„Was sächsische Truhen erzählen...“

Die Hermannstädter Ausstellung ist bis zum 18. Januar in Bukarest zu sehen

Samstag, 19. Dezember 2015

Aussteuertruhe 1852 Katzendorf, Kreis Kronstadt (Astra-Museum/Hermannstadt)

Blick in den Ausstellungssaal
Fotos: Michael Marks

Die bereits in Hermannstadt/Sibiu erfolgreich gelaufene Ausstellung „Was sächsische Truhen erzählen...“ ist nun unter dem rumänisch-englischen Titel: „Poveştile lăzilor săseşti din Translivania“ bzw. „The Story of the Saxon Chests in Transylvania“ im Nationalen Geschichtsmuseums in Bukarest noch bis zum 18. Januar 2016 zu besichtigen. Mit Truhen aus verschiedenen Sammlungen und Museen Siebenbürgens, wie dem Nationalen Astra-Museum (Abteilung Sächsische Volkskunde „Emil Sigerus“), dem Brukenthalmuseum, dem Städtischen Museum in Mediasch/Mediaş, dem „Teutschhaus“ und dem Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A.B. in Hermannstadt gelang es der Kuratorin Simona Malearov, eine Fülle von Formen und Typen – von den mittelalterlichen Stollentruhen aus Henndorf/Brădeni bis zur eleganten Zunftlade aus Großwardein/Oradea, vom einfachen Korn- oder Mehlkasten bis zur bunt bemalten Aussteuertruhe – für diese Präsentation zusammenzustellen.

In Bukarest wird diese weitestgehend dem bäuerlichen Ambiente zuzurechnende Möbelgattung nun im frisch restaurierten George I. Lahovari Saal ausgestellt, dessen Farbgebung und Stil mit seinem lichtgrünen Anstrich ein wenig an den Innenraum der evangelischen Kirche in der Strada Luterană erinnert. Im Kontrast hierzu nimmt die Mitte des Raumes ein grober Bretterverschlag ein, dessen rohe Holzverstrebungen noch dazu teilweise grasgrün angestrichen sind. Sichtschutz oder bewusste Konstruktion, um die Begleittexte aufzunehmen oder den Umlauf des Besuchers zu erzwingen? Man kann sich des Eindrucks einer gewissen Notlösung an dieser Stelle nicht ganz entziehen. Als erfreulich sei hier jedoch vermerkt, dass die Begleittexte und Beschriftungen hier zumindest zweisprachig auf Englisch und Rumänisch, leider nicht auf Deutsch gegeben werden, der Inhalt der im Foyer vertriebenen Broschüre (10 Lei) entspricht weitestgehend diesen Texttafeln.

Verzichtet haben die Kuratoren auf eine kunstgeschichtliche Einordnung. Die unterschiedlichen stilistischen Einflüsse von der Renaissance zum Barock oder auch die landschaftlichen regionalen Eigenheiten zwischen Nord- und Südsiebenbürgen werden kaum thematisiert. Bei Interesse kann man hier die erst jüngst ins Rumänische übersetzte Abhandlung von Roswith Capesius, „Siebenbürgisch-sächsische Schreinermalerei“, Bukarest: Kriterion Verlag, 1983 / „Pictura de mobilier la saşii transilvăneni“, Honterus Verlag 2015, zu Rate ziehen.

Vielmehr war es das erklärte Ziel, mehr auf die unterschiedlichsten Typen und damit auf die breite Anwendungsmöglichkeit dieses Möbel aufmerksam zu machen. Gleichzeitig versucht man so durch individuelle Geschichten einen emotionalen Zugang zur Alltagswirklichkeit der Siebenbürger Sachsen herzustellen. So wird im Fall der Henndorfer Stollentruhen, von denen hier lediglich zwei gezeigt werden, nichts zur Kerbschnitzerei oder zu den Satteldächern der Truhen erläutert, sondern der Umstand, dass diese ursprünglich als mobile Kleidertruhen gedachten Behältnisse aus Sicherheitsgründen schließlich permanent auf dem Dachboden der Wehrkirche verblieben, um den einzelnen Familien als externe Vorratskammer zu dienen.

Die Geschichte einer Mitgifttruhe, der Herstellungsprozess, die Übergabe von der Mutter zur Tochter anlässlich ihrer Hochzeit wird aus Sicht der Truhe erzählt. Dabei wird en passant angedeutet, welche Bedeutung die einzelnen Blumenmotive besitzen könnten. Gleichzeitig zeigt man die Aussteuer, die Festtagskleider und wie sie in solch einer Truhe aufbewahrt wurden. Aber Truhe ist nicht gleich Truhe und während das Rumänische und Englische den einheitlichen Begriff „ladă“ bzw. „chest“ verwendet, differenziert das Deutsche durchaus zwischen Truhe und Lade.

So gibt es sowohl die Mitgifttruhe, die Stollentruhe oder auch die Truhenbank, wenn es um die Lagerung von Kleidung und Wäsche geht, aber zur Aufbewahrung der Wertgegenstände und wichtigen Akten benutzt man eine Zunftlade, Nachbarschaftslade oder Kirchenlade, die mit ihrer Eisenbewehrung und den massiven Schlössern dann schon fast das Aussehen eines kleinen Tresors erhält. Zur Lagerung von Brot, Mehl und Korn langt dann schon ein einfacher Kasten, ein Brot- oder Mehlkasten. Gelungen in diesem Zusammenhang erscheint, dass die einzelnen Gattungen auch immer zum Anlass genommen werden, Grundsätzliches zu erläutern: Was ist eine Zunft? Wie organisierten sich die Nachbarschaften? Wie fuhr man auf den Markt?

Zeitgenössische Fotografien von Trachten und Bauernstuben, aber auch ein bunt bemalter Stuhl oder die Zunftzeichen der verschiedenen Handwerke runden das Bild, um einen komplexen Eindruck von der Welt der Siebenbürger Sachsen und ihren charakteristischen Truhen zu erhalten.


Nationales Geschichtsmuseum Bukarest. Bis 18. Januar 2016, Mittwoch – Sonntag, 9 - 17 Uhr.

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