Wandern in den Ostkarpaten?

Die schönsten Touren im Überblick

Sonntag, 16. Oktober 2016

Bei Lunca Ilvei (Bârgău Berge)

In Land der Csangos
Fotos: Angelica Krämer

Schon allein die Abgrenzung der Ostkarpaten führt zu Diskussionen. Dabei haben die Geographen den Streit längst entschieden: Im Nordwesten trennt die Linie Wischautal – Prislop-Pass – Bistritztal – Moldovatal die Waldkarpaten von den Ostkarpaten. Im Süden verläuft die Grenze zu den Südkarpaten über den Predeal-Pass und durch das Prahovatal. Kaum ein Abschnitt der Karpaten umfasst so unterschiedliche Landschaften wie ihr östlicher Teil. Dies hat geologische Gründe, wie man leicht am Beispiel der Vulkanlandschaften des Călimani und der Harghita-Berge oder an den Konglomeraten des Ceahlău sehen kann.

In der Wanderliteratur werden die Ostkarpaten meist als einsam und wenig erschlossen dargestellt. Die Realität sieht anders aus. Tatsächlich gibt es neben Gegenden, in denen sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, sofern sie nicht von Bär, Luchs oder Wolf dabei gestört werden, auch ausgesprochen gut erschlossene Berggruppen.

Dazu gehört das über die Pässe Şetref, Prislop und Rotunda gut erreichbare Rodna-Gebirge. Die Tour von Borşa auf den Vf. Pietrosu, mit 2303 m höchster Gipfel der Ostkarpaten und der Rodna-Berge, ist eine anstrengende Hochgebirgstour. Dagegen erleichtert ein Sessellift den Aufstieg von Staţiunea Borşa zum Ştiol und weiter über die Cascada Cailor und den Quellsee der Goldenen Bistritz zum Prislop-Pass. Der Vf. Gărgălău (2159 Meter) ist einen Abstecher wert. Vom Şetref-Pass bis zum Rotunda-Pass kann der Weitwanderer inklusive Gipfelbesteigungen etwa eine Woche unterwegs sein. Keine Berghütte, kaum Menschen – fast 60 Kilometer lang nur Natur, Ausblicke, Einsamkeit, Landschaft!

Für Vulkanfreunde ist eine rund sechs Tage dauernde Weitwanderung mit dem Zelt, ausgehend von Vatra Dornei rund um den Rand der Caldera des Călimani-Vulkans sehr attraktiv. Ohne Abstieg ins Tal, dafür mit Aufstiegshilfe zum Vf. Diecilor, dann über die Felstürme der Zwölf Apostel zum höchsten Punkt auf dem Pietrosul (2100 Meter) und weiter zur einzigen Einkehrmöglichkeit in der ehemaligen Wetterstation auf dem Vf. Răţitiş. Ab hier bieten sich mehrere Alternativen an, auf dem Calderarand weiter bis Păltiniş, nach Osten über Bilbor bis nach Borsec oder nach Süden Richtung Topliţa.

Gura Haitii südlich von Vatra Dornei ist Ausgangspunkt für verschiedene meist markierte Rundwanderungen im Zentrum des Călimani-Vulkans:

- Besonders schön der blumenreiche Weg (Markierung blauer Punkt, Achtung: Der Aufstieg wurde weiter ins Tal hinein verlegt!) zu den Felsformationen der Zwölf Apostel und weiter zum Cerbul. Hier zeigt am Rastplatz ein neuer Wegweiser (roter Punkt) rechts hinunter nach Runc.

- Von der Bus-Endhaltestelle in Gura Haitii folgen wir dem blauen Kreuz teilweise sehr steil hoch zum Vf. Tămăului, wo man sich im August den Magen mit Heidelbeeren vollschlagen kann. Weiter geht es auf dem mit dem roten Punkt markierten Weg bis zum Sattel unterhalb des Pietrosul und links hinunter zum Ausgangspunkt (rotes Kreuz).

- Vom Parkplatz der Exploatarea Căliman zur Ruine des Ceauşescu-Jagdhauses und nach wenigen Kehren des Hauptwegs links ab auf den sehr sparsam mit einem roten Kreuz markierten, teilweise zugewachsenen Pfad, der zum historischen Maria-Theresia-Weg und zum Kraterrand führt. Weiter (rotes Band, roter Punkt) – im Frühsommer durch ein Meer von Alpenrosen - zur jetzt bewirtschafteten Wetterstation auf dem Vf. Răţitiş und von der Şaua Nicovala auf dem neu markierten „Via Maria Theresia“ zurück zum Parkplatz.

- In umgekehrter Richtung von der Exploatarea Căliman hinauf zur Şaua Nicovala und auf dem mit dem roten Band markierten Weg zum Negoiu Unguresc und weiter zum Pietrosul (2100 m). Eine anstrengende Tour: Genügend Wasser und Proviant mitnehmen!

- Der moldauische Olymp, der Ceahlău, bietet auf Grund seiner Geologie - die Felstürme bestehen aus Konglomerat - und seiner exponierten Lage eine Vielzahl von ganz besonderen Wanderungen. Großer Vorteil: Mit der Cabana Dochia existiert eine Übernachtungsmöglichkeit auf dem Berg, und in Ceahlău oder Durău kann man in allen Formen nächtigen, vom Camping bis zum First Class Hotel.

- Eindrucksvoll wegen der riesigen, uralten Weißtannen ist die Annäherung von Norden, von Poiana bei Grinţieş (schlecht markiert, rotes Kreuz) über die Obcina Boiştea nach Ceahlău oder Durău.

- Der interessanteste Anstieg (Markierung rotes Kreuz) zur Hochfläche führt von Durău über die Cascada Duruitoarea zur Dochia-Hütte.

- Von der Fântânele-Hütte (Markierung rotes Band) erreicht man die Hochfläche über den Toaca-Gipfel (1900 Meter).

- Kurz, aber dafür mit Höhlen garniert, ist der Abstieg vom Ceahlău (blaues Band) zur Curmătura Lutul Roşu und weiter (blauer Punkt) nach Izvorul Muntelui.

- Edelweiß säumt den Weg (rotes Band) vorbei an der imposanten Claia lui Miron hinunter nach Izvorul Muntelui.

Viele Gebirgszüge im mittleren Abschnitt der Ostkarpaten sind bis zu den Gipfeln mit oft dichtem Wald bewachsen und beherbergen daher einen großen Teil der rumänischen und damit der europäischen Population an Braunbären. Aus diesem Grund ist Wandern in den für den Wanderer unerschlossenen Gebieten nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen ratsam. Also nicht allein unterwegs sein und beim Zelten den Proviant abseits des Zeltes möglichst dicht verschlossen und unerreichbar für Bären deponieren.

Die westlich vorgelagerten Harghita-Berge, geprägt vom Vulkanismus, besitzen eine gute touristische Infrastruktur in Form von gut markierten Wegen, Unterkünften, dazu Seen, Moore, Heilbäder, Quellen und verschiedene postvulkanische Erscheinungen. Diese Region ist vor allem im mittleren Abschnitt für Wanderungen von Hütte zu Hütte geeignet. Der Höhenweg vom Pasul Şicas bis nach Băile Tuşnad ist durchgehend mit dem blauen Band markiert.

Etwas schwieriger ist die Quartiersituation im zentralen Bereich der Ostkarpaten. Dafür ist eine mehrtägige Tour, ausgehend vom Creangă-Pass zwischen Topliţa und Borsec sehr abwechslungsreich, aber einsam. Hier wohnen Szekler, Csangos, Ungarn. In manchen Dörfern stellen rumänisch sprechende Menschen eine kleine Minderheit dar. Während man tagsüber beim Wandern außer den Hirten keiner Menschenseele begegnet, herrscht an den wichtigen Etappenzielen Roter See/Bicaz-Schlucht, Piatra Singuratica, Sankt-Anna-See/Băile Tuşnad ein Touristentrubel, wo im August vor allem an den Wochenenden kaum ein Bett mehr frei ist. In Hagota bietet der Förster Übernachtungen in einem ehemaligen Ceauşescu-Jagdhaus an. Ohne Zelt muss man immer in die Täler absteigen, wo es gute Quartiere gibt. Die Wirtsleute sind gerne bereit, die Wanderer am Ende der Fahrstraße in den Bergen abzuholen und sie am nächsten Tag wieder hinaufzufahren. Ein Manko: Die Zugänge aus dem Tal sind kaum markiert. Runde drei Wochen werden für diese Wanderung von Topliţa/Borsec bis an den Rand des Burzenlandes benötigt!

Im Land der Szekler und Csangos

Einen landschaftlichen Höhepunkt im Osten von Harghita bilden die Felszacken der Piatra Singuratica mit ihrer gastfreundlichen Hütte, zu der viele Wege führen: Die kürzesten Anstiege (rotes Dreieck oder blaues Band) erfolgen von Bălan, der längste und interessanteste (blaues Band, dann rotes Band) von Lacu Roşu über die Hăşmaş-Berge und der einsamste aus dem Valea Iavardi (kaum markiert). Diese der Gemeinde Bălan gehörende einfach bewirtschaftete Berghütte ist auch Ausgangspunkt der leider nur auf dem Bergkamm markierten Tour über den Vf. Noşcolat nach Valea Rece. Hier führt von der Pension Csango ein Traumpfad hoch zum Vf. Trei Pietre und von dort hinunter ins Tal des Trotuş. Die Bergkämme westlich und östlich dieses Tales bieten eine unendlich große Vielfalt an einsamen und schönen Wegschleifen bis hin zum Ghimeş-Pass und weiter nach Süden. Im Süden des Szekler-Landes sind die Straßenpässe Uzului, Oituz und Musat günstige Ausgangspunkte für Wanderungen von Pass zu Pass. Die Talorte Băile Tuşnad, Ghelinţa, Covasna, Comandău und Zagon bieten gute Quartiere.

Zum Schluss noch einige Wandertipps für die südlichsten Ostkarpaten um das Touristenzentrum Kronstadt:

Ciucaş/Krähenstein:

- Von der Straße nach Cheia über den Bratocea-Pass existieren fünf verschiedene Anstiege zum imposanten Gipfelmassiv aus Konglomeratgestein. Am leichtesten ist der Anstieg (rotes Band) von der Passhöhe über die Culmea Ciucaş. Sehr interessant die Anstiege von Babarunca (rotes Dreieck) oder von Cheia über den Muntele Roşu.

- Von Dălghiu bei Vama Buzăului führt der vielleicht schönste Anstieg zur Teufelshand und direkt zum Hauptgipfel (1954 Meter).

- Mit Übernachtung auf der Ciucaş-Hütte lassen sich so unterschiedliche Auf- und Abstiege zu Rundwanderungen kombinieren.

Piatra Mare/Hohenstein:

- Traumhaft: Von Babarunca auf den Vaida-Kamm und mit Burzenland-Aussicht hinaus nach Brădet am Tărlung-Stausee. Einsam, nicht markiert!

- Kaum weniger schön: Von Brădet hoch zum Vf. Renţei, vorbei am Tâlfa, das Tal queren (durch den Bach!), dann über den Pass Bechia nach Vierdörfer/Săcele.

- Unser Lieblingsanstieg, aber nur für Schwindelfreie: Von Dâmbu Morii über die Sieben Leitern zur Salvamont-Hütte. Ängstliche können die links und rechts der Leitern verlaufenden alternativen Aufstiegswege nutzen. Der Abstieg erfolgt am besten nach Norden, nach Vierdörfer/Săcele.Von einer Überquerung des Hohenstein hinüber zum Bahnhof Timişu de Sus wird abgeraten, da die Markierung unvollständig und der Weg schwer zu finden ist.

Zurück zur Eingangsfrage: Natürlich kann man in den Ostkarpaten wandern, nicht nur in den bekannten Touristenzentren. Abseits der ausgetretenen Pfade findet der Genusswanderer Einsamkeit, Natur, Begegnungen mit Menschen, die in dieser abgelegenen Gegend noch leben und arbeiten, aber auch Begegnungen mit von pflichtbewussten Hunden bewachten Schafherden und eventuell sogar mit den Bären, vor denen die Hunde ihre Herde schützen. Eine gute Vorbereitung, Quartiervorbestellung in den vielbesuchten Etappenorten, Orientierungsvermögen mit GPS, Karte, Kompass und nicht zuletzt eine Portion Abenteuerlust sind Voraussetzungen für schöne, erlebnisreiche Wanderungen in den Ostkarpaten. Nur im Raum Kronstadt und ganz im Norden, im Rodnagebirge, im Călimani und im Ceahlău werden geführte Touren angeboten. Auf der Internetseite www.viacarpatica.eu findet der Individualwanderer, der sich auf eigene Faust auf den Weg machen will, viele Organisationshilfen und bebilderte Berichte von Wandertouren in den Ostkarpaten.

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