Vorsichtiger Optimismus angesagt

Rumänien im europäischen Spannungsfeld

Donnerstag, 22. März 2012

Seit dem Eintritt in die Europäische Union im Jahr 2007 hat sich der Blickwinkel, in dem Rumänien aus dem übrigen Europa wahrgenommen wird, stark gewandelt. Dabei werden fest zementierte Vorurteile, alte Gerüchte, schönes Wunschdenken und wenige Fakten bunt durcheinander gemischt und zu Halbwahrheiten stilisiert.

Aus zentraleuropäischer Optik ist die wirtschaftliche Entwicklung des Landes besonders interessant. Die Frage, wie sich Rumänien in das europäische Wirtschaftsgeflecht integrieren kann und – umgekehrt – wie sich Europa anstellt, Rumänien aufzunehmen, ist und bleibt spannend; besonders jetzt, in der aktuellen, nahezu globalen Krisensituation. So sagt die EU-Kommission für die gesamte EU mit ihren 27 Mitgliedsländern für das Jahr 2012 eine Stagnation voraus. Sogar für Deutschland – in den vergangenen Monaten noch der volkswirtschaftliche Kraftprotz der Euro-Zone – prognostiziert die Kommission nur noch ein Wachstum von 0,6 Prozent, und reduziert damit die Erwartungen gegenüber vergangenem Herbst um 0,2 Prozentpunkte. Für Rumänien erwartet die Kommission ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent, womit das Land, zusammen mit den anderen neu in die EU aufgenommenen Staaten in Osteuropa, zur „Boomregion“ der Union gezählt werden muss. Mit einer Arbeitslosenrate von unter acht Prozent liegt Rumänien im europäischen Schnitt auch in diesem Segment auf einem guten Platz.

Zusammen mit dem zwar kleinen, aber konstanten Wirtschaftswachstum erlaubt dies für Rumänien eine leicht positive Bewertung der weiteren Entwicklung, auch über das laufende Jahr hinaus. Osteuropa ist und bleibt der Motor der europäischen Wirtschaftsentwicklung. Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, ist sich da ganz sicher. Die Region biete mittelfristig nicht nur klare Vorteile als Produktionsstandort, verkündete er Ende Juni letzten Jahres auf dem „Summer Night Symposium“ in Wien. Sie werde sich auch als attraktiver Absatzmarkt etablieren. Strategen wie Schwenker denken in 5-Jahres-Kategorien, Anleger oft nur in Monatszyklen. Und in den vergangenen fünf Monaten ließ die Begeisterung für die Emerging Markets in Europa deutlich nach. Der Grund: Die weltweite Korrektur an den Aktienmärkten ging auch an den Börsen Osteuropas nicht spurlos vorbei. Kurz, aber heftig sackten die Notierungen. Mittlerweile kehrt der Optimismus langsam aber sicher an die Märkte zurück – Schwenkers Prognosen finden nicht nur in den Top-Etagen Gehör. Auch andere Ökonomen pflichten ihm bei: Hans Holzhacker vom Economics Department der Bank Austria Creditanstalt sieht die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas nach wie vor in einer anhaltend guten Verfassung: „Sie wachsen nicht nur in der Summe, sondern auch jede einzelne von ihnen.“

Und dafür gibt es gute Gründe: Vor allem die ökonomischen Rahmenbedingungen sprechen für einen weiteren Konjunkturaufschwung der Region. „Basis des Erfolgs ist die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die sich in zweistelligen Exportzuwachsraten niederschlägt“, erklärt Holzhacker, „und das trotz teilweise erheblicher Reallohnzuwächse.“ Entscheidend sei vielmehr die gestiegene Qualität der exportierten Produkte. Niedrige Steuern und ein flexibler Arbeitsmarkt sorgen zudem für anhaltend hohe Investitionen – etwa von ausländischen Großkonzernen. Länder wie Rumänien, Ungarn, Polen oder Tschechien kämpfen allerdings nach wie vor mit großen Haushalts- und Außenwirtschaftsdefiziten. Aber zumindest die Inflation scheint weitgehend unter Kontrolle.

Die daraus entstehende neue Konsumlust lassen sich immer mehr Osteuropäer vorfinanzieren – auch wenn der Kauf auf Kredit bislang noch in den Kinderschuhen steckt. Der Bankensektor zählt daher mit zu den Top-Wachstumsbranchen in der Region. Dabei sollten die vor Ort tätigen Kreditinstitute auch von der zunehmenden privaten Vorsorge profitieren: Denn die sozialen Sicherungssysteme in Osteuropa sind in den meisten Fällen zu 100 Prozent kapitalgedeckt.

Neben dem Risiko stark schwankender Märkte steht vor allem die mangelnde Liquidität vieler Börsentitel einem Direktinvestment entgegen. Ein Ausweg: Anleger setzen auf Unternehmen aus Westeuropa, die in der aufstrebenden Region aktiv sind und dort bereits Gewinne einfahren. Eine andere Alternative sind Beteiligungsgesellschaften, die direkt vor Ort an den Börsen in aussichtsreiche Werte investieren. Mit deutlich weniger Risiko behaftet ist hingegen ein Investment in Fonds und Zertifikate mit Schwerpunkt Südosteuropa – auch zur Altersvorsorge könnten Anleger diese Investments beimischen. Es ist heute relativ deutlich abzusehen, in welche Richtung sich die Märkte Osteuropas entwickeln: Regionale Großkonzerne werden vor allem im Tourismus-, Energie- sowie Bau-, Banken- und Chemiesektor dominieren. Dabei können Anleger mitverdienen – als Aktionäre!

Auch wenn der Euro nach wie vor tief in der Krise steckt und Griechenland der gesamten EU zu schaffen macht: Der in Rumänien weitverbreitete Pessimismus dürfte somit einem vorsichtigen Optimismus Platz machen, auch wenn der Blick durch die rosarote Brille sicher nicht angebracht ist. Wenn nicht zünftig in die Hände gespuckt und kräftig angepackt wird, kann sich der zarte Aufschwung wie die laue Frühlingsbrise durch einen plötzlichen Wintereinfall vertreiben lassen...

Kommentare zu diesem Artikel

Ottmar, 22.03 2012, 15:11
Rumänien beim Wirtschaftswachstum mit Deutschland für das neue Jahr zu vergleichen ist aber schon ein bischen abwegig.
Während in Deutschland nach der Krise in den Jahren 2010 und 2011 das Wirtschaftswachstum mit knapp 4% und 3% um insgesamt 7% stieg war in den Jahre 2010 und 2011 in Rumänien ein negatives Wachstum zu verzeichnen. Da ist es also nicht schwer 2012 ein etwas höheres Wachstum zu prognostizieren. . Dieses hätte aber bei einer sauberen Auschreibung von Infrastrukturprojekten schon in den Jahren 2010 und 2011 durch den Abruf von EU-Gelder sein können aber leider sitzen in Rumänien nur Beamte die Gehälter kassieren aber sich nicht um den Dienst an der Gemeinschaft kümmern.

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