Wer Zigaretten hatte, kaufte sich von Schlägen frei

Vom Schicksal Holocaust-Überlebender, Teil 1: Ex-Häftling Jacek Zieliniewicz erzählt über sein Leben im KZ

Freitag, 10. Februar 2012

Das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau erstreckte sich auf 170 Hektar.

Jacek Zieliniewicz erlebte die Transporte mit Juden in Auschwitz-Birkenau. Auf der Rampe entschieden die SS-Männer über Leben und Tod.

Der Pole Jacek Zieliniewicz wurde 1943 praktisch grundlos verhaftet und ins KZ gesteckt. Er galt als „politischer Häftling“.
Fotos: Raluca Nelepcu

„Ich glaube, Gott hat mich hier vergessen“, sagt Jacek Zieliniewicz (86) mit ruhiger Stimme. Und während er das sagt, kommen den jungen Frauen und Männern, die ihm gerade zuhören, die Tränen. Der Mann mit silbergrauem Haar und hellen Augen trägt eine graues Sakko und eine dunkelrote Krawatte.

Er lächelt nicht, sondern scheint eher kritisch die Handvoll Menschen zu betrachten, die im Halbkreis vor ihm sitzen. Doch der Schein trügt, denn sobald Jacek Zieliniewicz zu sprechen beginnt, erwärmt sich sein Blick und seine Stimme wird sanft. „Ich habe Freunde überall auf der Welt. Ich habe sehr viele Freunde in Deutschland. Schlechte Nationen gibt es nicht, es gibt nur schlechte Menschen“, sagt der ehemalige politische Häftling des nationalsozialistischen Regimes.

Der Funke

Es war am 20. August 1943, als Jacek Zieliniewicz in Polen verhaftet wurde. Insgesamt 200 Männer und Frauen nahmen die Gestapo-Leute fest. Er war damals 17 Jahre alt. Zusammen mit den anderen Häftlingen wurde auch er sofort nach Auschwitz-Birkenau gebracht. 170 Hektar, 16 Kilometer Stacheldrahtzaun und ein unfassbarer Massenmord-Mechanismus: Die meisten, die nach Auschwitz-Birkenau kamen, starben im Lager. Nicht auch der Pole Jacek Zieliniewicz.

 „Das Erste, was ich gesehen habe, war viel Licht“, erinnert sich der Greis. Auch die Flammen der Krematorien, die rund um die Uhr in Betrieb waren, rissen tiefe Wunden in sein Gedächtnis. Seit dem Tag war Jacek Zieliniewicz kein Mensch mehr. Er wurde zu einer Nummer, die er auch jetzt ganz genau aufsagen kann: 138142.

Auf der Rampe, die Leben und Tod voneinander trennte, landete auch Jacek Zieliniewicz, als er mit dem Zug in Auschwitz-Birkenau ankam. Er hatte Glück, denn der direkte Weg zur Gaskammer blieb ihm erspart. Zusammen mit anderen Häftlingen wurde er in die sogenannte „Sauna“ getrieben, wo sie duschen mussten und kahl geschoren wurden. Dann bekamen sie Zivilanzüge. Keine „Zebra-Anzüge“, wie sie Zieliniewicz nennt, sondern normale „Lumpen, die die Juden mitgebracht hatten“. Die guten Sachen wurden sofort nach Deutschland geschickt, erfuhr er damals. Auf seinem Sträflingsanzug stand ein rotes Dreieck – das Symbol für „politischer Häftling“.

Der Gestank

Jacek Zieliniewicz kam zuerst in die Quarantäne-Baracke. Unter schwierigen Bedingungen versuchte er, zu überleben. In einer Baracke, die für 52 Pferde konzipiert war, kamen 500 Häftlinge unter. Geschlafen wurde auf dreistöckigen Holzpritschen, auf dem nackten Holz. Wer Glück hatte, konnte auf Stroh schlafen. Auf jeder Pritsche mussten – fest aneinander gedrängt – fünf Häftlinge schlafen. 

Aber es sollte alles schlimmer kommen. „Um vier Uhr mussten wir aufstehen und rausgehen zum Appell. Es war schon frostig draußen, es regnete und wir waren barfuß. Wir hatten Hunger, aber das Schlimmste war immer noch die Kälte“, erinnert sich Jacek Zieliniewicz. Zu essen gab es immer „viel zu wenig“. Kaffee oder Tee morgens und abends - den Unterschied merkte niemand, so schlecht war die warme Flüssigkeit. Am Anfang konnte Jacek Zieliniewicz nichts essen. Aber nach einigen Tagen musste er es tun. Zu Mittag gab es Suppe, aber „das war nicht so eine, wie sie die Mutter zu Hause kocht“.

Die stinkende Brühe mussten vier Häftlinge aus einem einzigen Teller schlürfen. Jeder nahm einen Schluck und der Topf ging im Kreis herum, bis alle etwas im Magen hatten. Jeder schaute drauf, ob nicht vielleicht der Nachbar mehr zu sich nahm. Vom Sattwerden konnte in Birkenau nie die Rede sein.

Die Qual

Die Insassen der Quarantäne-Baracke mussten keine Arbeiten verrichten. Sie wurden gequält und verspottet. „Wir mussten, zum Beispiel, den Sand von einem Ort zum anderen bringen“, erinnert sich Jacek Zieliniewicz an die „Arbeit“, die den Häftlingen aufgezwungen wurde. Außerdem mussten Jung und Alt Sport treiben – auf Befehl. Hüpfen, springen, tanzen – das war für den 17-jährigen Jacek damals keine große Herausforderung.

„Aber die alten Leute litten sehr. Die SS-Männer machten sie fertig und sagten, sie seien faul. Wenn man ihnen mit dem Knüppel auf den Kopf schlug, dann war es aus“, erzählt Jacek Zieliniewicz und seine Stimme bricht. Für einen Augenblick senkt er seinen Blick, so, als ob die bösen Erinnerungen plötzlich wieder hoch kommen würden. Doch dann presst er die Lippen zusammen und erzählt weiter.

„Ich bin gesund und fühle mich gut“. Das musste in jedem Brief stehen, den die Häftlinge nach Hause schickten. Die polnischen Häftlinge durften nämlich Lebensmittelpakete bekommen. Kam Essen von zu Hause, so stiegen ihre Überlebenschancen. „Vernichtung durch Arbeit“ war die Devise in Auschwitz. Wer es länger aushielt, war auch länger arbeitstauglich.

Der Rauch

In einem Paket durften nicht mehr als 15 Zigaretten oder 50 Gramm Tabak enthalten sein. Wer Zigaretten hatte, der war für kurze Zeit reich in Auschwitz-Birkenau. Am Stacheldrahtzaun wurden Geschäfte abgewickelt, Zigaretten gegen ein Stück Brot oder ein Paar bessere Schuhe ausgetauscht. Wer sie dem Lagerältesten gab, wurde in der darauffolgenden Zeit nicht geschlagen.
„Ich habe die Zeit erlebt, als die Transporte mit Juden aus Ungarn ankamen. Es kamen 438.000 Juden – die meisten wurden direkt zu den Gaskammern geschickt“, sagt Jacek Zieliniewicz. Eineinhalb Millionen Menschen – Männer, Frauen und Kinder – kamen in Auschwitz ums Leben. Nur 7000 überlebten.

„Wir haben gewusst, dass sie in einer Stunde tot sein werden, aber das hat uns nicht mehr berührt“, erinnert er sich. Ihre Seelen waren verhärtet, menschliche Gefühle waren ihnen schon lange fremd. Einer der Männer in der Baracke fragte seine Kameraden eines Nachts, ob sie noch normal wären. Dann erinnerten sie sich an die Gesichter der Kinder, die in die Gaskammern geführt wurden – und plötzlich flossen allen die Tränen. „Ja, wir waren noch normale Menschen“, sagt der Ex-Häftling.

Am 20. August 1944 wurde Jacek ins KZ Dautmergen bei Rottweil (Zollernalbkreis) – einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof – gebracht. Vier Tage und vier Nächte ohne Essen und Wasser verbrachten die etwa eintausend Häftlinge im Zug. Viele starben unterwegs, die meisten in den darauffolgenden Wochen oder Monaten. Jacek Zieliniwiecz hielt es aus, obwohl da katastrophale Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschten.

Die Folgen

„Dort war kein Lager, sondern nur Zelte“, sagt Jacek. „Die Häftlinge haben das Lager gebaut“, fügt er hinzu. An die schlammige Wiese, auf der das Lager errichtet wurde, kann er sich noch ganz genau erinnern. Trinkwasser gab es nur zwei Kilometer weiter, im Dorf Dautmergen. Zu essen gab es nur morgens und abends. Abends immer ein Achtel Brot pro Häftling. „Im Vergleich zu Auschwitz, wo wir ein Viertel Brot bekamen, war das sehr wenig. Wir waren sehr, sehr hungrig“, sagt der Mann. Im Wald mussten sie Telefonmaste aufstellen. Bei klirrender Kälte hatten die Häftlinge nur Sommeranzüge an.

Es war kalt, doch Jacek war jung. Ein Freund, Arzt von Beruf, bot ihm eine kurzfristige Unterkunft im Krankenhaus an, doch Jacek Zieliniewicz lehnte das Angebot ab. Er wollte nur bessere Schuhe, mehr nicht. „Wie dumm war ich damals“, sagt er heute. „Denn gleich kam ein richtig kalter Tag mit Schneeregen und wir arbeiteten den ganzen Tag draußen in der Kälte. Das war mein schlimmster Tag im Lager“, fügt er hinzu. Geschwächt kam er ins Krankenhaus. Dort sah er sich zum ersten Mal nach langer Zeit nackt. „Ich war ein Skelett mit Haut. Ich wog nur noch 38 Kilo“, sagt Jacek Zieliniewicz. Oft fragt er sich, wieso es gerade ihm gegönnt war, zu überleben.

Die Befreiung

„Auch unter den SS-Leuten gab es gute Menschen“, sagt Jacek Zieliniewicz. Einer der Guten war der Kompanie-Rechnungsführer in Dautmergen. Dieser schickte ihn einmal um Essen. Danach bestellte er eine zweite Portion. Als der junge Jacek auch die zweite Portion brachte und weggehen wollte, lud ihn der Kompanie-Rechnungsführer zum Essen ein. „Du bist auch ein Mensch so wie ich“, hatte der SS-Mann gesagt. Die zweite Portion war für ihn bestimmt.

Am 18. April 1945 wurden die Häftlinge in Gruppen auf die Todesmärsche getrieben. Am 23. April 1945 kam die ersehnte Befreiung durch französische Truppenverbände. Der nun 19-jährige Jacek kehrte nach Polen zu seiner Familie zurück. Es war der 5. Dezember 1945, als er mit seiner Familie wiedervereint wurde. Er studierte in Posen Lebensmitteltechnologie, wurde Ingenieur und arbeitete 50 Jahre lang in der Fleischwirtschaft.

Nach dem Krieg kehrte er 1963 oder 64 – so genau kann er sich nicht mehr erinnern – nach Auschwitz-Birkenau zurück. Während er sich den Lagerplan ansah, hörte er plötzlich jemanden Deutsch hinter ihm sprechen. Er bekam einen Schock. „Ich hätte früher nie gedacht, dass ich Freunde in Deutschland finden würde“, gibt er ganz offen zu. Heute reist er nach Polen und Deutschland und erzählt Schülern über sein Schicksal. Die Menschen sollen wissen, was in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands geschehen ist und die Fehler der Vergangenheit nie mehr wiederholen.

„Zum Überleben muss man Hoffnung, Freunde und viel Glück haben“, glaubt Jacek Zieliniewicz heute zu wissen, wie er es damals geschafft hat. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: „Man muss auch jung sein“. Jacek Zieliniewicz lebt heute mit seiner Ehefrau im polnischen Bydgoszcz. Das Ehepaar Zieliniewicz hat zwei Töchter, drei Enkel und drei Urenkel.

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