Wenn Genres verschmelzen

Interview mit der Berliner Musikgruppe Melt Trio

Samstag, 13. Dezember 2014

Gitarrist Peter Meyer, Bassist Bernhard Meyer und Drummer Moritz Baumgärtner eröffneten in Temeswar/Timi{oara das diesjährige Jazzfestival. Das Trio spielte Lieder von ihren zwei bereits veröffentlichten Alben „Melt“ und „Hymnolia“. Die drei Recken bewegen sich mit ihrer Musik zwischen den Genres und überraschen besonders die Jugend mit ihrem anspruchsvollen Repertoire. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit den drei Musikern über Einflüsse und weshalb ihre Kompositionen an Neue Musik grenzen.

Bei euch kommen Jazz, Indie-Rock und elektronische Musik zusammen. Warum eigentlich diese Mischung? 

Moritz Baumgärtner: Ich glaube, das hat was mit unseren musikalischen Herkünften zu tun. Wir hören alle irgendwie dieselbe Musik: Klassik, auch Neue Musik und natürlich Rockmusik - wir sind ja ganz normale junge Leute. Wir hören zwar verhältnismäßig mehr Jazz als der Durchschnittsdeutsche, aber genauso auch Straight-ahead-Jazz und alte Klassiker wie John Coltrane oder noch älter. Wir versuchen in dieser Band ganz ehrlich mit unseren musikalischen Herkünften umzugehen und jeder von uns hat natürlich auch noch andere Vorlieben, aber deswegen kommt es automatisch dazu, dass man einfach frische Musik macht, mit den ganzen Einflüssen, die man hat.

Peter Meyer: Der Grund, warum die Musik so ist, wie sie ist, ist der, dass wir uns nicht irgendein klares Idol raussuchen oder ein Vorbild. Wir versuchen nicht jemanden nachzumachen oder zu imitieren. Denn, was letztlich einen Musiker besonders macht, ob wir jetzt von John Coltrane, Bill Frisell oder Keith Jarrett reden, ist sein völlig eigenständiger Sound, wo man gar nicht richtig sagen kann, wo es herkommt. Man hört Einflüsse, aber trotzdem ist es eine ganz eigenständige Stimme und das versuchen wir auch zu finden, jeder für sich. Und dann auch noch gemeinsam als Band.

Moritz Baumgärtner: Ich schreibe zwar nicht die Kompositionen, aber ich darf sie spielen und da merke ich auch, dass man praktisch im vorhinein einen Impuls geben kann, der sowohl die Band als auch das Spielen in eine Richtung lenkt, aber dem Ganzen dann dadurch auch wieder ein bisschen Freiheit gibt, also es wird ein bisschen was vorgegeben, woraus dann wieder andere Dinge resultieren können und das ist bei den Kompositionen auch sehr gut getroffen. Das ist nicht bei jeder anderen Band so und darauf fällt der Fokus, soweit ich das beurteilen kann, den wir halt auf die Stücke setzen. Man hat zum Beispiel einen Teil, den man dann spielt und um zum nächsten Teil zu kommen, sind nur ganz wenige Dinge vorgegeben, dadurch passiert was, was durchaus mit dem ersten zu tun hat und auch etwas, was in Hinblick auf den nächsten Teil, Neues entstehen lässt.

Während dem Konzert musste ich bei vielen der Lieder unfreiwillig eine Parallele zur Neuen Musik ziehen. Ist das gewollt?

Bernhard Meyer: Was du sagst, dass es etwas von Neuer Musik hat, das können wir auf jeden Fall nachvollziehen, weil, wie Moritz das schon sagte, hören wir so etwas viel. Ich glaube, damals als viele Sachen in der Neuen Musik entstanden sind, hat man sich oft, damals schon an Free Jazz orientiert. Es gab viele Komponisten, wie zum Beispiel Igor Fjodorowitsch Strawinski, die versucht haben, Jazzmusiker zu imitieren und deswegen kann man behaupten, dass es diese Wechselwirkung schon immer gab: Jazzmusiker haben von klassischen Musikern geklaut und klassische Musiker von Jazzmusikern. Oder, um es anders zu formulieren, sie ließen sich inspirieren. Genau das machen wir auch. Was du dann sicherlich meinst, ist, dass sich oft viele Ebenen übereinander lagern. Was Peter spielt hat eine bestimmte Textur, Moritz spielt dann etwas drüber und ich mache auch was anderes. Dadurch klingt es wie drei verschiedene Schichten, die übereinander liegen. Das hört sich dann nicht mehr unbedingt nach Jazz an, das klingt nach improvisierter Musik oder eben nach modernen Klangstücken, die es in der Klassik heute gibt.

Peter Meyer: Ich schaue oft auf welchen Ebenen man interessante neue Sachen finden kann und ob sie miteinander harmonieren können.  Wir benutzen aus der Neuen Musik Verfahren, wie die Zwölftontechnik, es fließen Einflüsse aus der seriellen Musik rein. Wir versuchen zu schauen, was man von der Klangfarbe machen kann und dann kommt dann viel vom Schlagzeug hinzu, wo man viele neue Elemente haben und verbinden kann. Gleichzeitig versuchen wir aber auch zu schauen, dass die Musik nicht zu kühl oder distanziert ist, sondern irgendwie, so wie Rock- oder Popmusik, eben trotzdem warm klingt und Leute einlädt, es zu hören und sich fallen zu lassen.

Moritz Baumgärtner: Als wir angefangen haben miteinander zu spielen, haben wir sehr viel improvisiert und experimentiert. Wir spielten ganz frei. Wir haben Konzerte gegeben ohne ein fertiges Stück zu spielen. Wir haben einfach frei improvisiert mit dem Ziel festzustellen, wie wir zusammen klingen wollen. Ich glaube, dass das auch ein ganz wichtiger Schritt ist oder war in dieser Band, dass man einfach so diesen Bandsound über die Stücke, aber genauso auch über das gemeinsame Improvisieren und Stimmungen ausprobieren, kreiert hat. Wenn man einen Grundsound hat, dann kann man viel leichter auch komplizierte, kantige oder auch komische Klänge teilweise raufpacken und es fällt nicht raus, es wird nicht unangenehm. Wenn Peter für diese Band schreibt, dann weiß er genau, wie diese Band klingt.

Tatsächlich lautete auch mein Fazit nach dem Konzert: anspruchsvoll aber dennoch zugänglich.

Bernhard Meyer: Es ist sehr wichtig zu erwähnen, dass wir sehr kritisch auch uns gegenüber sind. Wenn wir Stücke schreiben, schließen wir schon beim Schreiben Sachen aus, die nach einer anderen Band klingen. Wenn wir dann zusammen proben und wir merken: Oh, das klingt wie das Idol von uns oder man könnte denken, das klingt wie der und der, dann schmeißen wir das Stück entweder raus oder ändern es solange bis es nicht mehr danach klingt, das ist uns immer sehr wichtig.

Originalität.

Bernhard Meyer: Genau, das steht fast am Anfang. Deswegen kann am Ende so ein Sound rauskommen, der sehr speziell ist.

Das muss unglaublich herausfordernd sein, ständig Sachen zu suchen, die man noch nicht gehört hat.

Bernhard Meyer: Ja und nein. Wenn man irgendwann einen bestimmten Bandsound gefunden hat, kann das sehr inspirierend sein und man kann manchmal in sehr kurzer Zeit sehr viele Stücke schreiben. Bis dahin kann es manchmal sehr lange dauern. Als wir für unsere erste CD, wir haben inzwischen zwei Alben veröffentlicht, als ich die Stücke geschrieben habe, habe ich sehr bewusst versucht, was zu schreiben, was ich von einem Gitarrentrio noch nicht gehört habe und es hat sehr lange gedauert. Die Stücke, die ich jetzt für die zweite CD geschrieben habe, die gingen sehr intuitiv, die habe ich einfach am Klavier geschrieben und dann haben wir geschaut, können wir die spielen und dann haben sie auch für Gitarre und Trio funktioniert.

Peter Meyer: Ich finde, es ist sehr viel Arbeit und ich brauche viel Zeit, um Stücke zu schreiben und das ist anstrengend und manchmal auch fürchterliche Arbeit, weil es einfach Zeit braucht und man muss viel an jeder Note rumdrehen und dann ändert man hier wieder was und dann muss man da wieder was ändern. Es dauert einfach und ist viel Arbeit.

Wie kommt eure Musik bei den Leuten an? Habt ihr schon ein Stammpublikum? 

Bernhard Meyer: In Berlin haben wir vielleicht schon ein bisschen das Gefühl, dass es einen gewissen Kreis von Leuten gibt, die sich immer sehr freuen, wenn wir in Berlin spielen. Die letzten Konzerte waren immer sehr voll, das war immer sehr schön. Uns ist natürlich wichtig, dass es den Leuten auch gefällt. Das ist letzen Endes auch das Entscheidende, weil wenn nur uns unsere Musik gefallen würde, könnten wir auch im Probenraum bleiben, aber wir wollen, wenn wir live spielen, die Zuhörer packen. Wir wollen, das sie umgehauen sind und das versuchen wir. Ich glaube, Peter hat es auch schon gesagt, wenn das Publikum es merkt und es spürt, dass die Band alles gibt, kann die Musik sehr einfach sein oder sehr kompliziert, dann ist sehr vieles möglich.

Peter Meyer: Und es gibt ja auch viele andere Bands und Kollegen, die das Gleiche wollen wie wir und das Gleiche ausprobieren wie wir und genauso nach der eigenen Musik suchen. Jim Black ist einer, der da sehr wichtig ist für uns und dann gibt es einfach viele. Das heißt, es gibt einfach eine Szene für diese Musik.

Moritz Baumgärtner: Wir spielen jetzt seit drei Jahren zusammen und es wird immer ein bisschen mehr und wir spielen natürlich nicht nur in Berlin. Wir merken, dass immer mehr junge Leute auch zu den Konzerten kommen. Was jetzt als Jazzband überraschend ist. Also wir gelten ja als Jazzband, in diese Schublade haben wir uns zwar nicht selbst eingeführt, aber, sobald man im Jazzclub spielt, was wir ja auch tun, ist man eine Jazzband. Das schreckt viele junge Leute ab, zumindest in Deutschland und ich kann es teilweise auch verstehen, weil das Image ganz selten noch etwas mit der Realität zu tun hat. Also, wenn man jetzt wirklich in der Szene ist, trifft man auf Leute, die momentan auf der Suche nach Musik für sich sind. Das hat dann selten noch etwas damit zu tun, dass da alte Leute halt auf der Bühne stehen und irgendwie etwas machen, was schon lange nicht mehr aktuell ist.

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