Weiße Insel unter dem Davidstern

Die Synagoge von Karlsburg – letzte Zeitzeugin einer fast vergessenen Gemeinschaft

Montag, 13. Mai 2019

Davidstern auf der Empore, dem Gebetsraum der Frauen. Fotos: George Dumitriu

Die Synagoge „Mareh Yezekiel“.

Herzstück der Synagoge: der heilige Schrein

Blick von der Bima nach Osten zum Aron Kodesh

Auf der Bima in der Mitte des Raums wird aus der Torah gelesen.

Vor dem cremeweißen Gebäude mit dem geschwungenen Dach pulsiert das Leben der Stadt. Rechts ein Block mit Geschäften, davor zwei Bushaltestellen, Fußgänger eilen vorüber - Hektik im Zentrum von Karlsburg/Alba Iulia. Bevor wir ins Innere des frisch restaurierten Gebäudes in der Strada Tudor Vladimirescu treten, erregen drei metallene Bälle, die in der Fassade stecken, unsere Aufmerksamkeit - verirrte Kugeln aus dem Artilleriefeuer der Revolution von 1848-1849. In den Fenstern darüber bricht sich das Licht der Abendsonne wie in silbernen Spiegeln. Durch das hölzerne Portal betreten wir eine geheimnisvolle, andere Zeit...

 

Es ist so still, dass man die Armbanduhr ticken hört. Ringsum kühler Stein und erhabenes Weiß. In der Mitte thront die Bima wie eine Insel auf einem Bett aus weißem Kies. Ionische Säulen flankieren ihre Ecken, Spiralen aus Stein zieren ihre Treppen. Über den Sockel des Geländers erstrecken sich symmetrische Ornamente, die an stilisierte Blüten erinnern. Schlichtheit und meditative Ruhe sind hier zuhause. Kitschige Leuchtkörper mit Aufschriften und Stiftertafeln, wie in manchen Synagogen, bleiben dem Auge erspart. Statt dessen: apart geschwungene Schmiedeeisen-Gitter. Eine Reihe kristallener Lüster, die den Blick zum Herzstück des Raums lenkt: dem heiligen Schrein in hellem Taubenblau mit weiß-goldenen Ornamenten. Das dunkle, geschnitze Gestühl erhebt sich wie ein wohltuender Schatten aus dem lichtdurchfluteten Raum. Einziges Farbspiel bieten die Fenster aus buntem Glas.


Gegen das Vergessen


Denkt man an Karlsburg, drängt sich die Festung Alba Carolina in den Vordergrund: sternförmiger Vauban-Stil, meterdicke Mauern, Blumenampeln auf hölzernen Brücken. Bronzene Soldaten, Wachablöse-Spektakel, eine römische Kommandostelle, der orthodoxe Metropolitenkomplex und die gewaltige römisch-katholische Michaelskathedrale… Und doch wäre ein Besuch nicht vollständig, ohne in einen weniger sichtbaren Schauplatz der Geschichte einzutauchen: das jüdische Karlsburg.

Dessen einzige Zeitzeugin ist die zwischen 1822 und 1840 erbaute, 2014 bis 2017 umfassend restaurierte Synagoge „Mareh Yezekiel“ mit dazugehörigem Friedhof. Sie stellt das erste gemauerte jüdische Gotteshaus Siebenbürgens dar. Wofür sie restauriert wurde, wo es doch im ganzen Landkreis keine 20 Juden mehr gibt? Wo Gottesdienste nur noch an hohen Feiertagen stattfinden, weil die erforderlichen zehn Männer jüdischer Abstammung mütterlicherseits nur noch zusammenkommen, wenn sich Glaubensbrüder aus anderen Regionen oder aus Israel einfinden? Die schwindende jüdische Minderheit möchte damit ein Zeichen setzen: Ihr Kulturerbe soll erhalten bleiben und als Andenken für die Allgemeinheit geöffnet werden. Kulturelle Veranstaltungen locken Besucher an. Auch Touristen sind willkommen.


Zwischen Verfolgung und Nutzen


Die ersten Juden kamen im 16. Jahrhundert nach Karlsburg: Sepharden, Nachfahren der von den katholischen Königen im 15. und 16. Jh. aus Spanien vertriebenen Juden, die sich auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs niedergelassen hatten. Anfangs wurden sie in Siebenbürgen als „Spione der Osmanen“ verfolgt. Sigismund Bathory (1581-1598) ließ sie vor seinen Kämpfen mit den Türken entlang der Stadtmauer aufhängen. Ihre Lage änderte sich entscheidend, als Gabriel Bethlen 1623 ein Dokument aufsetzte, das Sepharden offiziell erlaubte, sich in Siebenbürgen niederzulassen. Er versprach freie Religionsausübung, erließ ihnen die Steuern, wies ihnen Parzellen für den Hausbau außerhalb der Festung zu. Sein Ziel: den Handel zwischen Siebenbürgen, der Moldau, der Walachei und dem Osmanischen Reich mit ihrer Hilfe zu beleben.


Im Habsburgerreich übertrug man die juristische Oberhoheit der jüdischen Gemeinschaft auf das römisch-katholische Bistum von Karlsburg - ein seltsamer Zustand, der von 1720 bis 1867 währte. Man forderte hohe Abgaben von den Juden, weswegen zahlreiche abwanderten. Der Bischof mischte sich jedoch nicht in religiöse Angelegenheiten ein und der Rabbi, der das spirituelle Leben in Karlsburg anführte, erhielt den Titel „Oberrabbiner von Siebenbürgen“.
Bis zum Ende des 18. Jh. gab es nur Sepharden in Siebenbürgen. Dann wanderten jiddisch sprechende Aschkenasen über Polen, Mähren, Deutschland, Ungarn und die Moldau ein. Sie bildeten bald die Mehrheit.


Rechte und Unrecht


1779 entwarf Samuel von Brukenthal, Gouverneur von Siebenbürgen,ein Konzept, das die Umsiedlung aller Juden nach Karlsburg vorsah. 1780 von Maria Theresia genehmigt, wird ein Siedlungsverbot für Juden außerhalb der Stadt erlassen. Doch die Umsiedlung erwies sich als Fiasko. 1781 schickt die jüdische Gemeinschaft eine Petition an Kaiser Josef II. und das Projekt wird ausgesetzt. Nach eigener Darstellung lebten damals 350 jüdische Familien in Siebenbürgen, davon 200 seit über 30 Jahren auf dem Land. Unter Josef II. erhielten Juden auch das Recht auf Arbeit als Bauern, jedoch nur als Pächter ohne Landbesitz. Der Gebrauch ihrer Sprache in der Öffentlichkeit wird verboten, es musste Deutsch gesprochen werden. Sämtliche Dokumente wurden auf Deutsch übersetzt, jüdische Namen eingedeutscht.


Nach der Gründung des Österreich-Ungarischen Kaiserreichs 1867 trugen die Juden zum wirtschaftlichen Aufschwung Karlsburgs bei: 1894 entsteht am Bahnhof die modernste Mühle Siebenbürgens, gegründet von Andor und Filip Glück; 1898 mahlt sie bereits 45 Tonnen Getreide in 24 Stunden. Adolf Jonas gründet die erste Spiritusfabrik. Juden eröffnen ein modernes Schlachthaus und ein städtisches Elektrizitätswerk, schreibt Marius Gedalia, Berater des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinschaft im Kreis Alba, in „Die Jüdische Gemeinschaft von Alba Iulia, eine in Jahrhunderten in Stein gegrabene Geschichte“ (Hauptquelle dieses Artikels).


Aus Dokumenten des Zweiten Weltkriegs geht hervor, dass es in Karlsburg 2000 Juden gab, eine Schule mit Unterrichtssprache Hebräisch, zwei gemauerte Synagogen, für Sepharden und Aschkenasen. Zwar wird dort kein Ghetto errichtet, es gibt keine Transporte in Vernichtungslager, doch werden alle Juden gezwungen, ihren Wohnsitz in die Kreishauptstadt zu verlegen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden ihre Häuser enteignet, doch man ließ sie gegen hohe Mieten darin wohnen. 1948 wurden die jüdischen Schulen geschlossen, die hundert Jahre ohne Unterbrechung funktioniert hatten. Mit der Gründung Israels 1948 wanderte die Mehrzahl der Juden aus. Zur Volkszählung 2011 bekannten sich noch 20 Bürger zu dieser Minderheit.


Die letzte Synagoge


Der Bau der Synagoge „Mareh Yezekiel“ erfolgte auf einem Gelände, das Bischof Ignatius Negyes bereitgestellt hatte. Ihr Name geht auf den bekannten Oberrabbiner Ezekiel Paneth (1783-1845) zurück. Heute sorgt darin eine Zentralheizung für behagliche Wärme, doch 1938 mag die Kälte vielen das Leben gerettet haben. Am 20. November erschütterte genau zur Gebetszeit eine Bombe das Gemäuer und richtete schwere Schäden an. Das Attentat durch Mitglieder der Legionärsbewegung forderte keine Todesopfer. Wegen der klammen Temperaturen war der Gottesdienst in die gegenüberliegende, heizbare, neue Synagoge der Sepharden verlegt worden. Diese fiel 1983 den Modernisierungsplänen Ceaușescus für die Stadt zum Opfer.


Fast 300.000 US-Dollar aus Mitteln des FCER und der rumänischen Regierung verschlang die Sanierung der nunmehr einzigen Synagoge Karlsburgs. In erster Linie wurde gegen Staunässe vorgegangen, die Wände, Parkett und Mobiliar beschädigt hatte, denn der Bau steht auf sumpfigem Gebiet, erklärt Lia Borza, Leiterin der dortigen jüdischen Gemeinschaft. Nun steht das restaurierte Gestühl auf trockenem Steinpflaster, die Bima ruht auf einem Drainagebett. Neu sind die bunten Glasfenster und die modernen Installationen - Lautsprecheranlage, Zentralheizung, Anschluss an Wasser und Kanalisation, Videoüberwachung, Feuermelder, Alarmanlage.


Während die Kamera aus allen Ecken klickt, schlendere ich durch Geschichte. Spähe in Winkel, studiere Ornamente, klettere auf die Empore, die früher den Frauen als Gebetsraum diente. Entdecke eine Besonderheit, die es nur in dieser Synagoge gibt, wie Gedalia verrät: ein fensterloser Raum im Eingangsbereich, der als Gefängnis diente, zur Ahndung religiöser Vergehen. Bestaune leuchtende Vitralienfenster. Von der Empore tönt es ungeduldig: „Aus dem Bild!“ Ich ahne schon, warum. Von dort oben kann man durch eine aparte Symbolfigur den gewaltigen Innenraum mit einem Klick erfassen: als weiße Insel unter dem Davidstern.

 

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