Was macht denn die?

Dienstag, 10. Juli 2012

Bild: sxc.hu

Dass ich schon ein ganzes Weilchen aus dem Spielzeugalter raus bin, merkte ich deutlich, als meine Freundin Birgit aus Italien im Rahmen einer Hilfslieferung Spielsachen an arme Kinder im Norden Rumäniens verteilte. In ihren Reisetaschen tummelten sich gar seltsame Dinge. Ein orangeroter Plastikhund zum Beispiel, der meinen fragenden Blick aus himmelblauen Glitteraugen erwiderte: Sollen Spielhunde nicht kuschelig sein? Birgit klärte mich auf: „Der kann laufen, bellen, Männchen machen, auf Kommando Pfötchen geben und kostet bei uns 90 Euro!“ Okay, für solche Special Effects kann man auf das Fell schon mal verzichten. Der Haken war nur: ohne Batterieset machte der Hund gar nichts. Das ebensolche aber war natürlich nicht dabei. Und schon prallten wieder mal die Kulturen aufeinander, da, wo man es am allerwenigsten erwartet: beim Spielzeug.

In Italien, so Birgit im Brustton ihrer Überzeugung, denn sie hat ein Geschäft und muss es ja wissen, fragen Kinder beim Anblick einer Spielfigur: „Was macht denn die?“ „Wie – was soll die denn machen?“ echote ich stumpfsinnig. Birgit bedachte mich mit einem Blick, der mir klarmachte, dass ich nicht nur hinter dem Mond, sondern weit hinter dem Sonnensystem lebe. „Na, wenn es eine Puppe ist, laufen, singen, Motorrad fahren, brüllen oder mithilfe einer Spezialpaste, die man vorher in den Bauch drückt, lebensecht in die Windeln kacken.“ „Und dabei ‚O sole mio‘ schmettern, mit den Ohren wedeln und lebensecht mit der Rotzglocke blinken“, fügte ich zynisch hinzu. Birgit belehrt mich trocken: „Spielzeug ohne Batterien – das gibt’s heute kaum noch.“

Während wir uns früher fragten, was WIR mit dem Spielzeug machen können – es schieben, es anziehen, es füttern, es mit Geräuschen begleiten, „bfrrrm, bfrrrm“, für ein Fahrzeug, „bäääh“ für eine Puppe – fragt sich der moderne Sprössling, was denn das Spielzeug für IHN tut: Blinken, klingeln, fahren oder gar sprechen. Er spielt nicht mit ihm, sondern lässt spielen. Lektion verstanden? Schon im Krabbelalter wird eine Gesellschaft herangezogen, die automatisch konsumiert, anstatt etwas aus sich herauszugeben.

Vorbei die Zeiten, wo Kinder halbe Walnussschalen wie bunte Käfer bemalten, mit der ausgedienten Plastikspritze Doktor spielten, oder „Watteblasen“ am Küchentisch (auf wessen Seite das Bällchen herunterfällt, der hat verloren). Vorbei die Zeit der Zwergenhäuschen aus Moos und Zweigen auf Baumstümpfen, in denen man notfalls auch Mickymaus wohnen lassen konnte, der Rindenboote mit Papiersegel, der Puppenbetten im Schuhkarton. Heute gibt’s Barbie auf dem pinkfarbenen Motorrad, und den kleinen Bukowina-Jungen, der sich dieses Spielzeug gerade aus Birgits Wundertasche gekramt hat, stört es überhaupt nicht, dass auf dem heißen Ofen eine vollbusige Puppe im rasanten Bikini und lila High Heels hockt. Hauptsache das Motorrad! Mit Batteriefach... Der Kleine aber schiebt es brummend über den Teppich und freut sich, dass sich die Räder drehen. Es gibt also noch Kinder, die selbstständig spielen, anstatt aus Computer und Konsole „bespaßt“ werden zu müssen. Vielleicht werden aus diesen mal Erwachsene, die sich bei der Bewerbung um einen Job nicht in erster Linie fragen: Was tut man dort für mich? Bekomme ich Handy, Firmenwagen, Urlaubsgeld, eine angesehene Funktion und ein eigenes Büro? Sondern statt dessen: Was kann ich dort Interessantes tun?

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