sich zu bewegen. Und als man ihnen so die Turbane von den Köpfen und die Kleider vom den Leibern gezogen hatte, da sah ich, daß das lauter bronzene Menschenfiguren mit einem Uhrwerk waren, die sich, wenn das Werk aufgezogen war, wie die Uhren bewegten!“

Man soll aus der Geschichte lernen. Jedoch kann man nichts lernen, wenn man bestimmte Teile seiner Geschichte ausschließlich gefühlsbetont betrachtet. Oder ausweicht. Es ist an der Zeit, dies tunlichst zu ändern und die Gesamtgeschichte zu berücksichtigen. Auch die Osmanenzeit, samt Kamelskeletten, gehört zu Temeswar.

 


[1] Das Fürstentum Walachei, welches noch ein Vasallenstaat der Hohen Pforte war, wurde von den Osmanen „Ak Eflâk“ genannt (die Weiße Walachei); dabei sollte man beachten, dass die Farbe nicht phänotypisch zu verstehen ist, sondern geographisch. Die Osmanen ordneten bestimmte Farben den Himmelsrichtungen zu, so symbolisierte die Farbe schwarz den Norden, weiß hingegen symbolisierte den Westen. Folglich wurden die damals noch getrennten Fürstentümer Walachei und Moldau, wo Ersteres „Ak Eflak“ (Weiße o. Westwalachei), und Letzteres „Kara Eflak“ (Schwarze o. Nordwalachei) genannt wurde, um zwischen den zwei verwaltungspolitischen Einheiten unterscheiden zu können.

[2] Alî aus Temeswar. Der Löwe aus Temeschwar. Erinnerungen an Ca’fer Pascha den Älteren, aufgezeichnet von seinem Siegelbewahrer Alî“. Graz: Styria. 1981.

[3] 1687 A.D.

[4] Celebi, Evliya. Im Reiche des goldenen Apfels. Graz: Styria. 1957.

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