Was bleibt?

„Stück ohne Juden“: Premiere beim Bukarester Theaterlaboratorium

Samstag, 09. Januar 2016

Der Schriftsteller (Vlad Nemeş) im Gespräch mit der Produzentin (Ramona Olasz), dem Regisseur (George Bîrsan) und der Dramaturgin (Ioana Predescu).
Foto: Aida Ivan

„Dann bleibt von meiner Geschichte wenig übrig“, sagt der Schriftsteller.
„Gut so“, erwidert die Produzentin.
„Wir wollen etwas Passendes“, fügt der Regisseur hinzu.
„Etwas für den Markt“, meint die Dramaturgin.
„Sie wollten doch den Finger in die Wunde legen“, erinnert der Autor.
„Im Moment hat der Markt keine Wunden“, antwortet die Produzentin.
 

Sie sind alle klar umrissene Figuren: Der Autor, gespielt von Vlad Nemeş, ist aufgeregt, trägt Brille und eine altmodische Kappe. Der Regisseur (George Bîrsan) sieht ihn gelangweilt an, wirft seinen schmalen Schal um den Hals und rollt die Augen. Die vulkanische Produzentin (Ramona Olasz) verteidigt ihren Standpunkt, allein die Dramaturgin (Ioana Predescu) ist ruhig, setzt ihre Brille auf die Nase, bevor sie spricht.

Die Geschichte geht so: Ein junger Autor aus dem Osten, der jüdischer Herkunft ist, wird beauftragt, ein Stück über die Geschichte von arisierten jüdischen Theatern in Wien zu schreiben. Er recherchiert und findet interessante Fakten heraus. Doch all das interessiert die Auftraggeber, die Produzentin, den Regisseur und die Dramaturgin kaum, da diese etwas Passendes für den Markt produzieren wollen. Sie schlagen Änderungen und Kürzungen vor. Der Regisseur erlebt mehrere Empfindungen, von Begeisterung über Verwunderung bis zu Resignation, als sein Werk ständig geändert wird. Zwei Lager prallen aufeinander: Scharfe Töne wechseln mit versöhnlichen Stimmen oder Einschüchterungsversuchen. Das Endresultat ist schließlich einfach: „Stück ohne Juden“.

Das Theaterstück, das im Dezember dem Bukarester Publikum in der Inszenierung des Regisseurs Marius Schiener vorgestellt wurde, schrieb die österreichische Autorin Julya Rabinowich. Dargestellt wurde es von den deutschsprachigen Schauspielern des Theaterlaboratoriums (TLB): Das Zusammenspiel zwischen der schauspielerischen Leistung der Darsteller und der Arbeit des Regisseurs wurde durch das minimalistische Bühnenbild, durch die musikalische Untermalung und Lichteffekte überzeugend vervollständigt. Die Erstaufführung war ohne Zweifel ein Anlass zur Freude für deutschsprachige Theatergänger in Bukarest.

„Stück ohne Juden“ von Julya Rabinowich wurde vor fünf Jahren im Rahmen von „Go West?“ am Volkstheater Wien uraufgeführt. Die aus Russland stammende Autorin hat in Wien studiert und lebt da als Autorin, Dramatikerin und Malerin. Für ihre Werke hat sie verschiedene Preise erhalten.
Bei der Inszenierung, die in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum Bukarest auf die Bühne gebracht wurde, hat der österreichische Regisseur Marius Schiener Regie geführt, der speziell dafür nach Rumänien gekommen ist. Der gebürtige Wiener hat Theaterwissenschaft und Germanistik studiert und hat u. a. am Theater Phönix Linz, am Tiroler Landestheater Innsbruck, am Landestheater für Vorarlberg sowie bei den Wiener Festwochen gearbeitet. Zu den Theaterstücken, die er inszeniert hat, zählen u. a. „Wie es euch gefällt“ (2004), „Bucharest Calling“ (2009). Er betätigt sich als künstlerischer Leiter des Theaterherbsts Zwettl/Niederösterreich.

Mit „Stück ohne Juden“ will Rabinowich den Blick auf Schriftsteller lenken, die ihre Werke für das Publikum anpassen müssen. Da das Bühnenbild minimalistisch war, wurde die Aufmerksamkeit der Zuschauer vielmehr auf die Mimik der Schauspieler gerichtet. In ihrer Rolle als Produzentin brillierte die in Temeswar gebürtige Schauspielerin Ramona Olasz, die die Bukarester Kunstszene erst vor Kurzem betreten hat.

Das TLB bietet schon seit der Gründung gesellschaftlich relevante Stoffe an und „Stück ohne Juden“ wurde bisher mehrmals gespielt. Die nächsten Vorstellungen sind am 12. und 29. Januar sowie am 12. Februar, jeweils um 19 Uhr, eingeplant. Informationen zu den Eintrittskarten sind unter http://www.tlb.name/de/ zu erfahren.

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