„Was für ein langweiliger Alptraum wäre eine Welt, in der wir alle gleich wären“

Interview mit Daniela Boltres, Lyrikerin und Sprachaktivistin (II)

Donnerstag, 10. Mai 2018

Daniela Boltres und Ashwin/ Indien bei einer Vorstellung des Projekts „Wer versteht das schon?“
Foto:privat

(Teil I)

Zurzeit kann man im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt eine Ausstellung mit Gedichten von Flüchtlingen und Migranten besuchen. „Wer versteht das schon?” ist ein mehrsprachiges, partizipatives Projekt der aus Zeiden stammenden Lyrikerin und Sprachaktivistin Daniela Boltres, das schon seit über sechs Jahren erfolgreich durchgeführt wird. Daniela Boltres bittet Geflüchtete, Migranten und Menschen internationaler Herkunft, dem Projekt ein Gedicht oder ihre Geschichte(n) in ihrer Muttersprache zu schenken. Die Gedichte werden in gemeinsamen Workshops erarbeitet und für Postkarten, Plakate und ein Gedicht- Büchlein aufbereitet. Boltres, die im Jahr 1987 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgereist ist, arbeitet beim „Exil - Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge“. Hier unterstützt man Migranten bei ihrer Anpassung an die neue Heimat. Im Juli wird die Ausstellung auch in Zeiden zu sehen sein. KR-Redakteurin Elise Wilk sprach mit Daniela Boltres über die täglichen Herausforderungen am Arbeitsplatz, über Migration, Grenzen der Sprache, Heimat und Fremde. Im ersten Teil des Interviews, das in der letzten Nummer der KR erschienen ist, erzählte Daniela Boltres über ihre Ausreise nach Deutschland, über ihre Anpassungszeit in einem Land, dessen Sprache sie zwar kannte, alles andere ihr jedoch fremd war und über ihre Aktivitäten beim Exil - Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge“.

Wie kamst du auf die Idee des Projekts „Wer versteht das schon?“ Wie hast du den Titel ausgewählt?

Das war so: Ich lernte 2012, als ich noch im International Office der Uni Rostock arbeitete, die ersten Geflüchteten aus Syrien, Studierende und Promovierende unserer Uni kennen, die wider Willen Flüchtige geworden waren. Sie begriffen selbst am Anfang schwer - und wir Nicht-Syrer_innen erst viel später und nur annähernd - was dieser Krieg für sie bedeuten konnte. Nach und nach kamen ihre Angehörigen und andere Menschen, die vor diesem oder einem anderen Krieg flohen, nach Rostock: Menschen arabischer und kurdischer Sprache, Muslime, Aleviten, Atheisten, Christen, staatenlose Palästinenser, deren Familien vorher nach Syrien geflohen waren, später kamen auch Kurden aus der Türkei und dem Irak hinzu, aus Eritrea und Somalia Kriegsunwillige, die sich von ihren Regimes nicht zu Soldaten abstellen lassen wollten. Wir verstanden am Anfang weder ihre Sprache noch ihren Schmerz, der ihnen neben der Erschöpfung ins Gesicht geschrieben stand. Wer versteht das schon?

Wer sind die Autoren der Gedichte?
Die bisherigen Autoren und Autorinnen stammen aus Syrien, dem Sudan und dem Irak, aus dem Iran, Afghanistan, der Türkei, China, Indien, Irland und England, aus Litauen, Brasilien, Rumänien, Polen, der Ukraine, Russland, Ghana, Eritrea, Peru und Spanien.Sie sind Ärzte von Beruf, Karosseriebauer, Sportler, Medizinisch-Technische Assistentinnen, Journalist_innen, Physiker, Ingenieure, Sozialarbeiter_innen, Aktivist_innen, Agronomen, Optiker und auch eine Germanistin ist dabei.

Hinter jedem Gedicht der Ausstellung verbirgt sich eine ergreifende Geschichte. Welche davon hat dich am meisten berührt?

Ich habe ja in die Ausstellung auch ein leeres Plakat aufgenommen. Es steht für jene, die unsichtbar bleiben müssen, weil sie nicht hier in Europa sein dürfen.
Es steht für jene, die in den Schlepper-LKWs erstickt sind, für jene, die im Mittelmeer ertrunken, in der Wüste verdurstet sind.

Es steht auch für jenen syrischen Künstler, dessen Gepäck auf der Überfahrt ins Wasser fiel, auch sein USB-Stick mit den Fotos seiner Gemälde. Ich traf ihn letztes Jahr bei einem Workshop im Café International in Neubrandenburg. Er sagte mir in fließendem Deutsch, dass er sich nun wie blind vorkomme. Deutsch über dieses Erlebnis zu schreiben, sei ihm unmöglich: Er las dann die Geschichte seines Verlustes nur auf Arabisch vor.

Das leere Plakat ist als „empty frame“ auch ein Appell: ein Raum, der die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der neuen Menschen in unserer Gesellschaft thematisieren soll: Wir sind gefragt - wir können soziale Rahmenbedingungen, wir können Räume schaffen, in denen ein von seinen Bildern verwaister syrischer Künstler, eine von ihren Eltern verwaiste 17-jährige staatenlose Roma-Schülerin aus dem Montenegro, heilsame Begegnungen erfahren können - indem wir uns sprachlich und konkret auf ihre Geschichte(n) einlassen.

Vergangene Woche habe ich auf einer Tagung des Center of Persecuted Arts in Solingen das Konzept meiner Ausstellung, die ja gerade in Kronstadt zu sehen ist, vorgestellt. Das Spannende an dem Zentrum für verfolgte Künste ist, dass es sich gerade dem musealen rein archivarischen Zugriff auf Exilkunst verschließt, sich vielmehr als ein „empty frame“ als lebendiger Begegnungsraum für verfolgte Künstler_innen und ihre Kunst begreift, was in der Darbietungsform der Exponate wie in den offenen Formen des Zentrums, wissenschaftliche und künstlerische Geselligkeit zu organisieren zum Ausdruck kommt.

Was hier auf symbolischer Ebene geschieht, ist für mich ein gesellschaftliches Desiderat: ebenbürtige, ergebnisoffene Begegnung.

Es gibt nicht nur Gedichte von Kriegsgeflüchteten, sondern auch von westeuropäischen Expats, die beruflich in Deutschland leben oder von Leuten aus Osteuropa, die in Deutschland arbeiten, weil sie in ihrem Heimatland keine Jobs finden. Welche Erfahrungen konnten sie in Deutschland machen?
Mein Eindruck ist, dass Expats in Deutschland, ob aus West- oder Osteuropa, sofern sie in ihrem neuen Wirkungsfeld eine berufliche bzw. wirtschaftliche Verbesserung gegenüber Heimatland erfahren haben, mit ihrem neuen Leben zumindest zufrieden sind. Desto akademischer der Beruf bzw. jünger die Menschen, umso leichter fällt es ihnen, engere Kontakte zu knüpfen.

Es waltet außerdem - ohne pauschalisieren zu wollen - bei der Bereitschaft der lokalen Bevölkerung, neue Menschen in ihr Lebensumfeld aufzunehmen oder gar Freundschaft anzubieten, ein gewisses Ranking der Herkunftsländer. Spannender wird eher der „lebenslustige“ spanische Telekomingenieur empfunden als der „geschundene“ Ahmad aus Syrien, „cooler“ die britische Dolmetscherin als mancher „grobe“ bulgarische Metzger. So dass es zwangsläufig zu den misstrauisch beäugten Communities kommt.

In Rumänien wird wenig über Flüchtlinge geredet. Und wenn es dazu kommt, reagieren die meisten Leute so: alles, was fremd ist, lehnen sie ab. Was kann an dieser Mentalität geändert werden?
Ich denke, dass die Zurückhaltung gegenüber Fremdheit oder gar Ablehnung von fremd wirkenden Menschen nicht ein rumänisches, sondern ein allgemeines Phänomen ist, das vornehmlich auf Angst gründet. Diese Ängste werden derzeit sehr unterschiedlich gespeist, was ich hier nur kurz skizzieren möchte: Von Verschwörungstheorien wie derzeit der Soros-Phobie in Ungarn über reale Furcht vor terroristischen Anschlägen, die nun Europa erreichen, andernorts aber schon lange Alltag sind, bis hin zu rechtsextremistischen Suprematsideologien, wie sie in Deutschland z. B. die AfD vertritt – das darf nun übrigens auch öffentlich gesagt werden. Es ist wichtig, sich anzuschauen, was Menschen Angst macht.

Du fragst danach, wie diese Mentalität geändert werden kann: Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass es nicht reicht, den Ängsten nur umfangreiche Informationen über die kulturell-geographische Herkunft und Fluchtgründe Geflüchteter entgegenzusetzen. Es geht nicht ohne möglichst differenzierte Information, um das Fremde einordnen und sich ihm gegenüber verhalten zu können, aber letztlich kann Angst wohl nur durch wiederholte Vertrauenserfahrungen überwunden werden - und dafür bedarf es Begegnungen. Wiederholter Begegnungen und gemeinsamer Vorhaben:

Gemeinsam kochen, Ausflüge machen, Kulturveranstaltungen besuchen, Erinnerungen an Großmütter und Lieblingswege in der Kindheit austauschen, jedoch auch einen Garten gemeinsam bewirtschaften oder eine Nachhilfeaktion für die Nachbarskinder organisieren - das sind Dinge, die an jedem Ort der Welt möglich sind, wenn gesettelte locals auf newcomers treffen (um mich mal richtig Neudeutsch auszudrücken…) Ich bin jedenfalls eine starke Befürworterin partizipativer Formen, die neu Zugewanderte mit ihren Fähigkeiten und Wünschen sichtbar werden lassen – nur so können die Einheimischen – mit deren eigenen Gewohnheiten, Fähigkeiten, Wünschen- sie kennenlernen.

Letztlich brauchen wir aber wohl wie in allen zwischenmenschlichen Beziehungen neben Regeln auch etwas von dem Glauben „an das Gute im Menschen“, der nicht mit Naivität gleichzusetzen ist.

Nach der Ausstellungseröffnung gab es im Deutschen Kulturzentrum eine Gesprächsrunde mit dem Publikum. Daran nahmen auch Migranten aus Syrien oder der Dominikanischen Republik teil. Wie haben sich diese in Kronstadt angepasst?
Trotz unterschiedlicher Gründe, nach Rumänien bzw. Kronstadt zu kommen, ob aus familiären oder politischen Gründen, haben sie beruflich wie sozial Fuß gefasst. Sie sprachen fließend Rumänisch, was sicherlich entscheidend dazu beigetragen hat. Aber sie haben auch von der schmerzlichen Erfahrungen erzählt, dass trotz der großen Offenheit, mit denen ihnen Menschen in Kronstadt begegnen, unbedachte rassistische Äußerungen sie häufiger verletzt haben. Für die syrischen Geflüchteten ist die Hilflosigkeit angesichts der Krieges - im Wissen um nahestehende Menschen dort - am schlimmsten. So leben sie zwiegespalten: Im schlechten Gewissen, gerettet zu sein, im Pflichtbewusstsein, das Beste aus ihrem (beruflichen) Leben machen zu wollen.

Warum sollte man sich die Ausstellung im Kulturzentrum ansehen?
Um die Stimmen von zugewanderten Menschen zu lesen, ihnen in ihren Wünschen, Ängsten, Erfahrungen zu begegnen. Eine Brücke im eigenen Umfeld zu jenen zu schlagen, für die die ausgestellten Autorinnen und Autoren stellvertretend stehen: Wandernde und Verstoßene, Vertriebene und Abenteurer.

Was bedeutet für dich „Zuhause“?
Die schwerste Frage hast Du Dir bis zum Schluss aufgespart, Elise! Es sind 30 Jahre, seit ich Siebenbürgen verlassen habe, und ich habe nach wie vor Heimweh. Ob es das Gleiche wie Zuhause bedeutet?

Ich war seit 1987 sicherlich mehr als 50 Male in Rumänien, in Siebenbürgen und in der Moldau, oft mehrere Wochen lang, sodass ich die Entwicklungen in Rumänien immer wieder auch aus eigener Anschauung - diese oftmals korrigiert durch das regelmäßige Gespräch mit Freund_innen und Nicht-Freund_innen - verfolgen konnte.

So denke ich, dass es nicht pauschales Heimweh nach festgefrorenen Bildern meiner Kindheit und Jugendzeit in Zeiden und Kronstadt sind, dafür war die Familiengeschichte nicht harmonisch, die gesellschaftlichen Zustände bedrohlich genug. Es sind eher die Beziehungen zu den Menschen, die mir hier ein sich wandelndes Zuhause bieten.

Ich habe jedenfalls seit unserer Auswanderung nie mehr länger als 6 Jahre an einem Ort gelebt. Die Menschen jedoch, mit denen ich mich in Zeiden, Dormagen, Freiburg, Berlin, Rostock, Kronstadt, Jassy, jetzt Osnabrück einmal verbunden habe und im Verlaufe der Zeit natürlich immer wieder neu verbinde, ja, die sind wohl- neben meiner Familie - mein Zuhause. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich derzeit Gedichte des syrischen Lyrikers Hasan Alhasan aus dem Arabischen übersetze - auf dem Um-Weg über das Französische bzw. Spanische, weil mein Arabisch dafür noch lange nicht gut genug ist - , möchte ich pathetisch behaupten, dass letztlich der Weg, den (meine) Sprache(n) zu anderen Menschen beschreiten, mein Zuhause ist.

Unsere beiden Töchter sprechen siebenbürgisch-sächsisch, obwohl sie in Berlin geboren sind. Ab diesem Jahr werden sie in Hermannstadt Rumänischkurse besuchen. Etwas an meinem Zuhause hier in Rumänien möchte ich ihnen damit zugänglich machen.

Liebe Daniela, wir danken für das Gespräch!



Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*