Wahrnehmungsfilter

Donnerstag, 19. Juni 2014

Foto: freeimages.com

Manche Menschen nehmen die Welt durch eine rosarote Brille wahr. Andere durch den trüben Filter der angeblichen Realität – und wiederum andere durch die Linse eines Fotoapparats. Ich betrachte sie schreibend! Es muss an den Schreibkörperchen in meinen Fingern liegen, dem taktilen Pendent zu Zäpfchen und Stäbchen in der Netzhaut. Erst wenn ich eine Tastatur berühre, entfaltet sich ein Sinneseindruck zur erlebten Realität... Der Reiz eilt dann auf Nervensträngen freudig hüpfend dem Gehirn entgegen und gibt dort im Schreibzentrum der Großhirnrinde eine Explosion an Bildern, Klängen, Gerüchen und Gefühlen ab. Was ich nicht aufschreibe, ist nicht gewesen!
In umgekehrter Richtung funktioniert es genauso: Eine Idee oder ein komplexer Zusammenhang –  in meinem Kopf ein glasklares Bild – fällt spontan zusammen, wenn man hier oder dort an den Gedankenfäden zieht. Es will erst über den Umweg der Tastatur aus mir herausfließen.
Was die Schreibkörperchen nicht fühlen, gibt es nicht. Oder nur tief in mir drin, im Knäuel des Unterbewusstseins fest aufgerollt.

An zweiter Stelle steht sogleich das Lesen. Nichts reizt meine Aufmerksamkeit mehr als die lieblichen Schwarzweißkontraste einer Buchstabenkette. Man kann an ihr gemütlich entlanggleiten wie auf einer Panoramastraße – oder sie in wilder Achterbahnfahrt atemlos durchrasen. Es ist wie beim Essen: Löffelchen für Löffelchen genießen oder mit einem gierigen Haps alles auf einmal verschlingen.
Vergeblich besitzen wir ein Radio – für mich nur lästige Geräuschkulisse, die meine Gedankengänge stört. Auch Fernsehsendungen passieren die kleinen grauen Zellen nahezu ungefiltert. Je lauter, desto schlimmer, denn vor aggressiven phonischen Angriffen schützt man sich am besten durch inneres Abschalten. Ähnlich geht es mir mit dem Telefon. Die Länge des Klingelns verhält sich umgekehrt proportional zur Lust aufs Abheben. E-Mails hingegen sind super: In Sekundenbruchteilen kann man sich umfassend und präzise mitteilen, egal ob man einer Tausende Kilometer entfernten Freundin die Seele ausschütten oder nur der Kollegin am Schreibtisch gegenüber einen Witz zumailen will.
Es kommt einer merkwürdigen Behinderung gleich, wenn man mit der Welt nur in geschriebenen Worten kommunizieren kann. Es macht das Leben zu einer Art... Tageszeitung! Bin ich vielleicht ein Schreib-Autist? Na, ganz so schlimm ist es wohl doch nicht: Denn vom ausgedruckten Kochrezept, egal wie stilvoll man es auf dem Teller drapiert, werde selbst ich nicht satt.
Ehrlich, ich hab’s probiert!

Kommentare zu diesem Artikel

Horst, 20.06 2014, 19:34
Schöne Reflexion über eine persönliche Befindlichkeit :-) Sie sind damit aber in guter Gesellschaft, glaubt man dem Literaturwissenschaftler Tomasz Kurianowicz; Unter dem Titel: "Schreiben statt streicheln - Die neue kalte Liebesordnung" schreibt er zu dem Thema in der Neuen Züricher Zeitung . Hier kann man den Artikel nachlesen: http://www.nzz.ch/feuilleton/die-neue-kalte-liebesordnung-1.18325876

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