Wer beten lernen will, fährt nach Lourdes

Lichterprozession in einem der größten Wallfahrtsorte der Welt

Sonntag, 27. März 2016

Prozession in Lourdes bei Nacht

Das Herz des Sanktuariums: die Grotte, in der sich die Heilige Jungfrau den drei Kindern gezeigt hat.

Fast wie Notre Dame an der Seine: Auch hier liegt die Kirche an einem Fluss. Oben auf dem Berg die Kirche, unten die Grotte
Fotos: Ştefana Ciortea-Neamţiu

Für den Besucher aus Rumänien ist das fast am anderen Ende Europas gelegene und trotzdem ein Zentrum darstellende Lourdes ein entferntes Ziel, das man sich vielleicht Jahre lang zu erreichen wünscht. Es ist nicht leicht, nach Lourdes zu kommen, Flüge müssen gewechselt werden, Züge auch, das Auto scheint da noch die einfachste Variante, allerdings werden auf dem Weg Pausen eingelegt werden müssen, denn der ist lang.

Aber umso schöner, denn die kürzeste Route führt über Ungarn und Slowenien, über Norditalien und Südfrankreich bis an die Grenze zu Spanien, am Fuße der Pyrenäen, wo das mittlerweile zur schmucken Stadt entwickelte Dorf liegt, das bereits im 19. Jahrhundert durch mehrere Erscheinungen weltweit bekannt wurde: Hier zeigte sich im Jahre 1858 die Heilige Jungfrau der kleinen Bernadette Soubirous und ihre Worte sind heute wie damals stark. Die seitdem hier erwirkten Wunder haben Lourdes zu einem der größten Wallfahrtsorte der Katholiken weltweit aufblühen lassen, neben Mariazell oder Fatima.

Nach Lourdes kommt man für eins: um zu beten. Lourdes liegt in einiger Entfernung von den touristischen Attraktionen Frankreichs, auch wenn die Landschaft hier im Département Hautes-Pyrénées und die Skyline mit verschneiten Pyrenäen-Gipfeln romantisch-schön sind. Eine Autobahn führt parallel zu den Pyrenäen, mehrere Straßen zweigen davon ab, einige führen in die Berge zu Wintersportorten, eine davon führt nach Lourdes. Und alle sind gut befahren. Bis man selbst die Wallfahrt unternimmt, gibt es „Lourdes aus der Ferne“: Man kann online Gebetsanliegen senden, eine Kerze anzünden oder sich Weihwasser zuschicken lassen. (http://de.lourdes-france.org/)

Grotte der Erscheinungen und Hoffnungen

Die Stadt ist belebt, aber nicht rappelvoll, die Randviertel fangen wie überall mit Supermärkten und Mc Donalds an. Kommt man näher an die Stadt, erscheinen an vielen Häusern die Inschriften „À Louer“. Übernachtungsplätze sind sehr gefragt, aber wir sind nur für einige Stunden in Lourdes. Kommt man noch näher an das Zentrum, schießen die Souvenir-Shops wie Pilze aus dem Boden, bis kein Platz für andere Geschäfte mehr ist. Hier kann man von Klunkern bis zu hochqualitativen Kunstobjekten alles kaufen, was sich um Lourdes dreht: Es gibt Magnete und Postkarten, aber auch Rosenkränze und Kreuze.

Es ist Mittag unter der Woche, wir finden leicht einen Parkplatz in der Nähe des heiligen Bezirks, der „Stadt in der Stadt“: das Sanktuarium, zu dem die Grotte, mehrere Kirchen und Kapellen, schmucke Plätze, sowie ein Informationszentrum, die Bäder und das Krankenhaus gehören. Wir glauben uns schon mittendrin, dabei haben wir erst die Mariä-Empfängnis-Basilika oben auf dem Berg betreten, die erste Kirche ist klein, es erklingt Gospelmusik auf Englisch. Auf Wendelwegen gehen wir nach unten, vor uns liegen ein sehr gepflegter Park und eine riesige goldene Kuppel, die zur Rosenkranzbasilika gehört, für die man den Berg heruntersteigen muss. Die Bäume sind streng geschnitten, der Rasen gepflegt, der Gave-de-Pau rauscht in Gebirgsbachgeschwindigkeit in der Nähe. Jenseits der Brücke liegt das Krankenhaus für kranke Pilger.

Menschenmengen, Gebetsbücher, Rosenkränze oder weiße Kerzen in der Hand, Reden in fast allen Sprachen der Welt. Alte und junge Menschen. Männer, Frauen und Kinder. Ganze Gruppen von Rollstühlen, die von Schwestern geschoben werden, ziehen vorbei. Die Kranken oder Alten, die in den Rollstühlen sitzen, sind alle mit blauen Decken zugedeckt. Manche liegen auch in Rollbetten. Wichtig ist, dass alle dabei sind, dass alle mitmachen, dass es für alle Hoffnung gibt. Und dass alle, die hier sind, daran glauben. Es ist sonnig warm, fast sommerlich warm, obwohl erst Frühling ist und die Pyrenäen noch Erinnerungen an den Winter auf ihren Gipfeln tragen.

Alle zieht es zum Herzen des Sanktuariums, zur Grotte. Hier hat alles angefangen. Am 11. Februar 1858 hatte sich Bernadette mit ihrer Schwester und einer Freundin nach Massabielle ans Ufer des Flusses Gave begeben, um Brennholz zu sammeln. Ein Geräusch wie ein Wehen des Windes ließ das Mädchen aufschauen und es erblickte eine weiß gekleidete Frauengestalt. Insgesamt 18 mal erschien hier die Heilige Jungfrau und übergab dem Mädchen Botschaften, die heute noch von den Gläubigen in aller Welt gelesen werden.

Wunder begannen hier zu wirken, tausende von Spontanheilungen gab es, 69 davon wurden von der Kirche als Wunder anerkannt. Zuletzt erkannte 2013 ein italienischer Bischof das Wunder, das an einer 43-jährigen Italienerin vollzogen wurde, die nach mehrmaligen Besuchen in den Bädern von Lourdes von einer schweren Krankheit auf eine vom heutigen Stand der Medizin aus unerklärliche Weise genas, an.
Bevor man die Grotte erreicht, steht, ebenfalls in mehreren Sprachen, eine Aufforderung, die die Heilige Jungfrau überlassen hat: Vor dem Besuch der Grotte solle man vom Quellwasser trinken und sich das Gesicht waschen. Das Ritual zieht alle an. Wasser wird auch in größeren Flaschen und Behältern mit nach Hause genommen. Die Rollstühle bleiben stehen, für einen Augenblick lassen die Männer, die sie diesmal schieben, die Kranken stehen, gehen zur Quelle, füllen die Flaschen, jeder Mensch wird von dem Wasser trinken.

In der Nähe der Grotte beginnt eine kurze, geordnete Reihe, da stellen wir uns an, das gemächliche Tempo lässt Zeit zur Besinnung und zur Dankbarkeit, dass man das Ziel erreicht hat. Und wie man da steht, unter der Marienstatue, während alle Vorbeigehenden mit ihren Händen die Felsen betasten, eine Art des Sich-Vergewisserns und eine Geste, mit der man hofft, dass Heiliges und Heilkraft auf den Einzelnen überspringt, da spürt man, dass man tatsächlich am Ziel angekommen ist. Zeit kann man hier im Gebet verbringen, auf den Bänken vor der Grotte, nur das Rauschen des Flusses im Hintergrund, denn trotz der vielen Menschen wird die Stille respektvoll eingehalten.

„Das Licht dieser Kerze“

Weiter von der Grotte entfernt sind Meere von weißen Kerzen, davon einige in nie geahnter Baumdicke und -größe. „Das Licht dieser Kerze ist Zeichen meines Betens!“ So steht es hier auf Deutsch. Aber auch auf Französisch, Englisch usw. Auch unsere Kerzen brennen jetzt in Lourdes. Zurück vor die Rosenkranzbasilika – riesig liegt sie da, mit der goldenen Kuppel. Reihen von Bäumchen, schön gepflegt. Auf dem Platz davor unter einem Baum eine Bank, darauf ein Mann, er hält ein Gebetsbuch auf Rumänisch in der Hand. In der Nähe auch eine Ankündigung: Heute, 18 Uhr, Lichterprozession. Und trotz einer 400 Kilometer-Strecke (aber fast alle per Autobahn) bis zu unserer Übernachtungsstätte wollen wir uns das nicht entgehen lassen. Und die Entscheidung war richtig. Denn der Höhepunkt stand noch an.

Kurz verlassen wir die heilige Stätte, um ein kleines Andenken zu kaufen, wir fragen im Informationszentrum danach, aber es gibt keinen Shop im gesamten Areal. Im Infozentrum kann man lediglich einen Führer in verschiedenen Sprachen bekommen. Wir lassen uns einen Laden vorschlagen, die Adresse ist gut, der Unterschied zu der meisten Ware  augenscheinlich: mit Liebe und Herz hergestellte Holzkreuze oder auch teurere Objekte aus Silber.

Abendlicher Höhepunkt

In der Dämmerung geht es zurück in den Komplex des Heiligtums, die Menschenmassen bewegen sich langsam, geordnet, es ertönen Gesänge, die nicht von dieser Erde scheinen. Die gesamte Atmosphäre ist erhaben, fast übernatürlich erhaben, als wäre sie nicht von dieser Welt. In der Nähe, völlig unerwartet: Vier Menschen, drei Frauen und ein Mann, Polizisten mit vorgestreckten Waffen: Es ist das Frankreich nach den Terroranschlägen von Paris, Wunden klaffen. Nach und nach schwindet das Tageslicht, die Menschengruppen sind organisiert: Hier eine Fahne aus Argentinien, da eine italienische. Vorne aber, ganz vorne die Rollstühle und mobilen Krankenbetten mit den blauen Decken.

Vor der Rosenkranzbasilika machen sie halt und werden auf eine geordnete Weise in Reihen aufgestellt: Zuerst die Krankenbetten und Rollstühle, dann die, die sie geschoben haben: Schwestern und Männer und Jugendliche sind dabei, die sich als Freiwillige angemeldet haben. Dann langsam alle anderen, der Reihe nach. Bis sie alle stehen bleiben, in einer Anordnung, als stünden sie vor Gott. Und das tun sie auch, der Himmel ist sicher aufgegangen über Lourdes. Danach ist es unmöglich, nicht zu glauben.

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