Wanderungen entlang der „Wusch“

Auf den Spuren der Schmalspurbahn können Wanderer das Harbachtal entdecken

Freitag, 23. August 2013

Kurz vor Machen/Mohu zeigt sich das Harbachtal von seiner romantisch-schönen Seite. Im Hintergrund ist schon das Zibinsgebirge zu erkennen.

An Wochenenden und zu besonderen Anlässen kann man von Cornăţel aus – oder wie hier bei Holzmengen – die Wusch-Gleise mit der Draisine befahren.

Manchmal entdeckt man interessante Gefährte auf den Gleisen, z. B. wenn eine Whiskey-Firma einen Werbespot drehen lässt. Fotos: Holger Wermke

Der Streckenverlauf auf einer historischen Landkarte.
Quelle: Harbachtalmuseum, bearbeitet von Uwe Andree

Die Gleise der stillgelegten Schmalspurbahn „Wusch“ durchziehen das Harbachtal/Valea Hârtibaciului von Mohu bis Agnetheln/Agnita. Zwar fährt die Bahn seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr, doch ihr Verlauf bietet sich an als Wegmarke für eine – oder mehrere – Wanderungen durch das Harbachtal mit seinen vielfältigen Landschaftsbildern und historischen Ortschaften. 

In zahllosen Schleifen mäandert der kleine Harbach/Râul Hârtibaciu gemächlich durch das gleichnamige Tal, das sich bis heute eine anderswo verloren gegangene Ursprünglichkeit bewahrt hat. Sanfte Hügel mit ausgedehnten Weiden und lichten Buchenwäldern erstrecken sich zu beiden Seiten seiner Ufer. Eingesprenkelt in die Landschaft liegen im weiteren Umkreis gut drei Dutzend mehr oder weniger verschlafene Dörfer – oft mit einer Kirchenburg als imposanter Landmarke. Fast ein Jahrhundert lang erschloss eine Schmalspurbahn die Ortschaften dieses Tals. Zwölf Jahre nach ihrer Stilllegung ergreift langsam die Natur Besitz von ihr...


Per pedes auf dem Bahndamm


... und wir, die wir die Bahnstrecke per pedes erkunden wollen. Über weite Strecken sind Bahndamm und Gleise in gutem Zustand und können von uns beschritten werden. Prinzipiell lohnt ein Spaziergang oder eine Wanderung zu jeder Jahreszeit, denn die Natur entlang der Bahnstrecke sowie die Landschaft bieten immer wieder neue, interessante Aus-, Ein- und Anblicke. Am zugänglichsten ist die Strecke im Winter, Frühjahr und Spätherbst, wenn die Vegetation nicht ihre volle Kraft entfaltet. Im Sommer dagegen, wenn Gräser und Büsche austreiben und die Sonne auf den vielen baumlosen Abschnitten niederbrennt, dann kann ein Spaziergang schnell kräftezehrend werden. 

Die Sachsen in der Gegend nannten die Bahn ob ihrer Geschwindigkeit liebevoll-scherzhaft „Wusch“. Böse Zungen behaupten, selbst die Kühe des Harbachtals/Valea Hârtibaciului seien schneller zu Fuß gewesen als die Kleinbahn ihres Weges zuckelte. Wir Wanderer suchen gerade die Langsamkeit des Laufens, um möglichst viel der sinnlichen Eindrücke aufzunehmen, die sich vielfältigst bieten. Das Schöne an einer Wanderung entlang der „Wusch“ ist, dass man eine solche sehr flexibel gestalten kann. Start- und Zielpunkte lassen sich entlang der Strecke frei wählen, nur An- und Abreise müssen organisiert werden.

Ursprünglich fuhr die „Wusch“ vom Hauptbahnhof in Hermannstadt/Sibiu bis nach Schäßburg/Sighişoara bzw. umgekehrt, denn das 47 Kilometer lange Teilstück zwischen der Kokelstadt und dem Handwerkerstädtchen Agnetheln/Agnita wurde 1898 als Erstes eröffnet. Erst 1910 wurde die Strecke um 58 Kilometer bis Hermannstadt verlängert, einschließlich einer 15 Kilometer langen Stichbahn von Cornăţel nach Burgberg/Vurpăr. Auf den beiden letztgenannten Abschnitten liegen die Gleise in weiten Teilen noch, nur mancherorts wurden Teilstücke gestohlen bzw. der entsprechende Versuch unternommen, wie nur wenige Zentimeter bewegte Schienenstücke bezeugen. Zwischen Agnetheln und Schäßburg existiert nur noch der einstige Bahndamm, da nach der Einstellung des Zugbetriebes im Jahre 1965 die Gleise demontiert wurden.


Die Natur holt sich Genommenes zurück


Ein besonders schönes Teilstück der „Wusch“ finden wir zwischen Moichen/Mohu und Kastenholz/Caşolţ. Bei Moichen fließt der Harbach aus seinem Tal und mündet kurz darauf in den Zibin. Die Bahnstrecke führt hier auf einer höher gelegenen Flussterrasse immer in Sichtweite des Bachlaufs gen Nordosten. Im Sommer ist von der Bahntrasse oft nicht viel zu erkennen, zu dicht wuchert es hier. Für die Bewohner der nahegelegenen Dörfer scheint sich die Bestellung des Bodens bzw. die Beweidung auch wenig zu lohnen und so kann man zusehen, wie sich auf den Wiesen langsam Büsche und erste Bäume ausbreiten. In Kastenholz führen die Gleise dicht an den Wohnhäusern vorbei. Wegen des starken Bewuchses müssen wir einen kurzen Umweg durch das Dorf machen, bevor wir am Ortsausgang auf den früheren Bahnhof stoßen und dort unseren Weg in Richtung Cornăţel fortsetzen. 

Hier gabelt sich die Strecke. Das vergleichsweise kurze Teilstück von Burgberg nach Cornăţel erwandert man am einfachsten in Richtung Harbachtal – beeindruckend ist im Winter und Frühjahr das schneebedeckte Karpatenpanorama! Die Strecke ist hier erstaunlich gut in Schuss, obwohl die CFR den Betrieb schon 1993 einstellte. Beiderseits der Gleise kommen immer wieder Schafherden ins Blickfeld, dank denen wohl auch die Bahnstrecke regelmäßig freigehalten wird. Nur an wenigen Stellen nehmen Büsche den Bahndamm in die Zange, sodass die Gleise wie durch einen natürlichen Tunnel führen. Am Wegesrand stößt man zur richtigen Jahreszeit schon mal auf eine Gruppe von Störchen, die auf den feuchten Wiesen nach Nahrung suchen. 


Vorbei an Störchen, Schriftstellern und Ziganien


Vorbei führt die Strecke an Rothberg/Roşia, wo der über die siebenbürgischen Grenzen hinaus bekannte Gefängnispfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner im evangelischen Pfarrhaus residiert. Wer Zeit hat, kann durch die Ziganie hinauf ins Dorf gehen und sich von der lokalen Berühmtheit das sehenswerte mittelalterliche Kirchlein zeigen lassen. Mit etwas Glück erlebt man den Pfarrer übrigens bei einer seiner regelmäßigen Kutschfahrten durch das Dorf, was vor allem für die Kinder ein großer Spaß ist. Auch in Burgberg lohnt ein Aufstieg zur Kirchenburg, vor allem wegen der Aussicht über das Rothberger Tal. Während die asphaltierte Straße im Dorf endet, führen Karrenwege weiter nach Untergesäß/Ghijasa de Jos oder Ziegenthal/Ţichindeal, von wo aus man wieder ins Harbachtal bei Holzmengen/Hosman oder Alzen/Alţâna gelangt. 

Beides sind frühere Haltepunkte der Wusch. Wir müssen zugeben, dass auch wir noch nicht die gesamte Strecke erlaufen haben – zu oft haben wir innegehalten, sind von den Gleisen abgewichen, um Naturschönheiten oder Kirchenburgen näher anzuschauen, oder uns im Schatten der Weiden am Harbachufer zu erholen. Die „thematische“ Route ermöglicht jedoch eine ganz andere Sicht auf diese idyllische Gegend als jene, die man von der Kreisstraße aus erhält. Eine Fortsetzung der „Wusch“-Wanderungen ist deshalb schon fest geplant.

 

Geschichte der „Wusch“


Die „Wusch“ ist eine Schmalspurbahn mit einer Spurbreite von 760 Millimetern, der sogenannten „Bosnischne Spurweite“. Ihre Gleise führten ursprünglich vom Hermannstädter Bahnhof durch das Harbachtal und das Schaaser Tal bis zum Bahnhof in Schäßburg/Sighişoara, mit einer Abzweigung in Cornăţel nach Burgberg. Erhalten ist die Strecke zwischen Agnetheln und Mohu sowie die Nebenstrecke von Cornăţel und Burgberg. Die Gleise nach Schäßburg wurden nach der Stilllegung des Abschnitts demontiert. Die gesamte existierende Strecke ist im Januar 2008 inklusive der dazugehörigen Bauten (Brücken, Bahnhöfe etc.) zum Denkmal der B-Kategorie erklärt worden – sie ist damit vor der Verschrottung geschützt. Verwaltet wird das technische Denkmal von zwei Tochterunternehmen des Nationalen Eisenbahnunternehmens CFR: Die Streckenverwaltung obliegt der SAAF SA (Societatea de Administrare Active Feroviare), für einen potenziellen Betrieb ist die für touristischen Verkehr zuständige S.F.T. - CFR (Societatea Feroviara de Turism) verantwortlich. Rollendes Material gibt es indes nicht mehr. Einer Verschrottungsaktion fielen 2008 sechs Diesellokomotiven zum Opfer. Historische Dampflokomotiven konnten vor der Zerstörung gerettet werden, sind derzeit aber nicht fahrbereit. Der Verein „Freunde der Wusch“ besitzt vier Waggons, die in Agnetheln aufbewahrt werden.

 

Mit der Draisine nach Holzmengen

 

 

In Cornăţel geht es auf sieben Kilometern beräumter Strecke in Richtung Holzmengen. Alternativ könnten wir auch eine Draisine benutzen. Seit einiger Zeit bietet der Verein „Prietenii Mocăniţei/Freunde der Wusch“ am Wochenende Ausfahrten mit einer Motor- bzw. Fahrraddraisine an. Wer Interesse hat, meldet sich im Vorfeld beim Vereinsvorsitzenden Mihai Blotor an (www.sibiuagnitarailway.com). Der Preis von 50 Lei für einen Tag Draisinefahren kommt den Bemühungen zur Wiederbelebung der „Wusch“ zugute. 

Kommentare zu diesem Artikel

Obertouristiker, 02.09 2013, 18:54
Am besten einen langen Stock nehmen und daran eine Wurst befestigen, dann kommen die Hunde nicht zu nahe. Funktioniert auch in anderen Ländern
Nachricht, 31.08 2013, 20:24
Ganz eingach, man bracht nur einen vernünftigen Langen Stock, mit dem man die Hunde abwehren kann.
Obersachse, 27.08 2013, 22:04
Alsooo... Diese Problem gibt es überall in Rumänien und nicht nur im Harbachtal. Ich empfehle einen Rucksack mit Würsten.
Obertourist, 27.08 2013, 04:51
Dann am besten mehrere mitnehmen.
Tourist, 27.08 2013, 02:09
Lieber Obertourist, man merkt dass Sie wohl kein Einheimischer sind, sonst würden Sie die Hundeproblematik nicht so locker nehmen. Eine einzige Wurst wird da wohl lange nicht genug sein.
Obertourist, 24.08 2013, 15:10
Probiers mit einer Wurst
Tourist, 24.08 2013, 11:34
Die Wanderung mag ja theoretisch sehr schön sein, aber wie schützt man sich vor den wilden Streuner- und Hirtenhunden, die einem am Weg unvermeidlich begegnen?

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