Wenn Verschiedenheit vereint

Online-Plattform für Minderheiten entlang der Donau

Samstag, 17. Oktober 2015

Mit dem Projekt des „Blauen Buches“ befassen sich im Departement für Interethnische Beziehungen: Unterstaatssekretärin Enikö Lacziko (nicht im Bild), Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu (Mitte), Elena Cruceru (rechts), Rodica Precupeţu (links).
Foto: Nina May

Vieles vereint die Länder an der Donau – eines davon ist Tourismus: Wer mit dem Kreuzfahrtschiff von Deutschland bis zum Schwarzen Meer fährt oder mit dem Rad von Donaueschingen nach Sulina aufbricht, nimmt Ländergrenzen kaum wahr. Ein anderer Aspekt sind die Völker, deren sprachliche und kulturelle Eigenheiten den historisch bedingten Verschiebungen von Ländergrenzen trotzten, oder die sich im Zuge verschiedener Auswanderungswellen ein neues Heimatland ausgesucht haben, wo sie heute als ethnische Minderheit gelten. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Vieles! Denn es kann durchaus interessant sein, sich als Tourist mit der multiethnischen Landschaft entlang der Donau zu befassen. So entstand seitens des Departements für Interethnische Beziehungen an der Rumänischen Regierung (DRI) die Idee, den Minderheiten , deren touristisches Potenzial oft ungenutzt und unerkannt hinter dem der „etablierten Sehenswürdigkeiten“ des jeweiligen Landes zurücksteht, im Rahmen der Donauraumstrategie mehr Sichtbarkeit zu verleihen: in einem „Blauen Buch“ zur multikulturellen Identität an der Donau (siehe ADZ, 15.1.2015: „Der Fluss, der uns verbindet“).

Vom 8. bis 10. Oktober fand hierzu in Kronstadt/Braşov eine vom DRI organisierte Konferenz statt, deren Teilnehmerkreis auch Vertreter aus dem Kultur- und Tourismusministerium, von Minderheiten (Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien: Unterstaatssekretärin Christiane Cosmatu und die Geschäftsführerin des Regionalforums Altreich, Carmen Cobliş), Medienvertreter und Beobachter aus interessierten Ländern (Österreich, Ungarn, Kroatien, Moldau) umfasste. Ziel war, die Struktur des „Blauen Buches“ als Projekt im Rahmen des Programmpunktes PA3 der Donauraumstrategie, „Kultur, Tourismus und Kontakte zwischen den Menschen“, näher zu konturieren. Von den 14 an der Donauraumstrategie beteiligten Ländern hatten bisher sechs ihre Bereitschaft zur Mitarbeit am „Blauen Buch“ signalisiert (Deutschland, Österreich, Ungarn, Kroatien, Bulgarien und die Republik Moldau) und teilweise erste Zuarbeiten geschickt.

Interaktive Landkarte der Minderheiten

Fest steht mittlerweile, dass die Kernstruktur des „Blauen Buches“ kein Druckwerk sein soll, sondern eine leicht zu aktualisierende Online-Plattform mit interaktivem Charakter. Sie soll sich voraussichtlich als Landkarte entlang des Donaulaufs darstellen und ähnlich wie Google Earth mittels geografisch zugeordneten Links Zugang zu Bildmaterial, Filmen und Informationen über lokale Minderheiten eröffnen. Als Ergänzung zu touristischen und anderen Webseiten zum Donauraum soll sie insbesondere auf besichtigenswertes Kulturerbe der Minderheiten, einschließlich themenbezogener Veranstaltungen hinweisen, aber auch Informationen allgemeiner Natur zu Geschichte, Bräuchen, Sprachen, Tänzen, Speisen, Handwerkskunst etc. liefern. Auch der Einfluss auf das Kulturerbe der Mehrheitsbevölkerung soll berücksichtigt werden. Das bislang wenig genutzte touristische Potenzial der Minderheiten soll auf diese Weise sichtbarer und in visuell ansprechender, inhaltlich interessanter, einfach verständlicher Form, bei Bedarf über unterverlinktes Material zu vertiefen, präsentiert werden. Des Weiteren soll die Plattform Überblicke über bestimmte Zusammenhänge ermöglichen, etwa die visuelle Darstellung der Verbreitung einer bestimmten Ethnie entlang des Donaulaufs. Auch eine gezielte Durchsuchbarkeit nach Schlagworten ist geplant.

Bestandsaufnahme des multiethnischen Kulturerbes

Auf der Konferenz wurden die Ergebnisse der beiden Journalistenreisen vorgestellt, die das DRI zum Zwecke der Bestandsaufnahme des touristischen Potenzials 2014 und 2015 in die nördliche Dobrudscha, in den Kreis Alba und ins Kreischgebiet organisiert hatte, auch mit dem Ziel, über die Medien die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Eine dritte Reise zum Eisernen Tor ist für Frühjahr 2016 geplant. Die Resultate der Pressereisen wurden auf der Konferenz vorgestellt: Filme von Peter Kerestes (TVR Timişoara), Anca Filoteanu (Art Film Production) und Endre Hermann (Erdely TV) sowie elf in der ADZ erschienene Artikel bzw. Tourismusseiten, drei für das „Deutsche Jahrbuch 2016“ vorgesehene Beiträge und eine vom DRI herausgegebene 16-seitige Broschüre zum Thema „Auf den Spuren der Minderheiten in der Dobrudscha – Menschen und ihr Kulturerbe als touristisches Potenzial“ mit Fotos von George Dumitriu, mitterweile in drei Sprachen (Deutsch, Rumänisch, Englisch) vorliegend. Diana Deleanu (TVR) hat mehrere  filmische Beiträge verfasst und explizit auf das umfassende Archiv von TVR hingewiesen, als mögliche Quelle für das „Blaue Buch“.

In einer ersten Phase soll das materielle Kulturerbe der Minderheiten inventarisiert werden, erklärt Rodica Precupeţu (DRI). Um diese „Kondensationskeime“ sollen in einer zweiten Phase ethnografische Erkenntnisse hinzugefügt werden. Zur Bestandsaufnahme wurde vom DRI ein Fragebogen an die Organisationen der Minderheiten in Rumänien sowie an die Länder, die sich beteiligen wollen, versandt. Precupeţu lieferte einen Querschnitt über die in den Antworten der Minderheitenorganisationen in Rumänien erwähnten Kulturgüter. Einige Beispiele sind:

* Juden: Synagogen, der große Tempel in Radăuţi, historische jüdische Friedhöfe, Gedenkhaus „Elie Wiesel“
* Armenier: die armenische Straße in Bukarest, die von Armeniern erbaute  katholische Kirche in Gherla
* Italiener: Beiträge italienischer Architekten an rumänischen Bauwerken, die Brücke von Anghel Saligny in Cernavodă
* Polen: die Kathedrale in Cacica (Bukowina)
* Türken und Tataren: sie teilen sich weitgehend ein Kulturerbe, bestehend aus der Moscheenlandschaft an der Schwarzmeerküste
* Lipowaner: Kloster Uspenia (Slava Rusa), Kirche Sfiştofca (Letea)
* Deutsche: Wassertalbahn der Zipser, Kloster Maria Radna (Banat), Lenau Haus, UNESCO Welterbe: Schäßburg und sieben Kirchenburgen sowie die Kirchenburgenlandschaft im Allgemeinen
* Ungarn: Kirchenburg Dârjiu als UNESCO-Welterbe, Corvin-Schloß (Hunedoara), Kirche zum hl. Michael (Festung Alba Carolina in Karlsburg/Alba Iulia) mit dem Grab von Johann Hunyad/Iancu de Hunedoara, das Dorf Rimetea, die Teleky-Bibliothek in Neumarkt/Tg. Mureş, mehrere Schlösser und Herrenhäuser.
* Nicht zu vergessen ist der mehreren Minderheiten zuzuordnende multiethnische Friedhof in Sulina.
Branko Socanac, Direktor des Büros für Menschenrechte in Kroatien, stellte das Kulturerbe der Minderheiten in Kroatien im Überblick vor. Interessant ist dort die Vielzahl staatlich geführter Museen über Minderheiten sowie die Existenz von Zentralbibliotheken für jede Minderheit.

Brückenschlag zum Tourismus

Diskutiert wurde auch die Frage nach Zielgruppen und Motivationen für Reisen in Minderheitengebiete bzw. zur Besichtigung ihres Kulturerbes. Wichtige Faktoren sind: die Suche nach historischen und sprachlichen Gemeinsamkeiten in anderen Ländern, das Interesse von Minderheiten an der Situation anderer Minderheiten, der touristische Mehrwert durch kulturelle und kulinarische Bereicherung, die Kompatibilität mit Kultur- oder Naturreisen, eine mögliche Anlehnung an bereits existente Veranstaltungsideen, die kulinarische Events (Brunch, Picknick, Dinner) mit Musik, Naturerlebnis oder Dorfbesichtigungen kombinieren, wie in Siebenbürgen („Transilvanian Brunch“ etc.), ein Modell, das auch für andere Regionen (z. B. Dobrudscha) denkbar wäre. Octavian Arsene von der Nationalen Tourismusbehörde plädierte für eine Einbindung in bereits gängige Reiseprogramme. Beispiele: Pilgerfahrten, denn Religion ist eine der sechs Hauptmotive für Tourismus, oder Radwege, z. B. der „Weg der tschechischen Dörfer“ im Banat. Schwerpunkt sollte jedoch Kulturtourismus sein, weil hier die Vielseitigkeit am größten ist: „Von Künstler- , Restaurations- oder Jugendlager über die klassischen Themen- und Städtereisen wird damit das ganze Land abgedeckt“. Seitens DRI wurde zur Diskussion gestellt, auch eine Schulungsmaßnahme für junge Mitglieder der Minderheiten als Fremdenführer einzuplanen.

Kulturtourismus mit Vorbildfunktion

Neben dem wirtschaftlichen Faktor liefert Staatsekretär Bogdan Stanoevici au dem Kulturministerium weitere Argumente, warum Kulturtourismus in Minderheitengebiete aus seiner Sicht fördernswert sei: Zum einen könne man der Welt zeigen, dass friedliches Miteinander möglich ist. Zum anderen spielt Kultur in der Gesellschaft eine wichtige Rolle: Als Katalysator für die Integration von Randgruppen fördert sie auch soziale Kohäsion und die Akzeptanz von Verschiedenheit und ist damit letztlich friedenserhaltend. Kulturprojekte, Märkte und Ausstellungen helfen, Traditionen und altes Handwerk zu bewahren. „In der Kultur trennt uns die Verschiedenheit nicht – im Gegenteil, sie macht neugierig!“ erkennt Stanoevici. Interkulturelle Festivals wie ProEtnica in Schäßburg bewirkten Annäherung, und sogar im Zusammenhang mit der zu erwartenden Einwanderungswelle aus Syrien schreibt er den Minderheiten – hier vor allem der türkischen – eine wichtige Rolle zu, weil sie gut integriert sind und damit geeignet, Neuankömmlinge aufzufangen. „Türke in Rumänien zu sein, ist wie Rumäne zu sein“, behauptet er. Ohnehin sei Völkervielfalt ein charakteristisches Merkmal für Europa, schließt er seine Rede: „Wir sprechen leichter über eine europäische Identität, wenn wir unsere Verschiedenheit bewahren.“

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