Warum Bukarest anders ist

Architekturerbe als balkanisches Chaos oder wertvoller Zeitzeuge einer wechselvollen Geschichte?

Freitag, 21. November 2014

Projektleiterin Aurora Fabritius präsentiert die Vortragenden auf der Konferenzdebatte „Warum ist Bukarest anders?“ im Schillerhaus (v. li.): Dr. Adrian Crăciunescu, Prof. Dr. Peter Derer, Dr. Adrian Majuru und (nicht im Bild) Oana Marinache. Für musikalische Untermalung sorgte Cristian Balaş.
Foto: die Verfasserin

Bukarest ist anders, das sagen viele Reisende aus dem In- und Ausland – so auch Dinicu Golescu (1777-1830), rumänischer Bojar, Politiker der Walachei, Literat und Kulturreformer, bekannt für seine Reiseerzählungen und seinen Kultur- und Reisejournalismus. Ganz offensichtlich sind auch die Bukarester anders, „weil im Hintergrund der heutigen rumänischen Hauptstadt eigentlich eine Vielzahl von Staaten existiert“, erklärt Architekturprofessor Peter Derer anlässlich der Konferenzdebatte zum Thema „Warum ist Bukarest anders?“ am 13. November im Kulturhaus „Friedrich Schiller“. Adrian Majuru, Direktor des Stadtmuseums, zitiert den Eindruck eines Malers, der sich hier zwischen 1830 und 1870 aufhielt: In schwarzen Anzügen saßen die Männer im Salon – doch auf Kissen am Boden, wie die Türken! Nirgendwo sonst gab es diese eigenwillige Melange an Kulturen.

Warum ist Bukarest anders? Extreme bietet schon das Klima: ein trockener Ort mit Temperaturdifferenzen zwischen Minus 20 und plus 40 Grad – auch das gibt es kaum anderswo. Deswegen halten die Ruinen hier nicht lange, erläutert Peter Derer. Verfallenes wird schneller ersetzt, der Wandel des Stadtbildes vollzieht sich im Zeitraffer. 555 Jahre alt wurde die Hauptstadt in diesem Jahr, zumindest seit ihrer ersten dokumentarischen Erwähnung. Normalerweise entspricht das urbanistische auch dem architektonischen Alter, erklärt Derer. Doch nicht so in Bukarest, wo das älteste Wohnhaus gerade mal aus 1790 stammt (es liegt in der Strada Şerban Vodă Nr. 33). Will man den Zeitpfeil weiter zurückblicken, kann man sich nur an Kirchen orientieren. Auch die Tatsache, dass Bukarest keine Festung war und nie eine Stadtmauer hatte, unterscheidet es von anderen Städten. Nicht nur Ausdehnung und Lauf der Straßenzüge wurden davon geprägt. Im ungeschützten Raum konnte man auch keine Werte ansammeln, analysiert Derer. Investitionen waren daher stets limitiert – und damit auch der Fortschritt. Hinzu kam langfristige politische Instabilität, die wenig Planung erlaubte. Häuser wurden außerhalb einst begonnener Reihen gebaut, Straßen verbreitert, alte Stadtbaupläne schnell obsolet oder einfach nicht mehr respektiert. Typisch balkanisches Chaos?

Die Andersartigkeit als Wert verstehen

Die Kontraste und Diskontinuitäten zeugen von Originalität, bemerkte schon Dinicu Golescu. Derer gibt ihm recht: Warum nicht das Außergewöhnliche als Asset betrachten – als Spiegel einer wandlungsvollen, interessanten Geschichte? Dem kundigen Auge, das die Hauptstadt nicht nur direkt an steinernen Zeitzeugen „lesen“, sondern vielmehr an seiner Struktur und Metamorphose entziffern kann, enthüllen sich auf den zweiten Blick Einblicke in ihre spannende Biografie: Das zur Straßenführung versetzte, „schiefe“ Haus in der Straße  Ştirbei Vodă, 1935-1938 erbaut. Die historischen Viertel mit ihren gutbürgerlichen Häusern, die viel näher am Zentrum liegen als in anderen europäischen Städten. Bukarest war fürstliche Residenz, die Wohnqualität war hoch, in den Villenvierteln spiegeln sich noch heute Komfort, Ästhetik und Spiritualität. Man müsste diese Viertel schützen, empfiehlt Derer, denn in den nächsten 50 Jahren könnten sie der Stadt mindestens so viel Geld einbringen wie die heute touristisch hochattraktive Lipscani-Straße, die ihrerseits vor einem halben Jahrhundert bedeutungslos war und sogar abgerissen werden sollte... Die Andersartigkeit von Bukarest wird bis heute nicht als Wert verstanden, kritisiert der Architekt den mangelnden Weitblick der Verwaltung.

Wenn Gebäude Geschichten erzählen

Architektin Oana Marinache illustriert die Geschichte des heutigen Kulturhauses „Friedrich Schiller“, einst Wohnsitz von Vladimir (Waldemar) Blaremberg, einem ursprünglich aus Flandern stammenden Adligen, der es zur Zeit der russischen Besatzung (1828-1834), als er als hoher Offizier von Odessa nach Bukarest versetzt wurde, erworben hatte. 1830 heiratete Blaremberg Pulcheria Ghica, die Schwester des später von den Russen zum Herrscher der Walachei ernannten Fürsten Alexandru Ghica. Das Anwesen der Blarembergs in der Strada Batiştei umfasste nicht nur das heutige Schillerhaus, sondern auch die Casa Filipescu als Wohnhaus von Vladimirs Tochter Maria, verheiratet mit Nicolae Filipescu, dem späteren Bürgermeister von Bukarest. Heute ist die dem Hotel Intercontinental gegenüberliegende Villa den Bukarestern als ehemaliger Sitz der US-amerikanischen Botschaft bekannt. Zur Gestaltung und Reparatur der Fassade appellierte Familie Blaremberg nicht nur einmal an den italienischstämmigen Iosef Biantini, der mit dem bekannten Bukarester Architekten Ion Mincu zusammengearbeitet hat.

Warum nicht Klein-Wien oder Klein-Berlin?

In seinem Vortrag „Weshalb Klein-Paris und nicht Klein-Wien oder Klein-Berlin?“ demonstrierte Architekt Adrian Crăciunescu anhand einer Flut von Dokumenten, dass im wesentlichen deutschstämmige Architekten für die Bausubstanz Bukarests verantwortlich zeichnen. Auch das wirtschaftliche Leben war von deutschstämmigen Geschäftsleuten stark geprägt. Der historische Stadtplan von Bukarest erlaubt weder in Aufteilung der Viertel noch hinsichtlich Ausdehnung den Vergleich mit Paris. Der Vortragende kommt zu dem Schluss, dass Paris lediglich Verwaltungsvorbild war, denn das Regelwerk zur Administration von Bukarest war dem der französischen Hauptstadt entlehnt. Vorbild hin oder her, die Hauptstadt lässt sich in kein Schema pressen. Zum Leidwesen mancher, die sich allzu gerne am westlichen Ausland orientieren. Zur Freude jener, die auf Streifzügen durch villengesäumte Boulevards, romantische Parks, verfallende Gässchen und brodelnde Märkte den Duft ihrer lebendigen Vergangenheit schnuppern. Bukarest ist eben anders – einzigartig.

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