Wanderer zwischen den Sternen

Über Makoto Yukimuras „Planetes“

Montag, 08. September 2014

Im Weltraum lässt es sich nicht leben: Extreme Temperaturen zwischen minus 270 Grad Celsius und plus 100 Grad Celsius bei Sonneneinstrahlung lassen den menschlichen Körper durch Wärmeabstrahlung auskühlen.  Die starke UV-Strahlung würde innerhalb weniger Sekunden die Haut garen. Nur zehn Sekunden im Vakuum reichen aus, um aufgrund von Sauerstoffmangel das Bewusstsein zu verlieren. Wer also ohne Raumanzug dort draußen zwischen den Sternen treiben möchte, muss damit rechnen, es für alle Zeiten als gefriergetrocknete Mumie zu tun.

Der Weltraum ist für den Menschen eine Todesfalle. Trotzdem schmachtet er ihm nach. Die Astronautin Julie Payette sagte einmal: „Wir müssen die Grenzen überschreiten – in der Hoffnung, eines Tages auch woanders ein kleines Stück Himmel zu finden.“ Es gehöre schließlich zum Wesen des Menschen, so Serguei Krikalev, das Unbekannte zu erforschen. Wobei die Suche nach dem Unerschlossenen nur zu oft von der Frage nach dem Sein getrieben ist. Eine Feststellung, die auch der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem in seinem Roman „Solaris“ traf: „Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.“

Schon der deutsche Schriftsteller und Vertreter der Frühromantik Novalis setzte den Drang des Menschen, den Weltraum zu erforschen mit seinem eigenen unersättlichen Wunsch nach Selbstfindung gleich: „Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns?“

Diese Frage hat auch den japanischen Mangaka Makoto Yukimura beschäftigt. Sowohl diese, als auch die technischen, die sich die Raumfahrt seit 88 Jahren stellt. In seiner Mangaserie „Planetes, die zwischen 2000 und 2004 im Seinen-Magazin Morning erschien, nahm sich der Zeichner und Autor dem Weltraum an und spielte mit dem Gedanken, wie der Mensch dort draußen leben würde. Später wurde die Serie in vier Bänden zusammengefasst, die bis im Frühjahr 2005 auch in deutscher Fassung bei Planet Manga erschienen sind.
Mit der Ausschöpfung der natürlichen Ressourcen auf der Erde, hat sich die Menschheit gegen Ende des 21. Jahrhunderts den Sternen zugewandt. Durch die Erschließung neuer Lebensräume auf dem Mond und später im Laufe der Serie auf den Planeten Mars und Jupiter, soll der Rohstoffknappheit entgegengewirkt werden. Aufgrund der wachsenden Zahl an Raumflügen, hat sich in der Erdatmosphäre viel Müll angesammelt. Und dieser birgt eine große Gefahr: Beim Einschlag eines nur ein Zentimeter großen Objekts wird die Energie einer Handgranate freigesetzt. Yuri Michailov hat aufgrund von Weltraumschrott seine Frau verloren. Er überlebte nur durch Zufall.

Yuri ist einer von drei Mitgliedern der DS12-Crew, die sich um die Beseitigung von Debris im Weltraum kümmert. Der russische Astronaut nahm den Job an, um gleichzeitig nach einem Kompass zu suchen, den seine Frau während des Todesflugs bei sich trug, der aber nicht in den Trümmern gefunden wurde.
Das zweite Mitglied ist Fei. Ihre Lebensgeschichte ist weniger tragisch: Sie ist verheiratet, lebt in Florida und ist eine passionierte Raucherin. Yukimura thematisiert ihre Sucht in eines der ersten Kapitel der Serie, um so auch darauf aufmerksam zu machen, wie kostbar Sauerstoff im Weltraum ist. Fei verscherzt es sich mit Separatisten der sogenannten Weltraumverteidigungsfront, die regelmäßig Terroranschläge verüben. Sie wollen den Menschen vom Weltraum abschotten und legen darum Bomben auf den Weltraumstationen.
Das dritte Mitglied ist Hachirouta „Hachimaki“ Hoshino. Hachimaki ist auch die Hauptfigur der Handlung aus „Planetes“. In späteren Bänden wird er Teil der Besatzung, die den Jupiter kolonisieren soll. Die junge Frau Tanabe Ai wird seine Nachfolgerin auf der DS12.

Durch die Protagonisten thematisiert Yukimura Problematiken wie Tod und Verlust sowie den harschen Ehrenkodex der Astronauten. Immer wieder erzählt der Mangaka von den schweren Lebensbedingungen im Weltraum und dem ständigen Kampf des Menschen, ihn zu erobern. In einem der ersten Kapitel lernt Hachimaki einen älteren Astronauten kennen, der jahrelang der tödlichen UV-Strahlung ausgesetzt war und darum im Sterben liegt. Statt auf einer Krankenstation auf dem Mond das Ende abzuwarten, fährt der sterbende Astronaut raus auf die Mondoberfläche, weil er nur dort seinen Platz sehen würde.

Eine Katze im Weltraum

Makoto Yukimura geht es immer wieder um den Menschen und seinen Kampf mit einer harschen Umwelt, die nicht für ihn geschaffen wurde. Wobei die Handlung ins magisch-mythische ausartet. Besonders die Hauptfigur Hachimaki muss immer wieder harte Bewährungsproben bestehen, die auch dazu führen, dass er sich selbst mehrmals in Frage stellt. An kritischen Punkten der Handlung erscheint dem Protagonisten die weise weiße Katze Maneki Neko. Sie ist Hachimakis Ratgeberin. Eine Maneki Neko  ist ein beliebter japanischer Glücksbringer in Gestalt einer aufrecht sitzenden Katze, die den Betrachter mit ihrer rechten oder linken Pfote herbeiwinkt.

Schließlich geht es in Planetes auch um die Frage, ob der Mensch in der Einsamkeit des Weltraums überleben kann. Auch die Frage nach Gott und der menschlichen Seele wird aufgeworfen. Im Angesicht der Unendlichkeit muss der Mensch erneut feststellen, wie klein er doch ist und genau wie die Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht, muss Hachimaki sich mit der Tatsache konfrontieren, dass die Menschheit nur ein winziger Teil eines Ganzen ist.

Schließlich kommt der Protagonist zu der gleichen Schlussfolgerung wie der Dichter Novalis. Nachdem er sichaufgrund der Vereinsamung und der harten Tests, die er für die Jupiter-Mission über sich ergehen lassen muss, ein Alter Ego schafft, der ihn verfolgt und ihn zur Aufgabe überreden will, hat Hachi einen Fahrradunfall und entgeht nur knapp dem Tod. In diesem Augenblick erscheint auch seine Maneki Neko und Hachi erlebt einen Augenblick der Erleuchtung: „Auf dieser Welt ist also alles ein Teil des Alls? Ich auch bin ein Teil davon. Und erst dadurch wird es überhaupt zum All?“

Es sind die existenziellen Fragen, gepaart mit den detaillierten Beschreibungen über die Weltraumfahrt, die Planetes so faszinierend macht. Zum Einen wird man darüber aufgeklärt, was ein Astronaut im Weltraum bewältigen muss, zum anderen wird die Frage nach den Menschen aufgeworfen. Müssen wir wirklich den Weltraum erobern?

Schließlich sagt die Maneki Neko zu Hachimaki: „Es spielt keine Rolle, wie viele sich ihm letztendlich stellen. Der Weltraum ist ein Ort, dem der Mensch nicht gewachsen ist. Solange er lebt.“

Realistische Science-Fiction aus Japan

1999 erschienen die ersten Kapitel von „Planetes“ in dem japanischen Manga-Magazin „Morning“, das sich an erwachsene Männer zwischen 20 und 40 Jahren richtet. Es war Makoto Yukimuras Debüt als Mangaka. „Planetes” wurde auch zu einem Anime adaptiert. Sunrise Studios produzierte die 26 Episoden. Vor seinem Durchbruch arbeitete Yukimura als Assistent für Shin Morimura – ebenfalls Mangakünstler, der besonders Seinen-, Historien- und Sportmangas zeichnet. „Planetes“ erhielt 2002 den 33. Seiun-Preis, eine Auszeichnung für herausragende Science Fiction-Werke.

Seit 2005 arbeitet er an der historisch inspirierten Manga-Serie „Vinland Saga“. 2012 wurde er dafür mit dem  KM dansha-Manga-Preis in der Allgemeinen Kategorie ausgezeichnet.

Die deutsche Fassung von „Planetes“ kann über Amazon bestellt werden.

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