„...weil wir es nicht wagen, ist es schwer“

Carmen Reich-Sander, die Vorsitzende der Schulkommission des Deutschen Forums, im Gespräch

Mittwoch, 21. Februar 2018

Seit Herbst 2017 im Angebot: die neueste Mathematik-Aufgabensammlung für den Unterricht in deutscher Sprache
Bild: Technomedia Verlag

Carmen Reich-Sander ist seit 36 Jahren im Lehramt tätig. Gleich nach Abschluss des Mathematik-Studiums 1982 an der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca wurde sie an die Allgemeinbildende Schule in Jakobsdorf bei Agnetheln berufen. Ein Schuljahr später verlegte sie ihren Wohnsitz zurück nach Hermannstadt und pendelte täglich nach Heltau/Cisnădie bzw. Talmesch/Tălmaciu, wo aufgrund geringer Schülerzahlen auch simultan unterrichtet wurde, ausgenommen die Fächer Mathematik, Deutsch und Rumänisch. Trotzdem erinnert sich Frau Reich-Sander gerne an diese Zeit, da sie dort und damals ihre Aufmerksamkeit großzügig an Schüler verschenken konnte, ganz im Gegensatz zur Gegenwart am Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt, das sich nach wie vor einer ungeteilt hohen Nachfrage erfreut und wo Carmen Reich-Sander seit mehr als 30 Jahren Mathematik unterrichtet.

Umgangston und Gehabe im Stil einer grauen Eminenz des deutschsprachigen Schulwesens in Rumänien sind ihr fremd. Dafür dringt die erfahrene Mathematikerin persönlich in die Grauzonen des Schulbetriebes vor, gibt Schülern und Kollegen im Sprechzimmer gleichermaßen freundlich, aber dezidiert zu verstehen, dass Rumänisch hier nicht Schulsprache Nr. 1 ist. „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer” – das Zitat des römischen Philosphen Lucius Annaeus Seneca (gest. 65 n. Chr.) gilt den Schulklassen im Mathematik-Unterricht und all jenen, die sich auf den Pausen-Klingelton freuen und darauf warten, ihre einwandfreien Deutschkenntnisse endlich im richtigen Leben anwenden zu können. Für die ADZ beantwortete Carmen Reich-Sander aktuelle Fragen zum Schulunterricht an deutschsprachigen Bildungseinrichtungen. Das Interview führte Klaus Philippi.

Frau Reich-Sander, ähnlich wie in den Naturwissenschaften Physik und Chemie steht auch im Mathematik-Unterricht das Trainieren der deutschen Sprachfähigkeit für die Schüler nicht unbedingt im Vordergrund. Wie weit kann man trotzdem mit den sprachlichen Anforderungen gehen, ohne das Fachliche eines mathematischen Unterrichtsgegenstandes zu vernachlässigen?

Das ist eine wichtige Frage, die uns schon seit längerer Zeit beschäftigt. Die Suche nach Antworten darauf unterscheidet uns, die Mitglieder des Lehrerkollegiums am Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt, nicht von anderen deutschsprachigen Schulen Rumäniens. Meine Technik besteht darin, die Schüler häufig zum Sprechen aufzufordern, sie an die Tafel zu bitten. Es ist wichtig, jeden Einzelnen zum Reden aufzufordern, auch wenn den Schülern das Antworten und Erklären auf Deutsch schwer fällt. Oft gerät man dabei als Lehrer in eine Zwickmühle und meint, wegen der Sprache wertvolle Zeit zu verlieren, die man besser für den Unterrichtsstoff bereithalten sollte. Trotzdem halten wir daran fest, dass die Schüler auch im Mathematik-Unterricht ihre Ausdrucksfähigkeit trainieren sollen, da sich das Verhältnis zwischen Unterrichtsstoff und Üben der deutschen Sprache zwangsläufig geändert hat. Man muss derzeit bei uns in der Schule mehr Wert auf die Sprache legen. Wenn die Schüler die Sprache nicht beherrschen, kommen sie auch mit dem spezifischen Inhalt nicht zurecht. Ich merke das besonders im Unterricht mit den Neuntklässlern, welche aus anderen Schulen oder anderen Ortschaften, wo vergleichsweise nur wenig Fächer auf Deutsch unterrichtet werden, zu uns kommen. Weil ihnen die mathematischen Begriffe in deutscher Sprache oft nicht geläufig sind, sind sie im Unterricht darauf angewiesen, einen bestimmten Begriff zu umschreiben.

Leider fehlen uns deutschsprachige Lehrbücher für den Mathematik-Unterricht der 9. Klasse, obwohl das Ministerium für Unterricht und Bildung laut geltendem Gesetz dazu verpflichtet wäre, sie uns zur Verfügung zu stellen. Als Ersatzmaßnahme dafür fordere ich die Schüler der 9. Klasse öfters auf, in Gruppen zu arbeiten und Aufgaben gemeinsam zu lösen, und das auf Deutsch Besprochene ebenso in ihre Hefte einzutragen. Im Anschluss daran muss jede Gruppe ihre Aufgaben und Lösungen mündlich präsentieren, jeder Einzelne muss mehrere Sätze beisteuern. Das fällt den Neuntklässlern manchmal schwer, und sobald sie diskutieren müssen oder mittendrin steckenbleiben, gehen sie ins Rumänische über. Mein Eindruck ist derjenige, dass sie beim Üben der deutschen Sprache das Stadium ständigen Übersetzens nicht überschreiten können. Alles, was man ihnen auf Deutsch sagt und was sie selber sagen wollen, verarbeiten sie gedanklich zuerst auf Rumänisch. Da besteht noch viel Nachholbedarf.
 

Das von Ihnen angesprochene und sich verändernde Werteverhältnis zwischen deutscher Sprache und fachlichen Inhalten wirft eine andere Frage auf: die landesübliche Gewohnheit, Privatunterricht zu nehmen, ist auch unter den Schülern deutschsprachiger Bildungseinrichtungen sehr weit verbreitet, oft bringt sie jedoch eine zeitliche Überbelastung mit sich und erzieht Schüler nicht früh genug zur Selbstständigkeit. Wie groß ist in etwa der Anteil derjenigen Schüler, die nach 12 Schuljahren die deutsche Sprache nahezu fehlerfrei und sicher beherrschen? Ist die Tendenz steigend oder doch eher bedenklich?

Wenn wir an die Generation derjenigen Schüler zurückdenken, die vor 10 Jahren als Abiturienten unsere Schule verlassen haben, müssen wir ehrlich zugeben, dass die Tendenz Grund zur Besorgnis darstellt. Sobald ich diejenigen Schüler, welche derzeit die 12. Klasse besuchen, frage, ob sie mit ihren Deutschkenntnissen zufrieden sind, erhalte ich ein einstimmiges „Ja!“ als Antwort. Sie sind davon überzeugt, mit ihren deutschen Sprachkenntnissen auch außerhalb der Schule gut unterwegs zu sein. Ihre diesbezügliche Selbstwahrnehmung ist etwas verzerrt.
Aber auch Eltern wollen es oft nicht recht wahrhaben, dass das eigene Kind die deutsche Sprache nur unzureichend beherrscht. Oft wird man mit der Frage konfrontiert: „Mein Kind nimmt doch Deutschunterricht seit dem 3. Lebensjahr, wieso kann es denn nicht Deutsch?“ Tatsache ist, dass in der Schule untereinander selten Deutsch gesprochen wird. Zuweilen aber gehe ich auf dem Korridor nichtsahnend an Schülern vorbei, die sich auf Deutsch unterhalten, drehe mich instinktiv zu ihnen um und denke mir: es funktioniert also doch! Ich habe sie mehrmals offen angesprochen und gefragt, warum sie denn den Schulbesuch am Brukenthal-Gymnasium nicht als Gelegenheit nutzen, sich untereinander auf Deutsch zu unterhalten. Die meisten unter ihnen haben zuhause schließlich keine Möglichkeit, mit irgend jemand Deutsch zu sprechen. Und trotzdem wird in der Pause nach wie vor auf Rumänisch kommuniziert, frei nach dem Motto: „Wir haben uns soviel zu erzählen, wenn wir uns das alles auf Deutsch sagen wollten, würden wir es nicht schaffen.“ Das sind so etwa die Gründe, welche die Schüler bei genauerem Nachfragen angeben.

Ab und zu geschieht es aber, dass sie sich für die deutsche Sprache begeistern lassen, wie beispielsweise am letzten Schultag vor den Semesterferien, als mich eine 9. Klasse darum bat, wir könnten uns heute doch ausnahmsweise mal nicht mit Mathematik, sondern mit etwas anderem beschäftigen, genauer gesagt: mit Spielen! Dann habe ich gesagt, gut, wir spielen Wortspiele, aber eben mit Mathe, und es hat ihnen auch wirklich Spaß gemacht.
Was die deutsche Sprache anbelangt, bin ich im Umgang mit Schülern s
eit jeher konsequent und für sie auf Rumänisch nicht ansprechbar. Ich staune nicht schlecht, wenn mich Ex-Schüler auf der Straße in einem perfekten Deutsch ansprechen, von welchem sich die jetzigen Schüler eine Scheibe abschneiden könnten. Und vor allem lasse ich Schüler, die sich vom Unterricht entschuldigen wollen, erst gehen, nachdem sie mich in einem sauberen Deutsch darum gebeten haben.
 

Wie schaffen es Gastlehrer aus Deutschland, sich in ihrer Unterrichtsweise an die rumänischen Lehrpläne und an die für Rumänien typische Denkweise anzupassen?

Das kann ich nicht genau beantworten, hierzu aber unterschiedliche Beispiele nennen. An unserer Schule unterrichtet schon seit mehreren Jahren Deutschlehrerin Annette Frings, die von Anfang an sehr gut in ihre Aufgabe hineingewachsen ist und keine oder nur wenige Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Ich erinnere mich aber an einen konkreten Fall zu Beginn der 90er Jahre, als an unsere Schule ein Lehrer aus Deutschland kam, der sich mit dem rumänischen Lehrplan nur schwer, mit der spezifischen Denkweise und Benotung aber noch viel weniger anfreunden wollte. Da die rumänischen Zensuren von 1 bis 10 gestaffelt sind, meinte dieser Kollege, einem Schüler, der nichts kann, ruhig eine Eins geben zu können. Das führte dazu, dass mehrere Schüler auf einmal in einem vermeintlich unwichtigen Unterrichtsfach eine Eins im Klassenkatalog stehen hatten, es unwichtige Gegenstände als solche aber nicht geben sollte. Da prallten einfach zwei unterschiedliche Welten aufeinander und es war nicht einfach, dem betreffenden Lehrer zu erklären, dass er zwar Recht habe, die rumänischen Normen und Gewohnheiten aber andere sind als in seiner Heimat. Eine Eins gibt es nach wie vor nur für Abschreiben oder für eine totale Verweigerung jeder schriftlichen oder mündlichen Antwort.
 

Das Unterrichtsministerium erfüllt seine Aufgabe in Sachen deutschsprachiger Lehrbücher nur unzureichend. Ob aus einer bestimmten politischen Haltung heraus oder nicht, bleibt dahingestellt. Um den Mangel etwas auszugleichen, hat die Michael-Schmidt-Stiftung vor etwa zwei Jahren Fachlehrbücher aus Deutschland an deutschsprachige Schulen in Rumänien vermittelt. Inwieweit sind diese Lehrbücher auf die hiesigen Lehrpläne anwendbar?

Zuallererst wurden die Titel der verfügbaren Bücher bekanntgegeben. Allerdings handelt es sich dabei nicht um richtige Schulbücher, sondern eher um Fachlektüre für den Unterricht in bestimmten Gegenständen. Trotzdem kann man einzelne Kapitel dieser Bücher sehr gut als Unterrichtsgrundlage verwenden und für Schüler wäre es nicht schlecht, allein schon der deutschen Sprache wegen öfter in solchen Büchern zu lesen. Allerdings ist an unserer Schule der Bedarf an Büchern sehr gut gedeckt, unsere Schüler sind fleißige Leser. An anderen, vergleichsweise kleineren deutschsprachigen Schulen würden die von der Michael-Schmidt-Stiftung vermittelten Bücher bestimmt mindestens genauso, wenn nicht sogar dringender gebraucht.
 

Als Autorin haben Sie an der Herausgabe der 2013 im Hermannstädter Technomedia-Verlag erschienenen Mathematik-Arbeitshefte für die 5., 6., 7., 8. und 9. Klasse entscheidend mitgearbeitet und im September vergangenen Jahres wurde auch das Arbeitsheft für die 10. Klasse herausgegeben!

Gemeinsam mit Kolleginnen habe ich damals die Zeit der Sommerferien genutzt, um die Arbeitshefte auszuarbeiten. Es sind, glaube ich, ganz gute Aufgabensammlungen. Wir haben versucht, den ganzen Lehrstoff damit abzudecken und auch interessante Informationen zu der Geschichte der Mathematik und mathematische Spiele wie z. B. Suchrätsel oder Wortsalate darin unterzubringen, damit die Schüler auch einen Grund haben, mit der deutschen Sprache arbeiten zu müssen. Die Arbeitshefte für die Klassen fünf bis acht sind sehr interaktiv gestaltet, die Schüler hatten Spaß an ihnen und haben viel und eifrig hineingeschrieben.

Uns hat aber der Bildungsminister der vorigen Regierung (Anm. d. Red.: Liviu Pop) einen Strich durch die Rechnung gemacht, da alle additiven Lehrmittel vom Unterrichtsministerium beglaubigt werden mussten. Für das Arbeitsheft der 5. Klasse haben wir die bürokratische Hürde auf uns genommen und die Zustimmung erhalten. Es war aber sehr schwierig, da wir eine vierstellige Summe in Lei bezahlen mussten, um den Antrag überhaupt einreichen zu können, damit eine Person im Ministerium ihn bearbeitet. Ein Risiko war also dabei, da wir nicht sicher davon ausgehen konnten, dass es klappt. Allerdings hat das Unterrichtsministerium im Januar die Liste der beglaubigten additiven Lehrmittel veröffentlicht, unser Mathematik-Arbeitsheft für die 5. Klasse war glücklicherweise auch darunter.

Eine permanente Baustelle sind auch die Lehrpläne, die sich auf Anordnung des Unterrichtsministeriums fast im Schuljahres-Takt ändern. Die Mathematik-Lehrpläne für die 5. und 6. Klasse haben sich vergangenes Jahr leicht geändert, weswegen wir das Arbeitsheft für die 5. Klasse neu bearbeitet haben. Dasselbe werden wir demnächst mit den Arbeitsheften der 6., 7. und 8. Klasse tun und versuchen, für die Verwendung ebenfalls eine Genehmigung seitens des Unterrichtsministeriums zu erhalten. Dabei erwartet uns allerdings wieder die Aufgabe, Finanzmittel bzw. einen oder mehrere Sponsoren ausfindig zu machen, die uns zuliebe in ihre Tasche greifen. Es macht uns natürlich stutzig, dass wir große Summen für eine an sich unwichtige Akkreditierung von Lehrmitteln aufbringen müssen, wo man mit demselben Geld Arbeitshefte und Aufgabensammlungen für ganze Schulklassen hätte kaufen können.

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