„Was zu fürchten vorgegeben wird. Alterität und Xenophobie“

Eine neue Publikation des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums

Freitag, 03. Mai 2019

Der Titel des vor Kurzem im Praesens Verlag erschienenen Bandes bezieht sich auf den Titel einer Rede, die Elfriede Jelinek am 12. November 1999 bei der Demonstration „Keine Koalition mit dem Rassismus“ auf dem Wiener Stephansplatz gehalten hat, in der die österreichische Schriftstellerin sich mit der Konstruktion, Ausgrenzung und Vernichtung von Anderem und Fremdem befasst. Dieses Thema beschäftigt sie seit Beginn ihres Schreibens in den 1960er Jahren. Ihre Texte befassen sich mit Begriffen wie Wir, Zugehörigkeit, Heimat. Ihnen ist das xenophobe und rassistische Sprechen über marginalisierte Gruppen eigen, das sich selbst absolut setzt und dem Anderen keine Sprache und keinen Raum zuspricht. Ausschlaggebend ist dabei die Kritik an rechtspopulistischen, rechtsextremen und rassistischen Tendenzen in Politik und Gesellschaft in Österreich sowie in europäischen und globalen Zusammenhängen.


Die Publikation, die von Susanne Teutsch, der ehemaligen OeAD-Lektorin am Department für germanische Sprachen und Literaturen der Fakultät für Fremdsprachen an der Universität Bukarest herausgegeben wurde, hinterfragt die Begriffe Alterität und Xenophobie und untersucht, wie diese in aktuellen künstlerischen Arbeiten gestaltet werden.
Bekanntlich ist das wesentliche Ziel der Forschungsplattform Elfriede Jelinek die interdisziplinäre Forschung zu den Texten der österreichischen Autorin und deren Kontexten. Das Forschungsvorhaben wurde mittels vier interdisziplinär vernetzter Arbeitsgruppen, einer internationalen Veranstaltungsreihe und der vorliegenden Buchpublikation realisiert. Die Herausgeberin sieht den Mehrwert dieser Form im Prozesscharakter des Projekts und in der Vielfältigkeit der wissenschaftlichen Kommunikation. Der Band stellt nämlich eine intensive Forschungsdiskussion zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Institute der Universität Wien sowie die Vernetzung mit renommierten internationalen Experten unterschiedlicher Fachrichtungen dar. Dadurch entsteht ein multiperspektivischer Blick auf das Werk Jelineks.
Insgesamt waren 25 Wissenschaftler an den Diskussionen beteiligt, die sich von November 2017 bis März 2018 erstreckten. Im Mittelpunkt der Interessen standen die Entwicklung der Thematik in Jelineks Werk, ihre Analyse sprachlicher Strategien der Ein- und Ausgrenzung sowie die Texte im Licht internationaler Rezeption und Übersetzung.


Um einen interdisziplinären und internationalen Austausch mit den jeweiligen Spezialisten zu gewährleisten, wurden unterschiedliche Formate der wissenschaftlichen Kommunikation gewählt. Interagiert wurde dabei in Form von aufeinander reagierenden Beiträgen, Impulstexten und E-Mail-Wechsel sowie mit Hilfe von Gesprächen und Videokonferenzen. Die Fragestellungen wurden in Kleingruppen über einen längeren Zeitraum diskutiert, um neue methodische Herangehensweisen und für die Zukunft relevante Forschungsansätze zu formulieren. Die Beiträge, die im Rahmen dieser Arbeitsgruppen entstanden, wurden auf der Homepage der Forschungsplattform Elfriede Jelinek veröffentlicht und standen folglich allen Teilnehmern der Veranstaltungsreihe für ihre Vorbereitungen zur Verfügung. Die Mitwirkenden konnten in ihren Vorträgen direkt auf die geleisteten Vorarbeiten Bezug nehmen und an die Ergebnisse anknüpfen. Außerdem kam es zu Kooperationen mit wichtigen universitären Institutionen in Wien, Brüssel, Nantes, Florenz, Warschau, Budapest, Israel, Montréal und Arizona.


Die Veranstaltungsreihe „Was zu fürchten vorgegeben wird. Alterität und Xenophobie“ fand vom 17. bis 25. April 2018 an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und im Leopold Museum statt. Im Zentrum stand die Vernetzung ausgewählter Teilnehmer der Arbeitsgruppen mit Experten aus den Bereichen der Sozialanthropologie, Linguistik, Philosophie, Soziologie, Theater-, Kultur- und Literaturwissenschaft sowie mit Autoren, Regisseuren, Filmemachern, Schauspielern, Festivalkuratoren und Ausstellungsmachern.
Die Publikation von Susanne Teutsch versammelt sowohl die im Rahmen der Arbeitsgruppen entstandenen Beiträge als auch die Vorträge und Gespräche der Veranstaltungsreihe. Das „Intro“ des Bandes bildet die titelgebende Rede „Was zu fürchten vorgegeben wird“. Elfriede Jelinek gab die Erlaubnis, neben diesem Essay noch drei weitere essayistische Texte abzudrucken, die mit den Themenfeldern Alterität und Xenophobie in Zusammenhang stehen und zwar „An uns selbst haben wir nichts“, „Gut Lied! Besser wirds nicht“ und „Mein Alterswerk, da geht es hin, da fliegt es rum.“


Im ersten Kapitel mit dem Titel „Alterität“ wird dieser Begriff sowohl aus interdisziplinärer, theoretischer als auch praktischer Perspektive beleuchtet und auf seine Anwendungsmöglichkeiten hin überprüft. Alternative Konzepte und Begriffe wie Multitude, Differenz oder Assemblage werden ebenfalls diskutiert.
Das Kapitel „Xenophobie“ widmet sich methodischen Fragen, indem es Begrifflichkeiten wie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus analytisch begegnet. Die Verhältnisse zum Fremden werden anhand von Jelineks Theatertext „Winterreise“ in einem literatur- und kulturwissenschaftlichen Kontext verortet.


Das Kapitel „Rechtspopulismus“ befasst sich mit der gegenwärtigen politischen Situation und sucht auf nationaler und internationaler Ebene nach strukturellen Zusammenhängen. Aus linguistischer Perspektive werden sich wiederholende Narrative und Figurationen rechtspopulistischer Rhetorik untersucht und diese anhand der sprachlichen Analyse einiger Essays von Jelinek aus den Jahren 1991 bis heute im spezifisch österreichischen Kontext dargestellt.
Im Abschnitt „Rechtspopulismus und Kunst“ wird auf Arbeiten an den Schnittstellen zwischen Politik und Kunst fokussiert. Es werden Überlegungen angestellt, wie der Dialog zwischen unterschiedlichen Positionen und Formen wie Literatur, Film, Musik und bildende Kunst angeregt werden kann. Am Beispiel von Jelineks Verfahren der Mehrstimmigkeit wird darüber hinaus nachgedacht, inwiefern die Autorin mit der Reflexion der eigenen Position auf Autorschaftsdiskurse und den Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit reagiert. Der zweite Schwerpunkt in diesem Abschnitt liegt auf der Position und Funktion des Theaters im gesellschaftspolitischen Diskurs, was anhand von Jelineks Theatertext „Am Königsberg“ besprochen wird.


Das abschließende Kapitel „Internationale Perspektiven“ widmet sich Fragen der Übersetzbarkeit von Texten mit besonderem Fokus auf ästhetische und inhaltliche Auseinandersetzungen mit Ein- und Ausgrenzung sowie im Rahmen unterschiedlicher Literatursysteme und Interessen der in den Prozess involvierten Akteure. Den Schwerpunkt dieses Abschnitts bilden Perspektiven auf die künstlerische Rezeption von Rechtspopulismus in Europa mit besonderem Fokus auf Frankreich, Polen, Ungarn und die Türkei.
Diskutiert wird im Band die Frage nach der Regionalität bzw. Universalität der Texte, d. h. inwiefern Jelineks Bezüge zu Österreich als regionale Eigenheiten Schwierigkeiten beim Übersetzen darstellen und nur in ihrem nationalen Kontext gelesen werden können, oder die universelle Dimension von Jelineks Themen vorherrscht und damit bei der Übersetzungsarbeit viele Anknüpfungspunkte bieten kann.
Die Debatte über diese und weitere Aspekte unserer globalisierten Welt machen den Schwerpunkt des äußerst aktuellen und informativen Bandes aus, der zum Lesen und Nachdenken auffordert und in der Österreich-Bibliothek an der Fakultät für Fremdsprachen eingesehen werden kann.


Susanne Teutsch (Hg.): „Was zu fürchten vorgegeben wird. Alterität und Xenophobie“. Wien, Praesens Verlag 2019, 336 Seiten Reihe Diskurse. Kontexte. Impulse. Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, hrsg. von Pia Janke, Band 19

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