Wegelagerer zur Wiederwahl

Mittwoch, 09. März 2016

Wer in diesem Land Politiker ist, sollte umgehend den Hut nehmen. Eine IRES-Umfrage zum Thema ergab, dass nur 0,3 Prozent der Befragten erklären, sie hätten sehr großes Vertrauen in Politiker und sechs Prozent setzen großes Vertrauen in sie. Welches Wort sie mit „Politiker“ assoziieren? Dummheit, Diebe, Diebstahl, Raub, Betrügereien, Demagoge, Lügner, korrupt, Schmiergeld, Egoismus, Eigeninteresse, Nichtsnutz, Desaster, Schande, Verachtung. Die Liste der Negativassoziationen kann nahezu unbegrenzt weitergeführt werden. Positive Assoziationen entsprechen ungefähr obigen 6,3 Prozent.

Mit Sicherheit zeigt diese Umfrage ein angeekeltes Aufmucken der Bevölkerung, das erstmals nach der Brandkatastrophe im Club „Colectiv“ im Herbst 2016 hochkochte, als bisher bei Demos Nichtbeteiligte auf die Straße gegangen waren und eine kleine Revolution begannen. Die nicht zu Ende geführt wurde. Immerhin stürzte die PSD-Ponta-Regierung – aber mit Kalkül. Ihre Schweinereien müssen im Wahljahr 2016 andere auslöffeln und verantworten. Die dummdreisten Puterhähne des Parlaments hat das – erwartungsgemäß - nicht berührt.

Viel besorgniserregender ist das Alternativangebot der Befragten zum politischen Saustall Rumäniens: 52 Prozent der Antwortgeber im Alter zwischen 51-65 Jahren (die 25 Jahre der Wende und etwa genauso viel Kommunismus erlebt haben) sehen in der Rumänischen Kommunistischen  Partei die Alternative. In jener Partei,  die der Postkommunist Ion Iliescu 1990 für tot erklärt hatte. 40 Prozent jener, die den Kommunismus gar nicht kannten, würden RKP wählen. Schlimmer: 43 Prozent würden für Diktator Nicolae Ceau{escu stimmen. Ein Bild des realen „Werks“ unserer „politischen Klasse“.

Als einzige Lösung für ihre Idealträume würden bei der Sonntagsfrage die meisten PSD wählen. So weit haben Rumäniens Politiker die Wählerschaft gebracht.

Sprachlos und entwaffnet steht man da.

Nicht so die Hauptparteien PSD und PNL und die Schleimerparteien, die nach dem Rettungsboot für weitere vier Jahre parlamentarischen Komfort und Immunität für ihre Räubereien suchen. Der Spiegel, den ihnen die Wählerschaft durch diese Umfrage vorhält, verzerrt sie in ihren eigenen Augen immer noch als die unfehlbaren Genies, die jedes Schiff vollignorant auf ein Riff auflaufen lassen. Ungerührt treten sie neuerlich zur Wahl an.

Ein Blick auf die von der Cioloş-Regierung zur Verfügung gestellte Seite maisimplu.gov.ro im Rahmen der Kampagne zur Entrümpelung des Staatsapparats von Bürokratie zeigt das Maß der Kompetenzlosigkeit rumänischer „Gesetzgeber“: tausende Gesetze, Regierungsbeschlüsse, Anwendungsbestimmungen, Verfügungen, Regelungen werden von den Bürgern als absurd, wahnwitzig, sinnlos, dumm überführt. Das „Volk“ ist klüger als „seine“ Politiker.

Und wählt sie doch.


 

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 10.03 2016, 08:54
meiner Meinung nach ist auch der Journalismus teilweise schuld an der Sitation. Wenn es wo Misstände gibt, dann soll man auf diese Hinweisen, Bürgerinitiativen und zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen, um diesen Missstand zu beheben und die Politiker dazu zu bewegen, hier etwas zu ändern. Viele Politiker würden da auch durchaus reagieren. Aber oft wird einer erst von den Journalisten hoch hinaufgelobt und dann wenig später komplett verteufelt. Diese Skandalpresse, die nur die schnelle Sensation bringt, oft noch übertreibt und noch ein paar Dinge dazu erfindet, die gefällt mir gar nicht. Auch der Journalismus kann in der Demokratie eine positive oder eine negative Rolle spielen. Man kann rein auf hohe Auflagen (oder hohe Förderungen) aus sein, oder auch einmal Verantwortung übernehmen und sich selbstlos für etwas engagieren. Die Presse ist die vierte Macht im Staat, oft unterscheidet sie sich aber nicht besonders von den anderen drei Mächten.
Manfred, 09.03 2016, 11:09
Danke Herr Kremm für diesen schonungslos offenen Beitrag,aber... wo ist die Alternative ?

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