„Wenn es in der Nacht passieren würde, würde man alle Ärzte einberufen und es würden auch alle kommen“

Gespräch mit dem Gründer der Casa Austria, dem Wiener Unfallchirurgen Johannes Poigenfürst

Mittwoch, 17. August 2016

Vor Kurzem wurde in Temeswar, im kleinen Rahmen, ein Film über das Leben des österreichischen Unfallchirurgen Dr. Johannes Poigenfürst gezeigt. Der Hauptdarsteller war auch dabei und besuchte bei dieser Gelegenheit auch das von ihm gegründete Unfallkrankenhaus Casa Austria.

Seit 2003 gibt es in Temeswar das Unfallkrankenhaus Casa Austria. Gebaut wurde es nach modernen europäischen Standards auf Betreiben des Wiener Unfallchirurgen Johannes Poigenfürst (87). Der österreichische Arzt war während der Rumänischen Revolution 1989 nach Temeswar gereist, um zusammen mit rumänischen Ärzten Patienten mit schweren Schussverletzungen zu operieren. Damals kam bei ihm die Idee auf, sich in der Stadt an der Bega für den Bau eines Unfallkrankenhauses stark zu machen. Durch die Stiftung Casa Austria schaffte es Poigenfürst, Spenden für den Bau der geplanten Einrichtung zu sammeln. Vor Kurzem war der österreichische Unfallchirurg wieder in Temeswar zugegen. Raluca Nelepcu traf ihn da und führte mit ihm folgendes Gespräch.


Seit 13 Jahren ist in Temeswar die Casa Austria im Betrieb. Wie haben Sie die Entwicklung des Krankenhauses im Laufe der Zeit erlebt?

Generell ist die Entwicklung sehr gut. Auch wenn ich nicht so oft nach Temeswar komme, habe ich sehr guten Kontakt mit dem Kollegen Mircea Popescu, der dort tätig ist, und dem Caritas-Direktor Herbert Grün. Sie frage ich immer, was es Neues gibt. Dann kommen Kolleginnen und Kollegen zu Kongressen oder zu Kursen nach Wien und besuchen mich. Ich wäre gern viel öfter hier, aber ich weiß trotzdem bescheid, was hier los ist. Ich bekomme auch Nachrichten von Patientinnen und Patienten und höre, dass sie gut und liebevoll behandelt werden und gesund werden. Das ist letzten Endes der Sinn eines Krankenhauses.

 

Mit welchen Herausforderungen setzt sich die Einrichtung zur Zeit auseinander?

Ich erfahre auch Sachen, die mich etwas beunruhigen. So zum Beispiel, dass an der Casa Austria etwas gebaut wird, oder dass an der Casa Austria Wasserrohre ausgewechselt werden und niemand weiß, warum. Das sind Dinge, die mich sehr beunruhigen, weil ich natürlich wissen will, was gemacht wird und warum. Darum bin ich auch jetzt gekommen, denn ich will wissen, was hier geschieht.

 

Inwiefern gibt es heutzutage noch Unterstützung aus Österreich für die Casa Austria?

Ich habe von den gesamten Geldern noch einen großen Betrag auf einem Konto in Temeswar, zu dem Herr Grün und Herr Popescu gemeinsam Zugang haben, wenn etwas gebraucht wird. Das Geld ist für Ausrüstung, Implantate, Kurse und dringende Reparaturen gedacht. Ich habe die beiden gefragt, was davon ausgegeben worden ist, und da sagten sie, dass noch nichts verbraucht wurde. Also bin ich froh, dass das Geld immer noch auf der Bank liegt und zur Verfügung steht.

 

Ein Problem, mit dem sich das rumänische Gesundheitssystem auseinandersetzt, ist der Exodus der Ärzte nach Mittel- und Westeuropa. Was glauben Sie, wie könnte man diese massive Auswanderung stoppen?

Ich sehe, dass die Casa Austria zwar gute Behandlungen und Diagnostik anbietet, und ich sehe, dass der Kollege Popescu zu Kongressen fährt und zu Vorträgen eingeladen wird, aber ich sehe keinen akademischen Kontakt zwischen einer Klinik aus dem Ausland und der Casa Austria. Ich habe mehrfach versucht, mit der Ersten Universitätsklinik für Unfallchirurgie in Wien eine mutterschaftliche Beziehung zur Casa Austria aufzubauen, doch es ist mir nicht gelungen, weil niemand aus Rumänien den Wunsch dazu geäußert hat. So ist es auch mit Fortbildungen: Ich biete manchmal Medizinern aus Rumänien an, dass sie für drei oder sechs Monate nach Österreich kommen und da im Krankenhaus mitarbeiten, aber es meldet sich niemand. So ist es in vielen Dingen. Sie würden wahrscheinlich, wenn man ihnen einen Posten anbieten würde, kommen, aber um ins Ausland zu kommen und was zu lernen, um es schließlich in Rumänien anwenden zu können, dafür ist kein Interesse da. Oder ich mache etwas falsch, das kann auch sein.

 

Und trotzdem: Was, glauben Sie, könnte die Ärzte in Rumänien halten?

Ich weiß, dass die rumänischen Ärzte furchtbar unterbezahlt sind. Sie kriegen 300 Euro im Monat, wenn sie keine Nachtdienste machen. Manche Kolleginnen und Kollegen machen jeden Tag oder mehrmals in der Woche Nachtdienste, damit sie mehr verdienen. Das ist ein unerhörter Zustand, den es in Europa nicht mehr gibt. Das müsste man ändern. Ich werde morgen in die Casa Austria gehen und möchte mit den Krankenschwestern reden, und sie fragen, was sie von dem Betrieb halten, was sie für gut und was sie für schlecht halten. Wir Ärzte können ja ohne Schwestern sowieso nichts machen, wir brauchen die Schwestern und die Hilfskräfte.

 

Gibt es denn einen Unterschied zwischen einem Unfallchirurgen aus Österreich und einem aus Rumänien?

Das Fach „Unfallchirurgie“ gibt es in Rumänien nicht. In Österreich gibt es das Fach „Unfallchirurgie“ – wir behandeln da alle Arten von Verletzungen, von der Schädelverletzung bis zum Knochenbruch, und haben dazu eingerichtete Krankenhäuser und Abteilungen mit den zugeteilten Anästhesisten für Schock- und Schmerzbekämpfung. Wenn es notwendig ist, können wir einen Verletzten sofort operieren. In einem Krankenhaus können wir simultan operieren. So zum Beispiel, wenn jemand eine Kopfverletzung hat und gleichzeitig einen gebrochenen Knöchel. Das schadet dem Patienten nicht, im Gegenteil: das verkürzt die Zeit der Operation.

 

Sie haben bestimmt von der Brandkatastrophe gehört, die sich letztes Jahr im Bukarester Colectiv-Club ereignet hat. Wie gut wäre denn die Casa Austria auf so einen Fall vorbereitet, sollte etwas Ähnliches in Temeswar geschehen?

Wir haben zu jeder Zeit – mit Ausnahme einer sehr kleinen Gruppe, die frei hat - alle Ärzte und Schwestern im Haus. Wenn es in der Nacht passieren würde, würde man alle einberufen und es würden auch alle kommen. Ich habe mit meinen Kollegen seit Jahren immer gut zusammengearbeitet, und wir sind auch zu dem Schluss gekommen, dass wir das gern gemacht haben. Dieser Geist herrscht auch heute noch. Wenn eine große Anzahl an Patienten kommt, dann würden bestimmt auch alle Ärzte kommen. Genau so wie damals, am 23. Dezember 1989, um 22 Uhr - das war der Samstag vor dem Heiligen Abend – als ich angerufen wurde, dass der Wiener Bürgermeister einen Hilfszug nach Rumänien schickt und ob jemand von meinem Spital mitfahren könnte. Ich habe den Generaldirektor noch um Mitternacht erreicht, ich habe meine Kollegen im Dienst informiert und es ist sofort ganz klar gewesen, dass ich mitfahre. Am 27. Dezember haben wir in Temeswar den ersten Patienten  in der sogenannten Orthopädie-Klinik operiert: Es war der jetzige Direktor des Revolutionsmuseums, Traian Orban. Der Geist muss also bestehen, dass wenn es notwendig ist, alle kommen und nicht auf den Dienstplan schauen. Ich bin überzeugt, dass es auch hier der Fall wäre.

 

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