Watschn,wie ein „Schach!“

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Der 22. Dezember 1798 war einer der wenigen Augenblicke, in denen es in den Beziehungen zwischen den Herrschern am Nordufer des Schwarzen Meeres, den Russen, und jenen vom Südufer dieses Meeres, den Türken, zu einem Staatsvertrag kam, in dem sie sich gegenseitig ihre Besitztümer garantierten. Angesichts der Expansionskriege Napoleons – der war gerade auf Feldzug im mameluckischen Ägypten – stationierte Zar/Kaiser Paul I. (aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp, 1754-1801; Russlands Kaiser von 1796-1801) ein russisches Schwadron am Bosporus, genau vor dem Serail des Sultans Selim III. (1761-1807; Sultan des Osmanischen Reichs zwischen 1789 und 1807). Beobachter, vor allem am Hof in Wien, sahen das als russisch-türkisches Wunder.

Nach dem Besuch von „Zar“ Putin bei „Sultan“ Erdogan in Ankara spricht man von einem „raren Wundervorgang“ zwischen Russen und Türken. Die Türkei hat ein eindeutiges Zeichen gesetzt: Ihre antirussische Position aus Zeiten des Kalten Kriegs ist passé. Eine neue Allianz, die eine grundsätzliche Kräfteverschiebung im Nahen und Mittleren Orient bedeutet, wurde aus der Taufe gehoben: die krumme Achse Ankara-Moskau-Teheran, eine Pleuelstange. Russland hat Nato-Westeuropa und vor allem den Trump-USA ein strategisch entscheidendes Schnippchen geschlagen. Eigentlich: eine Watschn mitten ins Gesicht.

Die jüngste Begegnung Putins mit Erdogan brachte eine geostrategische Neuheit. Sie bestätigte, was viele seit der russisch-türkischen „Aussöhnung“ nach dem Abschuss eines russischen Militärflugzeugs am 25. November 2015 als Paradoxon befürchtet hatten: Die Türkei und Russland gehen im Vorderen Orient einen Sonderweg, dessen Opfer nicht nur die Kurden sind. Bei der Presseerklärung nach ihrer dreistündigen Unterredung sagte der Türke, dass das kurdische Referendum im Irak (vom 25. September) nicht anerkannt wird, während der Russe rumdruckste und nichts Klares zum Thema verlauten ließ.

Klar ist, dass Russen und Türken im Nahen Osten und in Syrien nach wie vor verschiedene Lager unterstützen, aber auch, dass beide grundsätzlich dem Kurs folgen, welcher vom Astana-Prozess vorgezeichnet wird: Deeskalation, ohne die USA. Dazu beziehen sie den international rehabilitierten Iran mit ein. Auch das eine herbe Watschn für Trump-Amerika, wo auf Regierungsebene immer häufiger eine neue Iran-Segregation zur Sprache gebracht wird.

Fakt bleibt, dass diese russisch-türkische Allianz perfekt dem langfristigen russischen geopolitischen Plan der Marginalisierung Westeu-ropas und der USA im Nahen und Mittleren Osten entspricht; dass die Türkei ihre Schlussfolgerungen gezogen hat aus dem Dauerliebäugeln Donald Trumps mit den Petromonarchien am Golf und in Saudiarabien; dass die argwöhnischsten Beobachter dieser Entwicklungen – Israel, Jordanien, Ägypten, die Petromonarchien selber – die Erschütterungen des bisher ohnehin labilen Gleichgewichts hochsensibel registrieren. Immerhin haben Russen und Türken die Iraner auf ihrer Seite – die aber sind mit vielen Petromonarchien religiös verfeindet.

Fakt ist auch, dass ein schon wieder auf einem Auge blindes Amerika sich, offensichtlich widerstandslos, aus seiner geostrategischen Position hinausdrängen ließ, aus einer geostrategischen Region von vitaler Bedeutung, indem es sich am einzigen sichtbaren Feind, dem Islamischen Staat, festbiss und alles andere aus den Augen verlor. Dass da eine geostrategische Welt verlorengeht, wird den US-Strategen erst post factum bewusst.

Die Weltgeschichte legt fest: Wer einen „strategischen Rückzieher“ macht (oder sich dazu zwingen lässt), der wird (fast) nie wieder die früher gehaltene Position einnehmen. Im geostrategischen „Schachspiel“ der Mächte dieser Welt heißt die russisch-türkisch-iranische Watschn an Washington diplomatisch: „Schach!“

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