Wenn alte Bücher Geschichten erzählen...

Mikroausstellung des Monats im Nationalen Geschichtsmuseum: theologische Abschrift aus dem Jahr 1780

Donnerstag, 25. Mai 2017

Die frisch restaurierte theologische Abschrift von Diakon Toader Ursu aus Neudorf (1780)
Foto: George Dumitriu

Wenn alte Bücher Geschichten erzählen, geht es nicht immer um deren Inhalt. Manchmal ist es vielmehr die Geschichte des Buches selbst, die fasziniert. Das Objekt wird dann zum roten Faden, der sich durch die Vergangenheit zieht. Menschenschicksale und historische Ereignisse heften sich ihm an, kondensieren an ihm wie Perlen an einer Kette. Sie tragen dazu bei, dass das Gewebe, das wir Geschichte nennen, sich um einige Details verdichtet – vor allem aber bunter wird. Zunächst ist es nur ein altes Buch, das da in der Vitrine im Lapidarium des Nationalen Geschichtsmuseums liegt. Beschriftet mit schwarzer Tinte, der Text an manchen Stellen rot hervorgehoben. Handschrift auf vergilbtem, verwittertem Papier: kyrillische Buchstaben in rumänischer Sprache. Die Spektralanalyse verrät: die Zellulosefasern wurden mit Gelatine fixiert, die Seiten mit Mehlstärke verklebt. Die Farben basieren auf Bleiverbindungen und Zinnober. Ein hölzerner Umschlag, gebunden in feinem Leder - am 16. Oktober des Jahres 1780 in einer sächsischen Werkstatt in Schäßburg/Sighişoara für vier Silbertaler in Auftrag gegeben. Woher wir das wissen? Der Schreiber des Textes verrät dies in seinen Notizen auf dem Vorsatz. Er identifiziert sich dort auch als Diakon Toader Ursu aus Sächsisch-Neudorf/Noul Săsesc. Dessen historische Authentizität bestätigt Gabriel Strempel in Band I des 1959 in Bukarest erschienenen Werks „Kopisten rumänischer Manuskripte bis 1800“: „Toader Ursu Noianul“ bzw. „Toader Noianul“ wird darin mehrmals als siebenbürgischer Kopist erwähnt, der zwischen 1782 und 1784 auch selbst Beiträge für eine ähnliche Buchausgabe wie der vorliegenden verfasst hat.

Als Erstes fragen wir uns: Warum hat der junge Diakon, der sich als griechisch-katholisch bezeichnet und zudem verrät, nach seiner Heirat mit Mariu]a, der Tochter des Pfarrers Theodor aus Dane{ bei Schäßburg, in Neudorf zum Pfarrer avanciert zu sein, dieses Buch überhaupt kopiert? Geschichtslehrer Horia Ursu, mittlerweile pensioniert, ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Und nein, der Name ist kein Zufall! Ursu ist ein direkter Nachfahre des historischen Schreibers und entstammt einer alteingesessenen rumänischen Pfarrersfamilie aus Neudorf. Schon als Kind hatte ihm sein Großvater dies erzählt, und ihm auch verraten, dass man die Männer der Familie Ursu seit jeher „Noianul“ nannte.
Ganz offensichtlich handelt es sich bei dem Exponat um ein Buch orthodoxen Inhalts, so die Experten des Nationalen Geschichtsmuseums. Die Vitrine mit dem frisch restaurierten, erstmals auch der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentierten Buch, ist Herzstück der aktuellen Mikro-Ausstellung des Monats, die dort noch bis zum 4. Juni zu sehen ist. Inhaltlich handelt es sich um eine theologische Artikelsammlung verschiedener Autoren, deren erster Teil sich mit dem Leben der orthodoxen Heiligen und Kirchenväter befasst, der zweite enthält eine Art Anleitung zur Frömmigkeit in Form von Fragen und Antworten. Bücher dieser Art waren damals im gesamten rumänischen Raum stark verbreitet. Sie richteten sich an das einfache Volk, mit dem Ziel, den orthodoxen Glauben, aber auch das damit verbundene rumänische Nationalgefühl zu konsolidieren.

„Das Bemühen Toader Ursus ist das Bekenntnis eines Rumänen, der sich im eigenen Dorf mit den Mentalitäten der ungarischen Feudalherren, aber auch mit der lutherischen Propaganda der Sachsen konfrontiert sah“, erklärt dazu Museumsdirektor Ernest Oberländer-Tarnoveanu. Horia Ursu, der die Geschichte seines Dorfes ausführlich studiert und eine Monografie zu Neudorf verfasst hat, holt weit aus, um den Zusammenhang zu erläutern. Neudorf, 1322 erstmals urkundlich erwähnt, sei zwischen 1305 und 1322 von Sachsen kolonialisiert worden, erzählt er. Im Gegenzug zu den freien Sachsen im restlichen Siebenbürgen waren diese jedoch von den ungarischen Feudalherren des Apafi-Geschlechts aus Malmkrog/Mălâncrav als landwirtschaftliche Arbeitskräfte angesiedelt und als Leibeigene ausgebeutet worden. Malmkrog bildete damals mit den Dörfern Kreisch, Rauthal, Neudorf und Peschendorf ein zwischen dem Schäßburger und Mediascher Stuhl gelegenes Praedium, das vom ungarischen König vergeben wurde. Gleichzeitig lebten auch Rumänen in Neudorf, wenn auch in der Minderzahl im Vergleich zu den Sachsen, ebenfalls als Leibeigene der Apafis. Eine kleine, aber starke orthodoxe Gemeinschaft, so Ginel Lazăr, Kurator der Ausstellung.

1366 werden die orthodoxen Rumänen von den Adligen unter Druck gesetzt, zum Katholizismus überzutreten, erzählt Ursu. Auch die Sachsen waren damals noch katholisch. Mehrere päpstliche Briefe an die ungarischen Könige fordern drastische Maßnahmen gegen die „Ungläubigen“. Der Druck lockert sich etwas, nachdem sich 1568 der ungarische König und Fürst von Siebenbürgen, Johann Sigismund Zápolya, zu einem Schritt der Toleranz entschließt - der offiziellen Anerkennung von vier christlichen Konfessionen: die Lutherische, die Calvinistische, die Katholische und die der Unitarier. Die orthodoxen Rumänen werden nicht erwähnt, sie wurden lediglich toleriert.  
Mit der gescheiterten Belagerung Wiens durch die Osmanen 1683 spitzte sich die Lage für die Orthodoxen in Siebenbürgen weiter zu: Die Türken wurden in die Defensive gedrängt, die neuen Herren machten Druck zur Durchsetzung ihrer eigenen Konfession. Schon kurz nach 1687, als der römisch-deutsche Kaiser Leopold I. aus dem Hause Habsburg das Karpatenbecken seinem Reich einverleibte, begannen katholische Jesuiten unter den orthodoxen Christen zu missionieren. Die Verweigerung der vollen Zivilrechte für Nichtkatholiken führte schließlich dazu, dass es 1700 zur Union mit der katholischen Kirche unter Anerkennung des Papstes in Rom kam. 1701 sind 1100 orthodoxe Pfarrer aus Siebenbürgen zu der „vereinten Kirche“ übergelaufen, erzählt Horia Ursu. Die „neuen Katholiken“ nannte man fortan nicht mehr orthodox, sondern „griechisch-katholisch“. Erst 1744 gab es eine große Bewegung zurück zur Orthodoxie, die vom serbischen Kirchenmann Visarion Sarai (1955 von der orthodoxen Kirche selig gesprochen) ausging.

Toader Ursu - so die Interpretation vor dem Hintergrund dieser Ereignisse - gehörte wohl zu jenen, die die Rückkehr zur Orthodoxie unterstützten. „Der Kampf zwischen den großen kirchlichen Führern, katholisch und orthodox, erreichte auch die kleinsten Dörfer Siebenbürgens“, erklärt Horia Ursu. Gleichzeitig aber weiß man heute, dass die Kirche von Neudorf, wie auch der Friedhof, von beiden Konfessionen genutzt wurde, fügt er an. „Wie man das mit dem Gottesdienst regelte, ob er abwechselnd gehalten wurde und welcher wie oft stattfand, ist nicht überliefert.“
Das Schicksal der rumänischen Orthodoxen von Neudorf, die sich mit dem Exponat enthüllt, entbehrt allerdings nicht der Ironie. Nach jahrhundertelangem Glaubenskampf wird 1905 eine neue orthodoxe Kirche in Neudorf gebaut. Ausgerechnet zu diesem Anlass wechseln zahlreiche Orthodoxe zur griechisch-katholischen Kirche über! „Nur, damit sie nicht für den Bau Material spenden mussten oder zur Arbeit herangezogen werden konnten“, hatte Horia Ursu von Zeitzeugen persönlich erfahren. Manchmal, so scheint es, hat Geschichte einen seltsamen Humor...

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