Wenn Altern zum Albtraum wird

Kleine Renten und fehlende Pflegeinfrastruktur drängen Familien in die Opferrolle

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Journalist Laurenţiu Colintineanu (links) präsentiert drei Kurzfilme zu bewegenden Rentnerschicksalen. Mitte: Victoria Stoiciu (FES)
Foto: die Verfasserin

Beschäftigungsrate der 55-64 Jährigen (A) im Vergleich zur Gesamtbeschäftigungsrate (B).
Folie: FES

Sie gehört zur „generaţia captivă“, der „gefangenen Generation“: Eingeengt zwischen den Pflichten gegenüber ihrer bettlägerigen Mutter, einer 89-Jährigen mit nicht operiertem Oberschenkelhalsbruch, ihrem Sohn, der gerade das Abitur hinter sich hat und zu studieren beginnt, und ihrem Ehemann, der sich beklagt, dass sie kaum noch Zeit zum Reden haben. Zwei Haushalte, keine Verschnaufpause, kein Wegfahren ist möglich. Das Geld reicht sowieso hinten und vorne nicht. Die Jungen müssen verzichten, aber auch die Bedürfnisse der Alten können nur minimalst befriedigt werden: kochen, füttern, waschen. Für Laura T., die ihren vollen Namen nicht nennen will, ist dies eine Dauerbelastung. „Die tägliche Pflege hat jede andere Form der Nähe zerstört“, bemerkt sie über das Verhältnis zu ihrer Mutter.

21 erschütternde Einzelschicksale zum Thema Altern präsentieren die Journalisten Laurenţiu Colintineanu und Ioana Moldovan auf der Webseite „Rumänien wird alt – aber wie?“ (romaniaimbatraneste.ro). Jeder Fall führt hautnah vor Augen, wie komplex die Bedürfnisse im Alter sein können – und wie ohnmächtig wir diesen in Rumänien gegenüberstehen. Es mangelt schlichtweg an allem: an Geld, an Altersheimen, an einer Dienstleistungsinfrastruktur mit ausgebildeten Pflegekräften, an einem Rentenversicherungssystem, an nachhaltigen politischen Konzepten und Verantwortung seitens des Staates...

Kaum zu glauben, dass ein modernes, immerhin 2011 verabschiedetes Gesetz die Verantwortung für die Altenpflege allein der Familie zuschiebt. Und kein Wunder, wenn überforderte Nachfolgegenerationen selbst zum Opfer werden: langzeitarbeitslos, weil wegen Pflegepflichten der eigene Job zu lange aufgegeben wurde. Oder, wenn sich die Kinder der Verantwortung entziehen und einfach ins Ausland verschwinden, wie der traurige Fall von Petru Rotarciuc illustriert: Der 63-jährige Rentner lebt in einem Altersheim von der Art, wie Laurenţiu Colintinean im Rahmen seiner Recherchen viele kennenlernen musste: Chronisch unterfinanziert, für 72 Senioren stehen nur zwei Krankenschwestern und eine faktisch nie anzutreffende Assistentin zur Verfügung. Die Alten sind auf zwei Etagen verteilt – oben die nicht mehr mobilen, für die das Bett zum Zentrum des Lebens geworden ist, unten diejenigen, die sich noch selbstständig bewegen können. Trotzdem sagt der Rentner: Es ist gut hier, sehr gut, besser als auf der Straße.

Nur 131 Altersheime mit insgesamt 7152 Plätzen gibt es in ganz Rumänien, ergänzt Victoria Stoiciu von der Bukarester Friedrich Ebert Stiftung (FES) in ihrem Vortrag das Bild mit Fakten und Daten, anlässlich der von dieser organisierten Tagung „România îmbatrâneşte“ (Rumänien wird alt). Geplant ist, so der Bukarester FES-Vertreter Matthias Jobelius, ein Policy Paper zu erstellen. Darin soll nicht nur die Problematik des Alterns in Rumänien aus allen Blickwinkeln dargestellt und konkrete Einblicke in Einzelschicksale gegeben, sondern auch politische Empfehlungen formuliert werden.

Soziale Lage der rumänischen Rentner

Altern hat viele Gesichter und Kategorien – jede mit ganz spezifischen Problemen. Da gibt es die Gruppe der 55 bis 64-Jährigen, die beruflich noch aktiv sein sollten, es aber aus verschiedenen Gründen häufig nicht mehr sind; die der Rentner mit und ohne Pflegebedarf, darunter solche, die von ihrer Rente nicht leben können; oder die Altersklasse der über 80-Jährigen mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die soziale Situation der Senioren fasst Victoria Stoiciu zusammen:
Zuerst eine gute Nachricht: Die Armutsrate unter Rentnern hat sich von 65 Prozent im Jahr 2007 auf 35 Prozent für 2013 reduziert. Dennoch ist Rumänien damit immer noch EU-Schlusslicht. Die positive Entwicklung sei auch nicht einer stärkeren Wirtschaft zu verdanken, denn 2007/2008 begann die Krise, sondern politischen Maßnahmen: Zwischen 2007 und 2009 gab es eine sukzessive Steigerung bis zur Verdopplung der Durchschnittsrente. Außerdem wurde die Mindestrente eingeführt, was 482.200 Menschen zugute kam, davon 122.400 aus dem alten System der landwirtschaftlichen Renten. Auch hier sind wir jedoch mit der kleinsten Mindestrente Schlusslicht in der EU. Auch muss einem bewusst sein, dass jede Verbesserung der Renten heute auf Kosten der Nachhaltigkeit des Rentensystems von morgen geht. So hat sich mit den genannten Maßnahmen das Plus im Rentenfonds in ein Minus verwandelt.

Weiteren Grund zur Sorge bereitet die Polarisierung der Renten: 2009 hatten 81 Prozent Monatsrenten unter 1000 Lei und nur 0,9 Prozent über 2000 Lei. 40 Prozent der Renten liegen unterhalb des Existenzminimums von 587 Lei – davon 98 Prozent aus dem alten landwirtschaftlichen Rentensystem; 25 Prozent sind kleiner als der monatliche Konsum-Warenkorb (444 Lei), davon 85 Prozent aus dem alten landwirtschaftlichen Rentensystem. Zu den anfälligsten Kategorien gehören vor allem Bauern, die das Rentenalter nach 2000 erreicht haben, sowie Senioren mit Pflegebedürfnissen oder über 80. Risiken des Rentensystems in der Zukunft sind die heute illegalen Arbeiter, die alle unversichert sind. Ein Problem wird es auch geben, wenn die um 1966 geborenen Baby-Boomer – damals erließ Ceauşescu das Verbot zum Schwangerschaftsabbruch – in Rente gehen. Die Beschäftigungsrate muss steigen, damit auch die Renten steigen. Sonst gehen alle Verbesserungen auf Kosten der Nachhaltigkeit. Auch sei eine Erhöhung des Rentenalters und eine Angleichung Männer/Frauen erforderlich, meint Stoiciu. Freilich muss hierfür auch der Volksgesundheitszustand berücksichtigt werden: Während die Erwartung gesunder Lebensjahre im EU-Mittel bei 61 Jahren liegt, sind es hierzulande nur 57. Die Lebenserwartung eines 65-Jährigen in der EU beträgt im Schnitt noch 8,5 Jahre für Frauen und 8,4 für Männer – in Rumänien liegt sie mit 5,9 Jahren für Frauen und 5,1 für Männer fast bei der Hälfte.

Beruflich aktiv bis zur Rente?

Bevor man über eine Erhöhung des Rentenalters spricht, lohnt sich freilich ein Blick auf die als gefährdet bezeichnete Gruppe der 55 bis 64-Jährigen in Bezug auf ihre Inklusion auf dem Arbeitsmarkt. Diese liegt für Rumänien unter dem EU-Mittel, mit fallender Tendenz: Waren 1997 noch 52 Prozent aus dieser Kategorie beschäftigt, sank die Rate bis 2013 auf 41 Prozent. Die Entwicklung ist gegenläufig zum EU-Mittel, wo 1997 nur 36 Prozent ältere Menschen Arbeit hatten, 2013 jedoch schon 50 Prozent. In Rumänien sind 1.528.000 Menschen zwischen 55 und 64 Jahren beruflich nicht aktiv. Nur 673.000 sind offiziell beschäftigt – 118.100 davon jedoch in einer selbstständigen Teilzeitbeschäftigung, das sind wiederum 70-80 Prozent aller Teilzeitarbeitenden. Diese gehen in die offiziellen Statistiken als Beschäftigte ein und blähen diese damit unrealistisch auf.
Gründe für die Inaktivität der 55-64-Jährigen sind unter anderem Frührenten: Unter den 50-54-Jährigen sind bereits 20 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer verrentet. Gründe sind medizinischer Natur und zu schwere Arbeit, eine häufige Motivation für die Frührente ist aber auch die Pflege älterer Familienmitglieder oder der Enkel.

Eklatante Mängel im Pflegebereich

Katastrophal ist die Lage im Pflegebereich: Von den 2001 gezählten 131 Altersheimen landesweit sind 77 öffentlich mit 5302 Plätzen, 53 gehören Vereinen und Stiftungen an, mit 1850 Plätzen. Das Basispaket in privaten Heimen ist nicht unter 800 Lei monatlich zu haben. Caritas-Vertreterin Doina Crânga{i beklagt zudem einen eklatanten Pflegekräftemangel, verursacht auch durch die Umsiedlung ins Ausland. Zudem gibt es in Rumänien gar keinen Markt für Pflegedienstleistungen. Selbst die Caritas wird mit Hilferufen von Leuten bombardiert, die durchaus bereit wären, zu zahlen. So bleibt die Pflege zwangsläufig an den Familien hängen – Folgen für den Pflegenden sind soziale Isolation und Aufgabe der eigenen beruflichen Perspektive. Ein Teufelskreis.

Erschreckende demografische Entwicklung

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Altern ist eines, das nicht nur Rumänien betrifft: die Ausdünnung und Überalterung der Bevölkerung. Ein Rechenbeispiel verdeutlicht: 2014 zählt Rumänien ca. 15 Millionen Einwohner, davon sind 16,5 Prozent über 65 Jahre. 2050 werden es bei gleichbleibender Tendenz 12-13 Millionen Einwohner sein, mit 20-30 Prozent über 65-Jährigen. Für 2080 ergibt die Hochrechnung 7-8 Millionen Einwohner mit 30-35 Prozent über 65-Jährigen. 2013 war das Jahr mit der schlechtesten Geburtenrate seit der Gründung des rumänischen Staates, verrät der vortragende ehemalige Staatssekretär im Arbeitsministerium, Marius Lazăr. Während 1960 das mittlere Gebäralter bei 22 Jahren lag, bekommen Frauen heute mit 27 bis 28 ihr erstes Kind. Mehr als drei Kinder bekommen vor allem arme Leute – diese sind jedoch häufig nicht gesund oder stehen später dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung.

Als Inhibitoren der Geburtenrate identifiziert Lazăr den Wohnungsmangel, der Familiengründung verzögert, weil junge Leute noch bei den Eltern leben, aber auch das schlechte Gesundheitssystem: Viele junge Leute seien bereits ernsthaft krank. Hinzu kommt, dass die Idee der Familie zunehmend in der Krise steckt.
Die Folgen? Weniger Einwohner, weniger Arbeitskräfte, weniger Konsum, schlechte Wirtschaft und natürlich kleinere Renten. Lazăr schlägt vor, die Regierung müsse das Kinderkriegen belohnen – durch finanzielle Anreize und Betreuungsangebote, die über eine höhere Besteuerung der Kinderlosen hereinzuwirtschaften seien.
Die Webseite der Journalisten illustriert mehr als nur die Lage der aktuellen Rentner. Auch eine Lehrerin aus Bukarest kommt zu Wort, die sich trotz Erreichen des Rentenalters nicht hat pensionieren lassen. Obwohl eine auch finanziell motivierte Entscheidung, denn die Löhne im Unterrichtswesen sind klein, ist sie ein positives Beispiel für Aktivität im Alter. „Ich wollte schon mit fünf Jahren Lehrerin werden“, bekennt sie und bezeichnet sich als immer noch glücklich im Beruf.

Doch auch die folgende Geschichte ist eine Facette zum Thema Altern und Zukunft: Der 59-jährige Gheorghe Buzuş aus dem Landkreis Covasna ist Bulibascha in einer bitterarmen Romasiedlung. Zu den Kommunalwahlen hatte er alle 136 Familien überzeugt, einstimmig für den Bürgermeister zu stimmen, denn dieser hatte im Gegenzug die Erschließung einer zweiten Quelle versprochen. Die bisher einzige im Dorf ist ein lahmes Rinnsal, die Lehrer in der Schule beschwerten sich bereits über ungewaschene Kinder, klagt Buzuş. Bitter muss er erkennen: Der Bürgermeister denkt nicht daran, seine Zusage zu erfüllen – für ihn waren sie leicht manipulierbare Wählermasse. Auf den Bildern in den verfallenden Lehmhütten, auf zerschlissenen Matratzen und unter geflickten Dächern aber dominieren Kinder. Kinder, die eines Tages unsere Renten zahlen sollen.

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