Was sind historische Absonderlichkeiten?

Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Heft für Herbst 2016, erschienen

Sonntag, 27. November 2016

Das Doppelheft des 28. Jahrgangs dieser von Dr. Johann Böhm in Zusammenarbeit mit der Universität Vechta erschienenen Halbjahresschrift ist dem Thema der historischen Absonderlichkeiten gewidmet. Nun stellt sich die Frage was als Absonderlichkeit, verstanden als Abweichung von der Norm, betrachtet wird. Es geht dabei um mehr als nur um Merkwürdigkeit und Kuriosität – es handelt sich um Ereignisse, Personen, Prozesse (weil der Begriff Entwicklungen in diesem Umfeld nicht passt und irreführend ist), die Katastrophen und damit verbundenes Leid sowohl für einzelne Individuen als auch für die Gesellschaft insgesamt mit sich gebracht haben. Diese Absonderlichkeiten zu benennen ist wichtig, sie zu beschreiben ist schon schwieriger und sie zu erklären/begründen wird nicht immer von Erfolg gekrönt.
Absonderlich ist, dass dem kommunistischen Securitate-Geheimdienst einige „ganz wenige“ rumäniendeutsche Offiziere angehörten. William Totok startet in dieser Nummer eine Reihe („Ambivalente Lebensläufe. Securitateoffiziere zwischen Verklärung und Sachlichkeit“), die solche Biografien vorstellt. Im Anhang gibt es Autobiographien zweier solcher Offiziere (Martin Schnellbach und Viliam Steskal) zu lesen sowie ein bewertendes Referat seitens ihrer Vorgesetzten – alles Dokumente aus dem Archiv der Securitate.

Absonderlich ist, dass die national-sozialistische Bewegung auch unter den Rumäniendeutschen Anklang gefunden hat. Johann Böhm schreibt darüber in seinem Beitrag „Glanzpunkte der NS-Bewegung innerhalb der deutschen Volksgruppe in Rumänien von 1933 bis 1944“. Dabei wird der gesamte historische Kontext vorgestellt und analysiert, der nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland herrschte, aber auch in anderen, damals neu gegründeten Staaten (wie Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Großrumänien). Interessant ist, welche Faktoren der Verfasser nennt als Erklärung  für den Erfolg der Nazi-Ideologie. Die genannten Faktoren sind „beispielhaft und keineswegs vollständig“ und wären, zusammengefasst, folgende: Abbau der deutschen Beamten in der rumänischen Staatsverwaltung, Demagogie der NS-Erneuerungsbewegung die „allen alles versprach“, Hoffnungen in einen „quasi vom Himmel gefallenen Führer“, Erhöhung der Schul- und Kirchensteuer für die Siebenbürger Sachsen,  volksgruppeninterne Probleme (von mangelnden Fähigkeiten und Willen bis Intrigen und Zerrissenheit) bei den Rumäniendeutschen.

Darüber hinaus sind im Heft Analysen von großer Aktualität zu finden: Karl-Heinz Gräfe ist der Verfasser des zweiten Teils einer Studie über Nationalität, Nation und Staatsbildung in der Ukraine; Björn Opfer-Klinger beschreibt die „politische Dauerkrise“ im Nachbarland Bulgarien in den letzten Jahren. Interessant, weil ansonsten darüber weniger geforscht und gesprochen wird, ist auch der Beitrag von Klaus Popa „Das Sonderkommando ‘R‘ der ‘Volksdeutschen Mittelstelle der SS in Transnistrien 1941-1944‘“ sowie weitere Dokumente, die derselbe Autor veröffentlicht und die Berichte aus dem Jahre 1942 von Pfarrern der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien aus Transnistrien und aus dem Generalgouvernement enthalten. Kurzrezensionen, ein kurzer Literatur-Teil der auch Gedichte von Ana Donţu in der Übersetzung von William Totok einschließt, sind ebenfalls in dieser lesenswerten Publikation enthalten von der es auch eine Online-Variante gibt: www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de sowie einen Blog (http://halbjahresschrift.blogspot.com)

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