Wen(n) zu viel Ökumene stört

Orthodoxe Kirchenleitung wehrt sich gegen innerkirchliche Kritik an Beschlüssen des Panorthodoxen Konzils von Kreta

Mittwoch, 28. September 2016

In der Rumänischen Orthodoxen Kirche tobt derzeit eine heftige Auseinandersetzung zwischen fundamentalistischen Kreisen und der Kirchenleitung. Mit Protesten im Netz und Unterschriftensammlungen kritisieren wenige, aber lautstarke Gruppen und Stimmen die Beschlüsse der Panorthodoxen Synode von Kreta vom Juni 2016. Daran haben der rumänische orthodoxe Patriarch Daniel und 25 weitere Bischöfe, Erzbischöfe und Metropoliten seiner Kirche teilgenommen. Die Kritiker werfen den Bischöfen vor, mit ihrer Unterschrift unter die Konzilsdokumente nicht-orthodoxe Kirchen anerkannt und damit die Orthodoxie verraten zu haben.

Vor allem aus der traditionell sehr konservativen Metropolie der Moldau und Bukowina werden den Bischöfen Ultimaten gestellt. Einzelne Priester und Klöster drohen etwa dem Metropoliten Teofan der Moldau und Bukowina und anderen Bischöfen damit, den in jeder gottesdienstlichen Fürbitte (Ektenie) vorgeschriebenen Gebetsruf für den Bischof, der die kirchliche Gemeinschaft symbolisch zum Ausdruck bringt, zu verweigern, wenn die Bischöfe ihre Unterschriften nicht zurückziehen.

So starteten beispielsweise am 10. August einige Mönchspriester eine Petition, die mittlerweile 4000 Unterschriften gesammelt haben will. Darin wird gefordert, dass die Bischöfe ihre Unterschriften von Kreta zurückziehen sowie der Ökumene insgesamt und dem Ökumenischen Rat der Kirchen insbesondere abschwören. Am 30. August kam es vor dem Patriarchat von Bukarest zu einer Protestkundgebung und einem verbalen Schlagabtausch mit Weihbischof Varlaam Ploieșteanul.

Renommierte Tageszeitungen wie „Adevărul“ fragen bereits, ob es zu einer Kirchenspaltung kommt, stellen sich doch Klöster und Priester mit der Verweigerung der Fürbitte für den Ortsbischof im Gottesdienst außerhalb der Gemeinschaft ihrer Kirche. Wobei viele angesichts der wahren Größenordnung der Protestbewegung den Aufstand nur als Sturm im Wasserglas sehen. Immerhin gibt es auch von der Basis Widerspruch. Der Priester und Blogger Eugen Tănăsescu vom Erzbistum Tomis (Konstanza) am Schwarzen Meer bezeichnet die Kritik als „religiösen Talibanismus“.

Am Konzil in Kreta nahm eine große Delegation der Rumänischen Orthodoxen Kirche teil, die mit weit über 20 Millionen Gläubigen die zweitgrößte orthodoxe Kirche Europas und die drittgrößte weltweit ist. Vor allem das Bekenntnis zum Dialog mit den anderen Kirchen und deren explizite Bezeichnung als „Kirchen“ in einem Konzilspapier stoßen orthodoxen Traditionalisten in Rumänien sauer auf. Die Kritik kommt aus Kreisen, für die bereits der Begriff „Ökumene“ ein Schimpf-wort darstellt.

Der Streit entzündet sich an dem Dokument „Die Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt“. Dort heißt es unter anderem: „4. Die Orthodoxe Kirche, die unablässig ‘für die Einheit der Kirche‘ betet, hat stets den Dialog mit jenen gepflegt, die sich von ihr abgespalten haben, mit jenen, die ihr näher stehen, wie jenen, die ferner sind, sie hat sogar die zeitgenössische Suche nach Wegen und Mitteln zur Wiederholung der Einheit derer angeführt, die an Christus glauben, hat an der Ökumenischen Bewegung seit deren Entstehen mitgewirkt und zu deren späteren Gestaltung und Fortentwicklung beigetragen.“

Weiter erklärten die zehn Kirchenoberhäupter und rund 200 teilnehmenden Bischöfe: „5. Die aktuellen bilateralen theo-logischen Dialoge der Orthodoxen Kirche und ihre Mitwirkung an der Ökumenischen Bewegung stützen sich auf das Bewusstsein der Orthodoxie und ihren ökumenischen Geist mit dem Ziel, auf der Grundlage des Glaubens und der Tradition der Frühen Kirche der Sieben Ökumenischen Konzile die verlorene Einheit der Christen wiederzuerlangen.“

Neben diesem Bekenntnis zur Ökumene stören sich die Kritiker auch an der Verwendung des Begriffs „Kirche“ für nicht-orthodoxe Kirchen. Im Dokument steht dazu: „Die Orthodoxe Kirche akzeptiert die historische Selbstbezeichnung anderer nicht-orthodoxer christlicher Kirchen und Konfessionen, ohne mit diesen in Kirchengemeinschaft zu stehen (…). So hat sie sowohl aus theologischen wie auch aus pastoralen Gründen eine positive Haltung zum theologischen Dialog auf bilateraler und multilateraler Ebene“. Die Teilnahme der Ortskirchen an offiziellen theologischen Dialogen wie auch regionalen, landesweiten und auch internationalen „zwischenchristlichen“ Gremien wird ausdrücklich bejaht (Punkt 7).

Das Rumänische Patriarchat hat nun mehr als deutlich auf die Anfeindungen reagiert, auch einzelne Bischöfe beziehen in Predigten, Ansprachen und Interviews klar Stellung. Sie verteidigen die Konzilsbeschlüsse und weisen die Kritik daran als theologisch unbegründete und im Stil unerträgliche Meinung radikaler Wirrköpfe und Splittergruppen zurück.

Der ökumenisch höchst versierte Patriarch Daniel hält sich dabei zurück, wird er doch von den radikalen Ökumenegegnern bisher aus Respekt vor seinem Amt noch nicht persönlich angegriffen. Er gilt als Spitzentheologe unter den derzeitigen orthodoxen Patriarchen, will aber weder konservative Kreise noch die ökumenisch aufgeschlossene Fraktion gegen sich aufbringen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten oder das Amt zu beschädigen.

Doch die Stellungnahme aus dem Presseamt des Patriarchats vom 7. September lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die Kirchenleitung spricht von Personen, die „in weltlichem und aggressivem Geist“ die bei dem Konzil anwesenden Bischöfe „angeklagt und beleidigt haben“. Es handle sich dabei um „einige aufrührerische Kleriker und unkanonische, ungehorsame Wandermönche sowie Laiengläubige, die von diesen beeinflusst werden“. Die Kritiker seien „nicht dialogfähig, sondern aggressiv“ und „stören von innen heraus den Frieden und die Einheit der Kirche, weil sie nicht vom Geiste Christi geleitet sind“.

Die Kirche fördere weder „konfessionellen Hass noch religiösen Krieg“, sie bekenne die Orthodoxie „mit Demut und Frieden in der Seele“. Das Patriarchat verweist auch auf die Diaspora. Immerhin 670 der über 700 rumänischen Gemeinden in Westeuropa feiern ihre Gottesdienste nicht in eigenen, sondern in katholischen, anglikanischen oder protestantischen Gotteshäusern, ohne ihren orthodoxen Glauben zu verlieren. Jeder „orthodoxe Christ kann der Orthodoxie treu bleiben, wenn er mit anderen Christen Dialog oder Zusammenarbeit pflegt, ohne fanatisch, arrogant oder aggressiv zu sein“, stellt das Patriarchat fest. Mit diesen klaren Worten ruft das Patriarchat von Bukarest die Kritiker zum Einlenken auf.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 28.09 2016, 22:06
im frühen Christentum gab es vier Patriarchensitze: Jerusalem, Antiochia, Alexandria und Rom. Konstantinopel ist ja bekanntlich erst nach dem Jahr 300 zur zweiten Hauptstadt aufgestiegen. Rom ist also älter, die anderen drei wurden später vom Islam besetzt und vernichtet. Hauptgrund für die spätere Spaltung waren übrigens weniger theologische Gründe als viel mehr kulturelle und sprachliche Mißverständnisse zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten. Im Prinzip sind aber beide gleichermaßen geradlinige Nachfolger der einen frühen Kirche. Den fundamentalistischen Spinnern, die behaupten die andere Schwesterkirche wäre eine Ausgeburt des Teufels (so etwas sagen die wirklich), sind einfach intellektuell minderbemittelte Deppen, die oft nicht einmal eine einzige Fremdsprache beherrschen, nicht einmal Griechisch oder Slawonisch. Die können die Texte ihrer eigenen Kirche, die älter wie 200 Jahre sind, gar nicht lesen, geschweige denn frühere Konzilbeschlüsse. Was sie lesen können sind kommunistische Geschichtsbücher aus der protochronistischen Phase, die sie besser kennen als das Evangelium.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*