Wenn Provokation zum Surrogat für Inhalt wird

Warum Lucian Boias Werk „Wie Rumänien rumänisch wurde“ nicht wirklich überzeugt

Sonntag, 10. September 2017

Keine Frage: Lucian Boia ist mittlerweile zu Recht ein großer Name in der rumänischen Geschichtsschreibung. Er hat seine Verdienste, findet begeisterte Leser im In- und Ausland und füllt bei Lesungen Säle. Seine Bücher sind Verkaufsschlager. Boia hat wichtige Werke verfasst, mit denen er nationale historische Mythen dechiffriert und sich als Enfant terrible unter den Historikern des Landes profiliert hat. Gleichzeitig hat er wirklich beachtliche Studien etwa zu den Germanophilen unter der rumänischen Elite zu Beginn des Ersten Weltkriegs oder zum Schicksal der rumänischen Elite zwischen 1930 und 1950 vorgelegt. Doch auch ein Boia ist nicht unfehlbar. Denn er argumentiert oft genauso subjektiv und einseitig wie die von ihm kritisierte traditionelle rumänische Geschichtsschreibung. Dann werden Provokation und Dekonstruktion nachgerade zum Surrogat für Inhalt. Ein Beispiel dafür liefert er in dem aktuellen Band „Wie Rumänien rumänisch wurde“, der auch auf Deutsch vorliegt.

Es ist bedauerlich, dass sich der große Boia zu einem solchen Text hinreißen lässt, wobei er seinem Primärziel, aufzufallen und zu reizen, dabei natürlich gerecht wird. Erklärtes Anliegen ist es, das Zusammenleben des „Völkergemischs“ im rumänischen Nationalstaat zu beschreiben und darzustellen, wie es auf der Basis einer „National-ideologie“ zu einer aus seiner Sicht nur „konstruierten Rumänität“ gekommen sei. Zugespitzt formuliert lautet das Fazit des Bandes, dass es die Rumänen eigentlich gar nicht gibt. Boia assoziiert die rumänische Nationsbildung des 19. und 20. Jahrhunderts grundsätzlich mit nationalistischen Diskursen und stellt die rumänische Nationalbewegung als per se xenophob dar. Dabei verschweigt er, dass der Nationalismus im Westen Europas entstand und eine gesamteuropäische Erscheinung war und dass Regionen wie die Dobrudscha und Siebenbürgen heute gerade als Modell multiethnischen Zusammenlebens gesehen werden, auch von den Beteiligten übrigens.

Er hält eingangs fest: „Nach langer Zeit unter fremder Herrschaft beziehungsweise unter fremdem Einfluss drängte es die Rumänen, ein Rumänien zu bilden, das nur ihnen allein gehören sollte. Unter diesem Druck entstand ein dauerhafter rumänischer Nationalismus mit seiner ausdrücklich ethnizistischen und religiösen Prägung (als wahrer Rumäne gilt der ethnische und vorzugsweise orthodoxe Rumäne): eine Haltung, die man nicht einfach aus der heutigen Perspektive der ‚politischen Korrektheit‘ kritisieren kann. Vom Historiker zumindest kann erwartet werden, dass er geschichtliche Abläufe zu verstehen sucht.“ (S. 9) Leider wird er selbst aber – zumindest im vorliegenden Buch – genau diesem Anspruch nicht gerecht. Dass er es mühelos könnte, hat er zur Genüge bewiesen.

Boia thematisiert wichtige Aspekte. Doch fehlt es an methodischer Stringenz und inhaltlicher Redlichkeit, weil er häufig, um seine Theorie zu untermauern, selektiv hantiert. Wenn er nationale Mythen dekonstruiert, dann geht das bei ihm hier schon einmal auf Kosten der Objektivität und eines ganzheitlichen Blickes auf analysierte Phänomene. Bei seiner berechtigten Kritik an nationalistischen Fehlentwicklungen im 20. Jahrhundert vergisst er den Hinweis darauf, dass die Minderheiten selbst im finstersten Kommunismus ihre eigenen Schulen und Kultureinrichtungen bis hin zu Medien, Staatstheater und festen Sendeplätzen im Staatsfernsehen hatten. Auf die besondere Rolle und hohe Anerkennung der „fremden“ rumänischen Königsdynastie und die lange vor dem nationalistischen 19. Jahrhundert bereits gemeinsame rumänische Sprache der späteren „Rumänen“ aus Siebenbürgen, der Moldau und der Walachei geht er auch nicht ein. Es würde seine Theorie nicht stützen.

So ärgert bei diesem Buch vor allem, was Boia alles nicht schreibt sowie der Verzicht auf eine komparative Darstellung. Aber die Auslassung wichtiger Fakten und Aspekte ist nicht weniger unwissenschaftlich als die von ihm sonst zu Recht kritisierte Mythenbildung der traditionellen rumänischen Geschichtsschreibung.
Boia will mit Erkenntnissen überraschen, die alles andere als neu sind. Wenn er etwa herausstellt, dass die ländlichen Regionen des Altreichs ethnisch homogener waren als die Städte: „Der ländliche Raum zeigt ein relativ hohes Maß an ethnischer Homogenität; insbesondere das Land kam dem Ideal der vollen ‚Reinheit‘ sehr nahe; der städtische Raum hingegen ist außerordentlich kosmopolitisch.“ (S. 15) Oder wenn er schreibt: „Rumänien ist ein Nationalstaat, dessen Dörfer nahezu vollkommen rumänisch, dessen Städte (in denen sich die rumänische Modernität herausgebildet hat) aber stets multiethnisch und multikulturell sind.“ (S. 19) Nun, das ist alles hinlänglich bekannt. Boia bietet wichtige Fakten, die aber abgesehen von wenigen nationalistischen Wirrköpfen niemand ernsthaft bestreitet. Seine einseitigen Interpretationen dieser Fakten sind hingegen fragwürdig.

Wenn er etwa weiter dem in der Verfassung und der Geschichtsschreibung vorherrschenden rumänischen Selbstverständnis nach der Bildung Großrumäniens vorwirft, das Konzept des „einheitlichen Nationalstaats“ zu vertreten und damit eine nationalistisch-zentralistische „Philosophie des Altreiches“ übernommen zu haben (S. 41 ff), dann ist dies eben auch keine rumänische Spezialität, sondern die Fortsetzung einer europäischen ideengeschichtlichen Tradition aus dem 19. Jahrhundert. Staaten wie Frankreich vertreten bis heute keine andere Haltung zu Nation und Minderheiten. Auch dass die Rumänen sich „von Region zu Region unterscheiden“ (S. 42) ist eine Binsenweisheit. Das gilt auch für Ostfriesen und Bayern als Deutsche.

Die Griechisch-Katholische Kirche führt Boia gegen die Orthodoxen ins Feld, um zu insinuieren, dass Siebenbürgen erst seit der Zwangsauflösung dieser Kirche 1948 mehrheitlich orthodox sei. Hier vergisst er auf die Hintergründe der Entstehung dieser Kirche um 1700 und die Situation vorher zu verweisen. Dass die rumänische Verfassung von 1923 die Orthodoxie und die Griechisch-Katholische Kirche gleichermaßen als Nationalkirchen privilegierte und auch Minderheiten wie Minderheitenkirchen im neu geschaffenen Nationalstaat Rumänien für die europäischen Verhältnisse jener Zeit eine vergleichsweise solide rechtliche Absicherung hatten, erwähnt er nicht.
Die Auswanderungswellen vor dem Hintergrund des Kommunismus schließlich mit der „Wirkung eines Genozids“ zu vergleichen (S. 86), ist wohl der gröbste Missgriff des großen Meisters und eine fatale Verharmlosung echter Völkermorde. Bei aller berechtigten Kritik an nationalkommunistischen Assimilierungsbemühungen hatten die Minderheiten Rumäniens bis 1989 einen im Vergleich geschützten Status und durften ihr schulisches, religiöses wie kulturelles Eigenleben durchaus aufrechterhalten und tun dies munter und selbstbewusst bis heute, auch wenn sich dies bei den Deutschen Rumäniens nach dem Exodus nun anders als früher präsentiert.  

Boia negiert jede kulturelle Eigenleistung seines Volkes: „Ein rumänisches Kulturmodell hat es nicht gegeben und konnte es auch nicht geben, denn der autochthone Hintergrund einer ländlichen Kultur konnte kein Ensemble kultureller und sozialer Normen erhalten“ (S. 89). Als hätte es Mihai Eminescu, George Enescu, Lucian Blaga oder Constantin Brâncuşi nie gegeben. Der große Boia belehrt zudem mit hohlen Phrasen: „Die Rumänen sollten aufhören, ‚rumänisch‘ zu denken, wenn es nicht angebracht ist; sie sollten sich bemühen, wieder ‚europäisch‘ zu denken.“ (S. 92) Was soll das heißen? Dabei unterschlägt er, dass es in Rumänien eben keine rechtsextremen Parteien im Parlament gibt und die Zustimmung zu Europa und der EU im europaweiten Vergleich am höchsten ist. Und die doch beachtliche Wahl von Klaus Johannis zum Präsidenten des Landes 2014 ist für ihn lediglich „ein – wenn auch harmloses – Votum gegen das System“ (S. 102).
Was und wen Lucian Boia mit dieser seltsam subjektiven wie selektiven und vor allem destruktiven Schrift wirklich erreichen will, erschließt sich kaum. Er geriert sich hier mehr denn je als Oberlehrer seiner Nation. Von Boia sind wir Besseres gewohnt. Freuen wir uns also auf sein nächstes Buch.

Lucian Boia: „Wie Rumänien rumänisch wurde“, aus dem Rumänischen übersetzt von Andreea Pascaru, Berlin, Frank & Timme Verlag 2016, 110 S., ISBN 978-3-7329-0217-0 (=Forum: Rumänien, Bd. 29)

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