Walachische Geschichte in bewegenden Bildern

Radu Judes preisgekrönter Film „Aferim!“ in den rumänischen Kinos

Donnerstag, 26. März 2015

Szene aus „Aferim!“

Bei den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin wurde Mitte vergangenen Monats der Film „Aferim!“ von Radu Jude mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. Damit erhielt – zwei Jahre nach dem Goldenen Bären für Călin Peter Netzers Film „Poziţia copilului“ – erneut ein rumänischer Film eine der begehrten Trophäen des international renommierten Filmfestivals Berlinale. Mitte März, einen Monat nach seiner preisgekrönten Berliner Aufführung,  kam „Aferim!“ auch in die rumänischen Kinos und deklassierte, was die Zuschauerzahlen anbetrifft, bereits am Premierenwochenende jeden anderen rumänischen Film, darunter auch das sehenswerte Gegenwartsdrama „De ce eu?“ von Tudor Giurgiu.

„Aferim!“ ist ein Historienfilm, der im Jahre 1835 in der Walachei spielt, zu einer Zeit, als nach dem Ende der Phanariotenherrschaft das Osmanische Reich immer mehr an Einfluss verlor und Russland immer stärker den Anspruch erhob, als Schutzmacht über die Geschicke der Walachei mitzubestimmen. Der Titel des Films „Aferim!“ spielt als solcher bereits auf die Fremdherrschaft in der „Ţara Românească“ an, denn die Interjektion „Aferim!“ ist dem Türkischen entlehnt und bedeutet auch im Rumänischen so viel wie „Gut gemacht! Bravo!“

Das damals in der Walachei lebende Vielvölkergemisch wird in Radu Judes Film zu größter Anschaulichkeit gebracht, wobei neben den nationalen auch die ethnischen, die religiösen und die sozialen Spannungen deutlich hervortreten. Türken, Griechen, Russen, Ungarn, Rumänen, Juden, Zigeuner treten selbst auf oder werden wenigstens erwähnt, orthodoxe Christen beschimpfen das Volk der Juden, Rumänen streiten mit den Zigeunern, ja die Zigeuner selbst geraten untereinander in Zwietracht, jeder lebt in Zwist mit jedem: der Freie mit dem Sklaven, der Bojar mit dem Gesinde, der Mann mit der Frau.

In diesem konfliktgeladenen Ambiente entfaltet sich die Handlung des Films, die zu einem großen Teil Sprachhandlung ist, vollzogen in einem von Archaismen durchsetzten Rumänisch, das nicht von ungefähr bei der rumänischen Literatur (Nicolae Filimon, Cilibi Moise, Anton Pann, Ion Creangă, Vasile Alecsandri, Ion Budai-Deleanu u.a.m.) Anleihen macht. Für das Gesamtverständnis des Films ist die Fassung mit englischen Untertiteln durchaus zu empfehlen, auch wenn dort beispielsweise der rumänische Maisbrei durch bloßes Brot wiedergegeben wird.

Das Grundgerüst der Filmhandlung ist schnell erzählt. Der Gendarm Costandin reitet gemeinsam mit seinem Sohn Ioni]² durch die walachischen Lande, um den Zigeuner Carfin dingfest zu machen, der dem Bojaren Iordache Cîndescu, freilich eher auf Betreiben von dessen Frau Sultana und weniger aus eigenem Antrieb, Hörner aufgesetzt hat. Sie finden den flüchtigen Sklaven schließlich im Herrschaftsbereich eines anderen Großgrundbesitzers und bringen ihn mit Waffengewalt zu seinem Eigentümer zurück, der ihn daraufhin zur Strafe vor aller Augen eigenhändig kastriert.

Der auf diesem kargen Handlungsgerüst aufbauende Reichtum des Films ist auf mehreren Ebenen erlebbar. Wunderbar die Landschaftsaufnahmen: die Ritte durchs Uferschilf, auf Waldwegen, im Weidengehölz bei Hochwasser, Flüssen entlang, durch gebirgige Gefilde und weite Ebenen. Herrlich die historischen Kostüme, die allesamt wie aus rumänischen Dorf- und Bauernmuseen entliehen scheinen. Kein Wunder, dass „Aferim!“ ein für rumänische Verhältnisse rekordverdächtiges Budget von über einer Million Euro notwendig machte. Grandios auch die ethnographisch korrekte Wiedergabe walachischer Lebensverhältnisse am Anfang des 19. Jahrhunderts: die Rolle der Kirche, der Klöster, der Geistlichen, die Armut und der Hunger der Landbevölkerung, die Sklaverei und die Leibeigenschaft, die Bauern- und Handwerkerkultur – all dies wird von Radu Jude mit einer Selbstverständlichkeit in Szene gesetzt, als sei Historie unmittelbar präsent.

Die „troiţa“, das große Kreuz aus Holz oder Stein, das die Helden des Films und seine Zuschauer als ubiquitäre Wegmarke auf Schritt und Tritt ständig begleitet, wird dabei zum zeitenübergreifenden Symbol für Geschichte und Gegenwart. Unnachahmlich auch die Darstellung des großen Jahrmarktsfestes mit Wein, Weib und Gesang, das Puppentheater, das hölzerne Riesenrad, die Sprüche der Feiernden, der aufschäumende Streit, die beruhigenden Lieder, die Spiele zur Belustigung und Unterhaltung und die zahlreichen Sentenzen, die von der Mentalität der multiethnischen Walachen zeugen: „Spuck uns an und lass uns in Ruhe!“; „Wer schläft, hat keinen Hunger!“

Man kann den Film „Aferim!“ auch als eine Bildungsgeschichte verstehen. Der Sohn des Gendarmen Costandin wird von seinem Vater in eine Welt eingeführt, in der nur derjenige bestehen kann, der lügt, betrügt, besticht, frömmelt und zugleich flucht, vor Rührung weint und zugleich harten Herzens ist, gesellschaftlich unter ihm Stehende züchtigt und die Hand des Bojaren küsst, welcher Untergebene wider jedes Recht grausam foltern darf. Die Bitte des Sohnes Ioniţă, den Zigeuner Carfin doch laufen zu lassen, um ihm das ungerechte Strafgericht des Bojaren Iordache Cîndescu zu ersparen, wird vom Vater schroff zurückgewiesen. So wie der Vater seinem Sprössling ein Schäferstündchen bei der Wirtshaushure Zambila spendiert, so spendet er ihm den traurigen Trank und die bitteren Bissen seiner Lebensweisheit, die den Sohn nach und nach verstummen machen.

Der Film selbst aber klingt in einem fort: in den beständigen Reden der Protagonisten, im allgegenwärtigen Gesang, im Geräusch der Arbeit, den Klängen des Festes, im Wehen des Windes, in den Tönen der Natur und im Singen der Landschaft, aber auch in den Schmerzensschreien der gequälten Kreaturen, die von der herrschenden Obrigkeit grundlos herumgestoßen, schikaniert oder gar gefoltert werden. Herzzerreißend die Bitten des Zigeunerbuben Ţintiric, Costandin möge ihn doch bei sich selbst aufnehmen und ihn nicht an einen Herrn weiterverkaufen, der ihn genauso misshandeln wird wie dessen Vorgänger!

Wie jeder gute Film, so lebt auch „Aferim!“ von der Kunst der Schauspieler, die an keiner Stelle aus ihrer dokumentarischen Rolle fallen und künstlich theatralisch werden, sondern vielmehr das Tragische im Historischen qua Understatement umso deutlicher lebendig hervortreten lassen. Allen voran ist Teodor Corban als Costandin zu nennen, der den Film sprachlich trägt, sei es als monologisierender Hauptredner, sei es als Gesprächspartner oder als bloßer Zuhörer. Seine Suche nach dem Zigeuner Carfin kann man auch als Suche nach einer Lebenswahrheit begreifen, die ihn am Ende genauso entmannt wie der Bojar seinen Sklaven. Außerordentlich ist auch Alexandru Dabija in der Rolle des Iordache Cîndescu, obwohl Dabija bislang nicht als Schauspieler, sondern allein als Regisseur hervorgetreten ist. Umso beeindruckender seine Verkörperung einer Bojarengestalt, die sich dem Zuschauer ins Gedächtnis eingräbt.

Desgleichen begeistern der junge Alberto Dinache als Ţintiric, Cuzin Toma als Carfin und Mihaela Sîrbu als Sultana, von den kurzen Auftritten Victor Rebengiucs und Lumini]a Gheorghius als Korbflechterehepaar ganz zu schweigen. Alexandru Bindea hat als fahrender Pope einen herrlichen Gastauftritt, in dem er Antisemitismus mit chauvinistischen Schimpftiraden gegen alle möglichen Völker Europas zu einem xenophoben Monolog amalgamiert, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Bleibt nur eine allerletzte Frage: Was in aller Welt hat den Regisseur dazu bewogen, seinen Film „Aferim!“ ausschließlich in Schwarzweiß zu drehen? Zur Aufrechterhaltung der historischen Fiktion hätte ein Filmanfang in Schwarzweiß vollauf genügt, den man dann schnell ins Farbige hätte übergehen lassen können, mit der möglichen Aussicht auf ein Zurückgleiten ins Schwarzweiße zum Ende des Films. Warum versagte Radu Jude, zumal sein Film einer spezifischen Schwarzweißästhetik entbehrt, seinem Publikum den vollen koloristischen Genuss der Natur, der Gesichter, der Kostüme, den farbigen Abglanz, an dem die Figuren ihr Leben haben? Eine befriedigende Antwort darauf wird der zu Recht gefeierte Meisterregisseur wohl schuldig bleiben.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 28.03 2015, 09:54
Eine wunderbare Rezension über einen wunderbaren Film.
Auch den Hinweis am Ende des Textes, warum der Film nicht in Farbe gedreht wurde, ist legitim. Nur Künstler können die schwarzweiße Reduktion eines Film auskosten, während der Normalbürger durch die Farbe mehr sehen und verstehen können.

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