Wenn die Seele des Dorfes verstummt

Dorfsymbol wurde abgerissen: die evangelischen Kirche von Kleinschemlak im Banat

Samstag, 25. Januar 2014

Die evangelische Kirche von Kleinschemlak im April 2008. Foto: Heinz Vogel

Nach 155 Jahren: Das Kirchlein nach dem Abriss im Dezember 2013. Foto: Walther Sinn

Wie ein Stich ins Herz – so weh tut es zuweilen. Betroffen und immer wieder völlig hilflos steht man da bei einer neuen, in den letzten Jahren leider eher betrüblichen Nachricht aus den ehemaligen deutschen Gemeinden und Dörfern des Banats. So auch die Hiobsbotschaft, die ausgerechnet zur Adventszeit die evangelische Landeskirche, die verstreute, aber beherzte evangelische Glaubensgemeinschaft im Banat wie auch die ehemalige, seit Jahren restlos in Deutschland lebende deutsche Kirchengemeinde von Kleinschemlak erhielten: In einer Überraschungsaktion vonseiten der Gatajaer Kommunalverwaltung – das entlegene und schwach besiedelte Dörfchen Kleinschemlak/Şemlacu Mic im Banater Heckenland, 45 Kilometer von Temeswar/Timişoara entfernt, gehört verwaltungsmäßig zu der Temescher Kleinstadt Gataja – wurde die neubarocke, evangelische Dorfkirche mit ihrem wunderschönen Kirchturm am 10. Dezember 2013 abgerissen. Durch die Abtragung bis auf die Grundmauern dieser 1859, also vor 155 Jahren von den ersten deutschen Ansiedlern unter schwierigsten Bedingungen errichteten Dorfkirche verschwindet ein Dorfsymbol für immer und drohen nun auch die letzten Spuren lutherischen Gemeindelebens in dem kleinen Ort nahe der rumänisch-serbischen Grenze ausgelöscht zu werden.

Seit geraumer Zeit kursierten Gerüchte über eine geplante Abtragung des Gotteshauses, obwohl der Bau nach wie vor auf der Liste der Temescher Geschichtsdenkmäler zu finden ist. Das  evangelische Dorfkirchlein wurde jedoch von der Geschichte überrollt, wie es in etlichen anderen Banater Dörfern schon vor, aber vor allem nach der Wende so oder ähnlich geschah. Laut Pfarrer Walther Sinn aus der Gemeinde Semlak, Kreis Arad, der auch die Kleinschemlaker Pfarrei betreute, hat sich der Zustand des verlassenen Gotteshauses seit der restlosen Aussiedlung der evangelischen Gemeindemitglieder, die hier bereits lange Zeit vor 1989 einsetzte, Jahr für Jahr dramatisch verschlechtert. In den 70er Jahren waren hier nur mehr zwei evangelische Familien verblieben. Auf Beschluss der evangelischen Landeskirche wurden schon 1987 Glocken und Gestühl aus der Kirche entfernt und in siebenbürgische Gemeinden verlegt. Schließlich stürzte vor fünf Jahren das Dach des Kirchenschiffes ein, wodurch sich dringender Handlungsbedarf im Interesse der Sicherheit der Dorfbewohner ergab.

Unbedachte Endlösung durch Stadtratsbeschluss

Wer hätte da einschreiten und nach den finanziellen Möglichkeiten auch effektiv etwas unternehmen können und müssen? Selbstverständlich erstens die zuständige Gatajaer Stadtverwaltung, dann nach Möglichkeit die evangelische Landeskirche. Es gibt jedoch zahlreiche andere Institutionen und Organisationen, die sich dieses Dorfkirchlein hätten annehmen können. Bekanntlich löste man in anderen ehemaligen deutschen Gemeinden des Banats ähnliche Probleme der Dorfkirche wenigstens teilweise durch Privatinitiativen im In- und Ausland oder Spendeaktionen der HOG.
Ein Haus braucht einen Diener – das wussten schon die Alten. Ein Gotteshaus hat jedoch ständig viele schützende und pflegende Hände dringend nötig. So von aller Hilfe und Pflege verlassen wie diese Kirche scheint ja auch dieses Dorf heute zu sein: Das kleine aber schmucke Dorf wurde 1816-1818 auf Initiative der kroatischen Adelsfamilie Ostoitsch von deutschen Ansiedlern aus Württemberg gegründet. In der ganzen Gegend war das ausschließlich von Deutschen bewohnte Dörflein (in der Mundart Schumlok genannt, die Mundart ähnelt der Lieblinger und hat rheinpfälzische Merkmale) Ende des Zweiten Weltkriegs mit etwa 800 Einwohner und 160 Häusern wegen seiner guten Getreidebauern und erfolgreichen Viehzüchter bekannt.

Auch Seidenraupenzucht wurde hier betrieben und der gesuchte und süffige „Schumloker Maulbeerraki“ gebrannt. Heute ist das spärlich besiedelte Dorf zum Großteil von Rumänen bewohnt, die Hälfte der Häuser stehen jedoch herrenlos, leer und dem Verfall preisgegeben da. Auch die Dorfschule, ehemals eine konfessionelle, also evangelische deutsche Schule, wurde längst aufgelassen, die Dorfkinder werden per Kleinbus täglich in die Schule nach Gataja gefahren. Nicht nur Kirche und Dorfschule wurden von der derzeitigen „pragmatischen“ Verwaltung einfach als unbrauchbarer Hemmschuh abgeschrieben, das ganze Dörflein, mit seinen nur 190 Einwohnern zu den kleinsten und hilfsbedürftigen Ortschaften des Kreises zählend, scheint unwiderruflich dieses triste Los zu ereilen. Das Dorf hätte wahrlich ein besseres Schicksal verdient. „Schumlok“ liegt wohl im Banater Hinterland, abgelegen, doch in einer malerischen Gegend, 25 Kilometer vom serbischen Werschetz entfernt, am Fuße des Schumig, einem 205 hohen Vulkankegel aus dem Tertiär. Vor Jahren säumte noch eine wunderschöne Allee von mächtigen Maulbeerbäumen die Straße zwischen Gataja und Kleinschemlak, sie wurde leider 2005 restlos abgeholzt. Am Ortsrand steht das orthodoxe Wallfahrtskloster „Saraca“ aus dem 15. Jahrhundert. Bei klarem Wetter hat man einen ungestörten Rundblick ins historische Banat, man kann die Werschetzer Berge und gar die schneebedeckten Semenik-Berge bewundern.

Die Gatajaer Stadtverwaltung und ihr Bürgermeister Raul Cozarov geben sich höchst zufrieden mit ihrer Tätigkeit, und das in der gewöhnlichen hölzernen Beamtensprache. Die Verwaltung hätte 2013 u. a. mit dem Ministerium für regionale Entwicklung ein Infrastrukturprojekt im Wert von fünf Millionen Lei vertraglich abgesichert. Bemerkenswerte Erfolge wären desgleichen im Rahmen des Sanierungs- und Modernisierungsprogramms kultureller Einrichtungen verzeichnet worden!? Dass da die Kirchen etwas stiefmütterlich behandelt wurden, wird verschwiegen. Die Stadt Gataja mit den eingemeindeten Ortschaften hat übrigens 35 Kirchen (!) verschiedenster Glaubensbekenntnisse, davon sieben orthodoxe, drei katholische und zwei evangelische Kirchen (Kleinschemlak und Butin). Die Kleinschemlaker Dorfkirche gehörte bisher zu den wenigen evangelischen Kirchengemeinden des Banats. Der evangelische Pfarrer Walther Sinn betreut seelsorgerisch die Gemeinden Semlak (mit 100 Seelen größte Banater evangelische Pfarrei) und Engelsbrunn (Kreis Arad) sowie Liebling, Birda, Klopodia (Kreis Temesch). Hinzu kommt im Banat noch die lutherische Kirchengemeinde aus Reschitza mit insgesamt 70 Seelen, die auch die Ortschaften Steierdorf, Ferdinandsberg, Bokschan, Karansebesch und Lugosch betreut.

Auf den längst angekündigten und nun etwas brutal vollzogenen Abriss der Kleinschemlaker Kirche reagierte auch Friedrich Gunesch, Hauptanwalt der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, äußerst enttäuscht: „Der Abriss der Kirche von Kleinschemlak ist mehr als bedauerlich!“ Obwohl ein Teilabriss der baulichen Struktur aus Sicherheitsgründen verständlich gewesen wäre und auch vorgesehen war, hätte man doch von einem Komplettabriss absehen können. Die Gatajaer Stadtverwaltung wäre leider auf keinen Vorschlag eingegangen. So hätte man schon 2004 vor dem Einsturz des Daches seitens der Kirche den Behörden mehrere alternative Vorschläge für eine Umgestaltung des historischen Bauwerks bzw. eine teilweise Abtragung unter Erhaltung des Turms vorgelegt. Die Verwaltung hätte jedoch nun kurz vor Jahreswechsel die Demolierung vorgenommen, ohne die Landeskirche oder den zuständigen Pfarrer davon in Kenntnis zu setzen. Bei der Landeskirche wird nun nach anderen Möglichkeiten gesucht, um am Standort trotz des Geschehenen wenigstens ein Denk- oder Mahnmal zu errichten, das in würdigender Weise an die kleine Banater lutherische Gemeinde und ihre Kirche als bleibender Teil der zwei Jahrhunderte fassenden Lokalgeschichte erinnern soll.

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