Wald aus Skulpturen

Holzarbeiten rumänischer Bildhauer im Bukarester Nationalen Kunstmuseum

Sonntag, 21. Oktober 2012

Gheza Vida: „Tanz aus Oaş“

Betritt man die Ausstellung, die gegenwärtig unter dem Titel „Skulpturale Archetypen“ im Erdgeschoss des Bukarester Nationalen Kunstmuseums besichtigt werden kann, fühlt man sich in einen lichten und bewegten Wald versetzt, in dem Stämme, Strünke, Klötze und Blöcke zu figuralem Leben erwachen und den Betrachter mit ihrer sprechenden Präsenz verzaubern und verstummen machen.

Noch bis zum 28. Oktober dieses Jahres sind aus eigenen Beständen des Kunstmuseums 75 Holzskulpturen von 22 rumänischen Künstlerinnen und Künstlern aus den Jahren 1918 bis 1999 in zwei Ausstellungsräumen zu besichtigen, von denen der größere durch seinen roten und der kleinere durch seinen gelben Hintergrund die Meisterwerke aus Holz noch plastischer und wirkungskräftiger hervortreten lässt.

Skulpturen aus Holz wecken, im Gegensatz zu solchen aus Ton, Gips oder Metall, schon durch ihr Material beim Betrachter vielfältige und besondere Assoziationen. Sie eröffnen Bezüge zur Volkskunst und Volkskultur, sie schaffen Raum für Verbindungen zur religiösen Kunst und historisch gemahnen sie an die Holzschnitzer des Mittelalters, ja greifen zurück bis zu den ersten Künstlern der Menschheit in prähistorischen Zeiten.

Die Treue gegenüber dem Material, das Spiel zwischen Naturbelassenheit und künstlerischer Bearbeitung, der direkte Kontakt zum Medium artistischen Schaffens ist und bleibt das Credo aller mit Holz arbeitenden Bildhauer, ob sie nun Gegenständliches skulpturieren oder abstrakte Kompositionen schaffen.

In der Bukarester Ausstellung vermisst man zwar Namen wie Constantin Brâncuşi oder Dimitrie Paciurea, doch die hier versammelten Skulpteure gehören sämtlich und ausnahmslos zu den Großen und ganz Großen der rumänischen Bildhauerkunst, zumal etliche von ihnen Schüler von Paciurea waren und andere wiederum in ihren Werken Einflüsse von Brâncuşi aufweisen. Erläuterungen zu den einzelnen Künstlern, biografische Hinweise sowie Ausstellungsübersichten, erleichtern es, die einzelnen ausgestellten Werke, die vorzüglich mit Titeln und Jahreszahlen erfasst sind, in einen kunstgeschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, der sich nahezu über ein ganzes Jahrhundert erstreckt.

Programmatisch steht am Eingang zur Ausstellung das Werk „Der Skulpteur“ (1974) von Adrian Popovici. Die raue Materialität des Holzes, die den Körper der Plastik kennzeichnet, tritt dabei in einen wirkungsvollen Kontrast zum glatten Gesicht der Figur, das das Material durch seine polierte Oberfläche gleichsam vergeistigt und spiritualisiert. Ebenso figürlich im traditionellen Sinne sind die Skulpturen von Gheza Vida, die vor allem Arbeiter und Bauern zum Gegenstand haben. Besonders beeindruckend ist seine Skulpturengruppe dreier Landmänner mit dem Titel „Tanz aus Oaş“ (1949) sowie seine Plastik „Der Schäfer (Alphornbläser)“ (1957), ein dynamisches Werk im Barlach-Stil, bei dem die Skulpturendiagonale, das Alphorn, fast wie ein Ruder wirkt, in das die dargestellte Figur ihre ganze Kraft hineinlegt.

In den Plastiken aus dem Jahre 1980 „Norne I“ und „Norne II“ von Ion Vlasiu werden dann Tendenzen zur Abstraktion spürbar, die Stammförmigkeit des Totempfahls wird zum plastischen Rahmen für die skulptierten Gesichter der Schicksalsschwestern. In der Holzskulptur „Die schönen Künste und das Leben“ (1968) von Laurenţiu Mihail, die ebenfalls die bildnerische Form des Totempfahls zitiert, verwandeln sich die stark stilisierten Menschen und Tiere auf dem Wege der Abstraktion fast zu fernöstlichen Schriftzeichen, die nur beim aufmerksamen Hinschauen ihre konkrete Figürlichkeit wiedererlangen.

Ganz abstrakt sind dann die Skulpturen von Constantin (Ticu) Arămescu, die in der Ausstellung gezeigt werden und an Picassos hölzerne Figurengruppe „Die Badenden“ erinnern. Die drei Skulpturen aus dem Jahre 1970 „Kolumbus auf der Santa Maria“, „Der Kontrabass“ und „Der Heilige“, verwenden außerdem auch Elemente aus Metall, Schrauben, Ringe und Turbinen, wobei in der letztgenannten Skulptur ein Zahnrad zum Heiligenschein mutiert.
An der Rückwand des großen Ausstellungssaales steht beherrschend die Plastik „Eroica“ (1971) von Ovidiu Maitec, ein Triptychon mit massiven Außenflügeln und einem röhrenförmig durchhöhlten Stamm in der Mitte.

Die röhrenförmige Durchhöhlung als skulpturales Element findet sich auch in seinen Holzplastiken „Säule“ (1971) und „Radar“ (1973), und in mehreren Skulpturen, z. B. in „Pforte“ (1969), „Der blaue Vogel“ (1970) oder „Vogel“ (1972), arbeitet Maitec mit Scharnieren, die Beweglichkeit im Ruhenden, Dynamik im Statischen suggerieren. Rein abstrakt ist dann wieder die Skulptur „Kreuzigung“ (1982) von Constantin Popovici, und auch die Skulpturen von George Apostu bewegen sich, trotz ihrer gegenständlichen Thematik etwa in den Vater-und-Sohn-Plastiken, im abstrakten Bereich, wobei der Bildhauer gerade die Naturgegebenheit des Baumstammes seinem künstlerischen Willen zur Abstraktion dienstbar macht.

Rodica Popescu-Racotă verwendet bei ihren hölzernen Triptychen auch Farben, besonders Grün und Gold, und Gabriela Manole Adoc verleiht in ihrem „Torso“ aus dem Jahre 1972 dem polierten, strahlenden und spiegelnden Holz fast metallische Qualitäten. Plötzlich stößt man auf eine Bank, die zum Sitzen einlädt. Es handelt sich dabei jedoch um ein Werkstück von Ovidiu Maitec aus dem Jahre 1990, in seiner Formung der Gestalt des Stammes folgend, mit einer glatten Sitzfläche aus dunklem, wunderschön gemasertem Holz.

Im kleinen Ausstellungssaal, der sogenannten Rotunde, sind mehrere Entdeckungen zu machen. Neben den Aktkompositionen von Hans Mattis-Teutsch verdient vor allem das Werk des Paciurea-Schülers Arnold Cencinschi besondere Beachtung. Der polnischstämmige Jude hatte nach dem siebenbürgischen Dorf Prundu Bârgăului, in dem er sich niedergelassen hatte, den Künstlernamen Borgo Prund angenommen. Seine hölzernen Flachreliefs aus den dreißiger Jahren, sein chagallesker „Mann mit Hut“ (1932), seine Akte und Kompositionen, seine „Pieta“ und seine „Tänzerin“ verdienen besonders aufmerksame Betrachtung. „Friedensbotschaft“ (1960), ein Frauenakt mit Taube von Eugen (Jenö) Szervátiusz, gehören ebenso wie „Herbst“ (1956-59), die Figur einer Arbeiterin im Weinberg mit Messer, Traube und Ranke von Péter Balogh oder wie „Der Dorfbürgermeister“ (1943), ein wahrhaft barlachsches Werk von András Kós, zu den Holzskulpturen, die man aus der Ausstellung im Kunstmuseum im Geiste mit nach Hause nimmt.

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