Vorträge „Apropo Marcel Proust“

Proust-Rezeption in Rumänien und Deutschland

Samstag, 21. November 2015

Die „Brancovans“ – ein Foto aus dem Archiv Michael Sostarich. Marcel Proust steht links in der letzten Reihe.

Professor Reiner Speck

Die Bibliothek Reiner Speck, d. h. die Bibliotheca Proustiana und die Bibliotheca Petrarchesca, wurde 2012 eröffnet, denn Professor Speck ist auch ein großer Petrarca-Liebhaber und -Sammler.

„Wozu braucht man Marcel Proust im Jahr 2015?“, fragte in die Runde der Hochschullehrer und Schriftsteller Marcel Tolcea, der die unlängst im Französischen Institut Temeswar/Timişoara stattgefundene Veranstaltung über den Autor des Romans „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) moderierte. „Wenn man ein literarisches Gegenmittel finden sollte für das schreckliche Gefühl, dass die Zeit mit einer unabwendbaren Geschwindigkeit dahinfließt, denke ich, dass wir uns Proust widmen sollten“, führte Tolcea als Argument an, der sich selbst nach 20 Jahren wieder der Proust-Lektüre im Original und in der rumänischen Übersetzung von Irina Mavrodin annahm.

Gäste des literarischen Abends waren zwei deutsche Professoren: Michael-Karl Sostarich und Reiner Speck, die über die Freunde rumänischer Abstammung von Marcel Proust und die Aufnahme von dessen Werk in Rumänien bzw. über die Gründung der einzigen Marcel-Proust-Gesellschaft in Deutschland und der Proust-Rezeption ebenda vortrugen. Die zwei deutschen Hochschullehrer sind nicht etwa Philologen oder Literaturwissenschaftler: Sostarich ist Doktor der Physik und Professor an der Ruhr-Universität in Bochum, Speck ist Doktor der Medizin (Dr. med.), ein Kölner Arzt, ein Urologe vierter Generation in seiner Familie, beide sind aber große Proust-Kenner und Proust-Liebhaber.

Proust und seine rumänischen Freunde

Michael Sostarich ist ein gebürtiger Temeswarer. Bis zu seinem achten Lebensjahr wohnte er in der Stadt an der Bega, nur ein paar Häuser entfernt vom Französischen Institut Temeswar, und konnte gerade noch ein Jahr die Knabenschule auf der gegenüberliegenden Straße vom selben Institut besuchen. Er zog nach Bukarest, wo er später Physik studierte. In den 1980er Jahren siedelte er dann nach Deutschland um. Seine Bekanntschaft mit Prousts Werk erfolgte im Alter von 24-25 Jahren, erzählt Sostarich. Als einen einsamen Proustianer bezeichnet sich der Physiker selbst, bis er in Deutschland die Gesellschaft fand, der er 1993 beitrat.

Alte Fotos und Porträts von Aristokraten rumänischer Abstammung, Persönlichkeiten der kulturellen und politischen Pariser Gesellschaft, die auch Proust gekannt oder mit ihm befreundet waren, laufen in der Präsentation auf dem Bildschirm im eleganten Foyer der Kimmel-Villa, die das Französische Institut Temeswar beherbergt. Antoine und Emmanuel Bibesco, die Söhne des Prinzen Alexandre Bibesco, deren Kusine Marthe Bibesco, geborene Lahovary, Anna de Noailles, geborene Ana Élisabeth Bibesco de Brancovan/Brâncoveanu, die Prinzessin Hélène Soutzo/Elena Şuţu, Hélène de Brancovan haben ihn alle gekannt. Letzteren widmete Proust die Einleitung „Sur la lecture“, die er zu seiner Übersetzung von John Ruskins Essay „Sésame et les Lys“ schrieb. Gut befreundet mit ihm war der Aristokrat, Anwalt und Diplomat Antoine Bibesco, der den Schriftsteller 1900 im Pariser Musiksalon seiner Mutter Elena Bibesco, einer talentierten Pianistin, kennenlernte. Proust soll angeblich auch der Verlobung Bibescos mit der englischen Aristokratin Elisabeth Asquit beigewohnt haben. Antoine Bibesco schrieb die zweite Einleitung zur 1945 im Verlag der Königlichen Stiftungen (Editura Fundaţiilor Regale) veröffentlichten ersten rumänischen Übersetzung von Radu Cioculescu des ersten Bandes der „Recherche“ – „Swann“.

Antoine und Elizabeth Bibesco hatten eine einzige Tochter, Alexandra Priscilla Hélène Hodgson, die Sostarich 1996 in Paris kennenlernte. „Dass ich Priscilla kennenlernte, sie drei-viermal wiedergesehen habe, mit ihr über Proust und die Bibescos gesprochen habe, ohne jedoch vieles zu erfahren, hat mich nach ihrem Ableben 2004 veranlasst, so viel wie möglich über Antoine Bibesco und seine Familie in Erfahrung zu bringen“, sagt Sostarich. Dieser habe sich als einziger für die Bekanntmachung von Prousts Ouevre in Rumänien eingesetzt, meint der Physiker. Der Briefwechsel zwischen ihm und Proust hat Antoine Bibesco 1949 in einem Band in Lausanne herausgegeben. Ein Jahr später wird er die 220 Briefe an Philip Kolb für die Bibliothek der University of Illinois in Urbana/USA verkaufen. Kolb hat im Plon-Verlag in über 20 Bänden die Korrespondenz von Proust veröffentlicht.

Ein sammelnder Leser, ein lesender Sammler

Seit fast einem halben Jahrhundert beschäftigt sich Prof. Dr. Reiner Speck, ein Kölner Arzt, mit Proust. Als Beweis dafür stehen: die größte private Sammlung mit Briefen von Marcel Proust, die Bibliotheca Proustiana Reiner Speck und die Marcel-Proust-Gesellschaft. Hohe dunkelbraune Holzregale voller Bücher tapezieren von oben bis unten die Wände der eleganten Kölner Villa von Professor Speck. Diese Bilder sind während des Vortrags des Arztes zu sehen. In seiner Ausführung bezieht sich Reiner Speck auf die Rezeption Prousts in Deutschland, die Geschichte des Übersetzens und Verlegens von dessen Werk und nicht zuletzt auf die Gründung und Tätigkeit der einzigen Marcel-Proust-Gesellschaft in Deutschland.

Die Aufnahme und Verbreitung von Prousts Werk in Deutschland geschah wellenförmig. „Am Anfang der deutschen Proust-Rezeption steht ohne jeden Zweifel Rainer Maria Rilke“, so Speck. Nach Erscheinen von „Swann“ berichtete Rilke in seinen Briefen 1914 darüber. Der Anfang der Exegese und der Verbreitung von Prousts Werk in Deutschland ist dem jungen Romanisten Ernst Robert Curtius zuzuschreiben, nachdem der französische Schriftsteller für den zweiten Band der „Recherche“ den Goncourt-Preis erhielt. Mit der ersten Übersetzung ins Deutsche beauftragt der linksorientierte Verlag „Die Schmiede“ den jungen Romanisten Rudolf Schottlaender, dessen Arbeit von Curtius aber heftig kritisiert wird. Walter Benjamin und Franz Hessel werden vom Piper Verlag für die Übertragung von „A l´ombre“, dem zweiten Band der „Recherche“, und weiteren Bänden beauftragt.

Während des Zweiten Weltkrieges geht die Rezeption des Proustschen Werks in Deutschland nicht so gut voran, auch aufgrund der halbjüdischen Abstammung des Schriftsteller, was sich jedoch nach Kriegsende ändern sollte. Auf Empfehlung von Curtius übersetzt seine Schülerin und Assistentin Eva Rechel-Mertens die gesamte „Recherche“ für den Suhrkamp Verlag – eine Übersetzung, die dann „vom Großteil der Wissenschaft und Kritik als kongenial gefeiert wird“, führt Speck aus. Später erscheint im Reclam Verlag „eine umfangreiche kommentierte völlig neue Übersetzung von Bernd Jürgen Fischer“.

Die deutsche Marcel-Proust-Gesellschaft wurde am 18. November 1982, anlässlich des 60. Todesjahres des Schriftstellers, ins Leben gerufen. Nach 33 Jahren seit der Gründung zählt die Gesellschaft nun 450 Mitglieder. Zu verdanken sei die Existenz und Entstehung der Marcel-Proust-Gesellschaft aus dem Geist einer Bibliothek, der „Bibliotheca Proustiana Reiner Speck“, meint der Gründer dazu. Ob an deren Anfang das Lesen oder das Sammeln stünde, kann Professor Speck rückblickend nicht sagen, „allein das Resultat zählt“, und er bezieht sich auf die Bibliothek mit über 4000 Titeln zu Proust und dessen Werk. Um die Werke Prousts bekannt zu machen, organisiert die Gesellschaft jedes Jahr Kolloquien, Tagungen und Ausstellungen.

„Wenn sich Sammlerleidenschaft und Lesererfahrung immer wieder im Spiegel meiner Bibliothek vermischen, so liegt darin der Nachvollzug eines Madeleine-Rituals: doch Gebäck und Lindenblütentee an sich sind noch nichts – erst Eintauchen und Aufnehmen verwandelt“, schließt Professor Speck seinen Vortrag.

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