Vorsicht, der Putz fällt runter!

Stehende Rollsteige, stromlose Infokioske und andere Ärgernisse in der Hauptstadt

Montag, 11. September 2017

Völlig verlassen wirkt der teure Fahrsteig zwischen dem Nordbahnhof und dem Basa-rab-Bahnhof.

„Vorsicht, der Putz fällt runter!“ Was passiert mit den alten Gebäuden dann erst bei einem Erdbeben?

Infokioske gibt es eine Menge in der Hauptstadt.

In der Unterführung am Universitätsplatz gibt es keine intelligenten Informationstafeln mehr.
Fotos: die Verfasserin

Ein Sommervormittag. Die Gleise sind in leicht nebeliges Licht getaucht. Eine Neumarkt-Bierflasche, vom Wind getrieben, rollt langsam hin und her. Es ist das Einzige, das sich in dieser Umgebung bewegt. Drinnen in der Röhre des Fahrsteigs ruhen Papiertüten, Verpackungen und tote Herbstblätter. Ein Schild, das einen Fahrsteig zeigt, weist in Richtung eines Abschnitts ohne Decke, die Metallstrukturen erinnern an ein überdimensioniertes Knochengerüst. „Nu te mai preocupa, totul va fi bine“ („Mach dir keine Sorgen, alles wird gut sein“) steht darauf geschrieben. Hier riecht es am stärksten nach Urin.

Der Tunnel, der den Bukarester Nordbahnhof mit dem Basarab-Bahnhof verbindet, wurde 2013 eingeweiht und hat 11 Millionen Lei gekostet. Jetzt liegt alles unter einer dicken Schicht Staub, hier und da ist ein Graffito zu sehen.

Verlassener Fahrsteig

Seit mehreren Jahren funktioniert der „bewegte Bürgersteig“ nicht mehr. Die Investition umfasst insge-samt sechs Rollsteige, die 80 Meter lang sind, und eine Geschwindigkeit von 0.5 Meter pro Sekunde haben sollen. Der rollende Bürgersteig kann theoretisch 6000 Menschen pro Stunde und Fahrtrichtung transportieren. Die Presseagentur Mediafax teilte bei der Einweihung mit, dass der Fahrsteig sogar mit Geschwindigkeits- und Passagiersensoren ausgestattet ist. „Ich weiß, dass dies die komplette Bandbreite der Zivilisation erfasst“, hatte der damalige Bürgermeister Sorin Oprescu erklärt, der später wegen Großkorruption inhaftiert wurde. Jetzt sind Bauteile, die einst durchsichtig oder weiß waren, grau und schmutzig. In diesem Augenblick sind es ungefähr 15 Leute, die am Fahrsteig in beiden Gehrichtungen vorbeilaufen. Vom Nordbahnhof her kommen zwei Männer, entdecken den Fahrsteig und nähern sich. Einer nach dem anderen wirft einen Blick auf den stillstehenden „bewegten Bürgersteig“, lenkt wortlos die Schritte daran vorbei. Das Bürgermeisteramt schweigt auch: Vor der Veröffentlichung dieses Artikels wurde mehrmals vergeblich versucht, Kontakt mit dessen Vertretern aufzunehmen.

Touristeninformation und Touch-Screens

Ein heißer Nachmittag in der Hauptstadt. Im Zentrum wimmelt es gegen 16 Uhr vor Menschen, in der Unterführung am Universitätsplatz ist es aber angenehm kühl und es gibt nicht so viele Leute. Der Info-Point für Touristen ist schön eingerichtet, die Glastüren glänzen im künstlichen Licht. Drinnen aber: Dunkelheit. Nach Angaben der Zeitung Adevarul hat das Bürgermeisteramt 83.000 Euro in den 50 Meter großen Raum investiert. An den mit rundlichen Mustern verzierten Fenstern gibt es keine Informationen zu den Öffnungszeiten. Warum ist dieses Zentrum geschlossen? Die Direktion für Kultur, Sport und Tourismus des Bürgermeisteramtes reagiert auf die Frage der ADZ: „Die Öffnungszeiten für den einzigen Infopoint, der vom Bürgermeisteramt verwaltet wird, sind von 9 bis 17 Uhr, von Montag bis Freitag. Schönen Tag.“ Und: Eine Woche später klebt an der Tür des Info-Points für Touristen ein weißes Blatt Papier mit den in der E-Mail angegebenen Öffnungszeiten. In der Unterführung im Zentrum der Hauptstadt gab es auch mehrere Touch-Screen Geräte, 2010 eingeweiht, die den Bukarestern oder Touristen helfen sollten, Informationen über Bukarest zu erfahren. Die Infos waren – laut Medien -  nur auf Rumänisch verfügbar. Nach Angaben der Zeitung Adevărul haben diese 100.000 Euro gekostet und haben eine lange Weile nicht funktioniert. Jetzt sind sie verschwunden. Was mit ihnen passiert ist, wollten die Vertreter des Bürgermeisteramtes auch nicht verraten.

Infokioske ohne Strom?

Eine interessante Entdeckung kann man auch hinter dem bekannten Cişmigiu-Park machen. Geht man die Ştirbei-Vodă-Straße Richtung Athenäum entlang, so sieht man einen modernen Infokiosk in der Nähe der Bushaltestelle, ausgestattet sogar mit einer Überwachungskamera. Das Gerät hat bestimmt bessere Tage gesehen. Hält man sich dort auf, um den Infokiosk für die Nachwelt zu verewigen, so hört man: „Ja, ja, machen Sie Fotos davon!“ Das Bürgermeisteramt hat viel Geld für verschiedene Projekte in Bukarest ausgegeben. Ob diese auch den Bewohnern helfen, das ist ein anderes Problem. Die zahlreichen Infokioske in der Hauptstadt haben von Anfang an nicht funktioniert, informierte vor drei Jahren die Online-Nachrichtenplattform hotnews.ro. Laut Medienberichten wurden die Infokioske nicht mal an das Stromnetz angeschlossen.

Illegale Radwege

Die Radwege in Bukarest sind ein ganz besonderes Problem - mit einer langen Geschichte. Kurz zusammengefasst: In der Hauptstadt gibt es nur ein paar Kilometer legale Radwege. Die rumänische Polizei informiert über die Situation der 42 Radwege in Bukarest (Stand: 15.05.2017). Nur die Radwege auf der Calea Victoriei, auf der Buzeşti-Straße, dem Bd. Aviatorilor, zwischen dem Herăstrău-Park und der Piaţa Romană (Bd. Constantin Prezan) entsprechen den Standards. Die anderen nicht, wie die „Brigada Rutieră Bucureşti“ auf der Online-Liste der städtischen Fahrradpisten verrät: https://bpr.politiaromana.ro/ro/sistematizare/piste-pentru-biciclete. Das Bürgermeisteramt wollte trotzdem Leute ermutigen, mit dem Rad zu fahren. Deshalb wurde unlängst ein Programm gestartet, bei dem alle volljährigen Einwohner einen Gutschein im Wert von 500 Lei bekommen können, um ein Fahrrad zu kaufen. Theoretisch. In der Praxis wurden so viele Anträge in ein paar Tagen eingereicht, dass das Projekt gestoppt werden musste. Das Ergebnis: eine Warteliste für nächstes Jahr.

„Vorsicht, der Putz fällt runter!“

Die Schilder mit der Aufschrift „Atenţie, cade tencuiala!“ („Vorsicht, der Putz fällt runter!“) kennt jeder Bukarester. Falls man verletzt wird, ist man selber schuld. Wenn aber der Putz schon so herunterfällt, was wird dann erst bei einem Erdbeben passieren? Auf der Webseite www.riscseismic.ro/ kann man einen Stadtplan von Bukarest einsehen, der zeigt, wo sich nicht erdbebensichere Gebäude befinden. Tipp: Vielleicht sollte man das Zentrum gleich ganz meiden, denn die Innenstadt ist völlig rot. Doch viele tun das nicht: Die Gegend mit den höchsten Mietpreisen ist Lipscani. Hier kann man für eine Einzimmerwohnung bis zu 450 Euro pro Monat bezahlen.

Vermessung der Luftqualität

Landesweit gibt es Stationen und Geräte, die über die Umweltverschmutzung informieren sollen. Acht Stationen für die Vermessung der Luftqualität wurden in der Hauptstadt installiert. Das Netzwerk für die Überwachung der Luftqualität zeigt auf der Webseite calitateaer.ro eine Landkarte, auf der steht, dass vier von acht Stationen unzureichende Daten liefern. Eine davon ist die Station B6, die sich auf der Calea Victoriei befindet, gegenüber dem Sărindar-Springbrunnen. Kann man die Luftqualität der Stadt ohne ausreichende Daten überhaupt noch  zuverlässig messen? Heißt das, dass die Ergebnisse immer noch richtig sind?

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