Was nun mit all den Schuldnern?

Die rumänische Gesellschaft schiebt einen riesigen Schuldenberg vor sich her

Samstag, 20. April 2013

Die Finanz- und Wirtschaftskrise in Fortsetzungen, scheinbar zu einer globalen Plage ohne bisher wirksame Gegenmittel geworden, hat die Menschen hierzulande, wie vielerorts sogar in der reichen Welt, in eine gefährliche existenzielle Lage gebracht, die schier ohne konkrete Lösung scheint. Der von den Rumänen so sehnlichst erwünschte rettende Strohhalm, den 2007 geschafften Eintritt in die Wohlstandsgesellschaft EU, hat nur zum Teil die erhoffte Rettung vor sozialer Ungerechtigkeit und Armut gebracht. Zu der zunehmenden und alles überschattenden Politisierung unseres gesellschaftlichen Lebens, dem ewigen Parteienstreit um Macht- und Geldpfründe, kamen noch die soziale Misswirtschaft des Staates (siehe das kranke Gesundheits- und Bildungswesen), aber vor allem die rapide Verarmung der Bevölkerung hinzu. Sechs Jahre nach dem EU-Beitritt steckt die rumänische Wirtschaft tief in der Krise. 8,5 Millionen Bürger, ganze Landstriche vor allem in der Moldau oder Donauebene, leben, laut Statistik, in Armut.

Das Gefährlichste jedoch ist, dass die rumänische Gesellschaft, vom Normalbürger bis zum Staat, derzeit einen riesigen Schuldenberg vor sich herschieben muss. Nicht nur der Staat hat sich beim Internationalen Währungsfonds IWF mit vielen Milliarden Euro, also bis über die Ohren, für Jahrzehnte, gar für die kommende Generation, verschuldet, alle Staatsbetriebe und Privatfirmen haben schwer drückende Bankkredite aufgenommen. Zu den Großschuldnern gehören erstens der Staat selbst und die Staatsbetriebe. Die schönen Versprechungen haben aber auch die Bevölkerung in den Schuldenstrudel gerissen: Derzeit haben 4,3 Millionen rumänische Bürger Schulden bei den Banken. Der unmäßige Schuldenberg macht heute in unserem Land sage und schreibe über 26,7 Milliarden Lei aus!? Diese Schuldensumme ist nun im Jahr 2013 elfmal größer als die des Jahres 2008.

Laut Statistik führen auf Landesebene die Bukarester die Liste der Schuldner mit mehr als zehn Milliarden Lei an, es folgen die Landeskreise Klausenburg (1,4) und Temesch (1,2). Die restlichen Landeskreise weisen hohe, aber Gesamtschulden unter der Milliardengrenze auf. Die im Kreis Galatz angehäuften Schulden von 717 Millionen Lei sind z. B. 28 mal höher als die des Jahres 2008. Am wenigsten verschuldet stehen zurzeit die Landeskreise Covasna (95 Millionen) und Teleorman (80 Millionen) da – der Grund könnte aber auch bei dem kleineren Wirtschaftsvolumen oder vielleicht an der größeren und undurchsichtigen Schattenwirtschaft(?) liegen.

Kredite für Abzahlung von Krediten

Am stärksten hat es, bestimmt auf Dauer, den Großteil der Normalbürger erwischt: Von der allzu legalen Profitgier der Banken angelockt, haben sich auch hierzulande, nach dem westlichen Lebensmuster auf Pump, viele Leute, darunter gar Rentner und Sozialhilfeempfänger, für Jahre in gefährliche Konsumkredite gestürzt. Benötigt wurden sie für allerhand Dinge, angefangen von Plasmafernsehern, Staubsaugern und Kühltruhen bis zum Urlaub. Das Leben wurde in den letzten Jahren immer teurer. Arme Leute mussten da Kredite selbst für die Begleichung der monatlichen Nebenkosten, der hohen Gas-, Wasser- und Stromrechnungen aufnehmen. Und nun? Mit dem Rücken zur Wand nehmen immer mehr Leute Kredite auf, um die Ratenzahlungen ihrer Schulden loszuwerden. Die Statistik sagt, dass ein rumänischer Normalverdiener zurzeit etwa 30 Prozent seines Einkommens für das Tilgen seiner Schulden aufbrauchen muss.

Was nun mit all den Schuldnern im Land? Das Leben muss doch, verschuldet oder nicht, irgendwie weitergehen. Hoffent-lich greift Väterchen Staat nicht gleich auf die verhassten Schuldnergefängnisse aus dem England der viktorianischen Zeit zurück. Man kennt das nur zu eindrücklich aus den Romanen von Charles Dickens: Die Schuldner, ob nun anständige Leute oder nicht, lebten ihr Familienleben, mit Frau und Kindern, in den wohnungsartig eingerichteten Gefängniszellen für kürzere oder für längere Zeit weiter. Nur hinter Gittern.
Ein erster zaghafter Versuch, eine gesetzliche Lösung zu finden, wurde mit einem entsprechenden Gesetzesvorschlag schon 2008 im rumänischen Parlament gemacht. Der Vorschlag geistert leider bis zum heutigen Tag, ohne ein konkretes Gesetz werden zu wollen, durch die prunkvollen Säle des Hauses des Volkes. Laut Projektvorschlag sollte man den rumänischen Schuldnern damit unter die Arme greifen und vor allem jenen, die Schulden bei den Banken oder Wohngemeinschaften nicht abzahlen können, eine zweijährige Schonfrist einräumen. Die derzeitige Regierung hat jedoch diese populäre, aber riskante Großaktion vorerst abgeblasen.

In Temeswar hat die Lokalpolizei auf Anraten von Bürgermeister Nicolae Robu z. B. eine kleine Ersatzlösung auf Lokalebene ausgearbeitet: Jene Bürger der Stadt, die ihre anstehenden Geldstrafen nicht bezahlen können oder wollen, haben dafür eine gemeinnützige Arbeit zum Wohl der Stadtgemeinschaft zu entrichten. Das wäre nämlich ganz gut bei den stadteigenen Unternehmen, beim Wegebau, beim Unternehmen für die Verwaltung der Gemüsemärkte Pieţe AG, im Gartenbausektor oder beim Betrieb für Stadtverkehr machbar. Eine derartige Verfügung der Kommunalverwaltung muss aber noch von der Temescher Präfektur abgesegnet werden.

Kommentare zu diesem Artikel

Walter, 20.04 2013, 18:25
Auf welcher Statistik basiert die Aussage, dass die Gesamtverschuldung der Privathaushalte von 2008 bis 2013 sich verelffacht hat? Oder sind da auch Schulden von rumänischen Unternehmen dabei, bzw. der öffentlichen Gebietskörperschaften?
Oder sind es nur die Konsumschulden? Denn bei der von Ihnen genannten Zahl der Schuldner und Schulden blieben eine Durchschnittsverschuldung von etwas über 1.420 €/Schuldner über ... nicht wirklich dramatisch? Und wenn Hypothekarkredite mit dabei wären, sieht das noch viel weniger schlimm aus!
Was wollen Sie mit diesem Kommentar sagen? Die EU ist schuld an Privatkrediten? Oder an der Finanzkrise? Oder ... ?
Also bitte etwas genauer recherchieren und klarer schreiben!
Norbert, 20.04 2013, 14:32
Herr Konrad das was sie schreiben ließt sich gut.Man könnte sagen es ist ein Beitrag hin zu der Wahrheit.Einiges fehlt da natürlich noch. Von einem schreibe ich ihnen. Ich fahre seit 15 Jahren von Deutschland aus nach Rumänien Geschäftlich ,aber auch privat. Sprechen wir vom geschäftlichen. Im Laufe der Jahre sickerte
nach Deutschland und der Welt nicht nur durch,das dort eventuell ein Markt ist,sondern das dort der größte Schmierenstat in Europa sitzt. Von Verwaltung bis Politik Gemeinden ,Städte bis hin zu Regierung. Das hat dazu geführt das die Geschäftsleute heute einen Bogen um dieses kaputte, verlogene ,korrupte Rumänien MACHEN. Die Auslandsinvestitionen 2012 betrugen 1 milliarde Euro.2012 Das ist so viel, wie der Fussballclub Bayern München Wert ist. Die Investitionen gehen heute nach Polen Slovenien Estland Lettland Litauen. Wenn man von der EU spricht. Wenn man vom großen Geschäft spricht.,kommt Rumänien gar nicht vor. Da stehen Amerika ,China, Asien allgemein. Indien .u.sw.Die Rumänen haben die schlechteste Verwaltung und Politik in Europa. Und deswegen sind sie so schlecht angesehen. Das gehört mit zu der Wahrheit Herr KONRAD.Der überwiegende Teil der rumänischen GESCHÄFTSWELT hat eine andere Auffassung wie ihre internationalen Partner. Der rumänische geschäftsmann denkt was bekomme ich. Während der deutsche darüber spricht,was müssen wir tun.Diese Mentalität ist der hauptgrund warum Rumänien dort steht wo sie stehen.
Konrad, 20.04 2013, 10:19
Wer vor 2007 mit Verstand ueber den Zaun geschaut hat, konnte die Folgen des EU - Beitritts erahnen; Stagnation der Loehne und Anhebung der Lebenshaltungskosten an das Niveau der uebrigen EU-Mitglieder. Dabei ist es nicht etwa so, dass man sich in Bruessel in die suedosteuropaeischen Beitrittskandidaten verliebt haette, sondern der Grund fuer die Aufnahme Rumaeniens waren 22 Millionen potentielle Konsumenten, die man mit gewaltigen Werbeaktionen dazu bewegen konnte, sich alle moeglichen Gueter zuzulegen, und wer dazu nicht das noetige Bare hat, kauft es eben auf Raten.

Die Hoffnung, es finde in kurzer Zeit eine diesen Verlockungen adaequate Einkommenssteigerung statt, erwies sich als ebenso falsch wie vorhersehbar; Auslandsinvestoren suchen Standorte nach der Hoehe der Arbeitskosten und nach "weichen" Arbeitsgesetzen aus, und einheimische kleine bis mittlere Unternehmen koennen unter den gegebenen Bedingungen keine Gewinne erwirtschaften, die hoehere Personalkosten ermoeglichen. Erschwerend kommt hinzu, dass Betriebe im Kontext "EU - Standard" in nicht produktionsorientierte Investitionen getrieben werden, die gerade kleine und mittlere Unternehmen ohne Aufnahme von Krediten nicht aufbringen koennen.

Wer jeden Monat mit Furcht dem Tag, an dem seine Raten faellig sind, entgegensieht, muss zwangslaeufig seine Ausgaben an anderer Stelle reduzieren; Unternehmer, die in der Gastronomie taetig sind, sind die ersten Opfer - der Rest folgt so sicher wie das Amen in der Kirche. Solange unser Ministerpraesident und seine Gefolgschaft keine andere Antwort auf diese Situation kennen, als immer wieder neue Belastungen fuer private Buerger und Betriebe zu erfinden, solange wird sich eine Verbesserung der oekonomischen Lage nicht einstellen.

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