Wider das Vergessen

Samstag, 14. März 2015

Nachdenklich sitzen wir spätabends im Pfarrbüro. Soeben ist die Stimme des Vaters verklungen, der dem Sohn die Geschichte seiner Russlanddeportation ins Diktiergerät gesprochen hat. Stadtpfarrer Kilian Dörr hat vor wenigen Jahren, nachdem sein Vater Kilian Dörr sen. von einer sehr schweren Krankheit genesen war, diesen in mehreren Sitzungen dazu bewegt, Stationen aus seinem Leben zu erzählen. Auch für den Sohn war neu und erschütternd, was er da in nüchterner Erzählung zu hören bekam. Denn: Dass der Vater deportiert war, das hatte man gewusst, aber es wurde fast nie darüber gesprochen. Um die Familie zu schonen? Um sich selbst ein normales „neues” Leben zu ermöglichen? Um zu vergessen?

Einzig bei Familienfesten, so erinnert sich der Sohn, sei wiederholt die Rede darauf gekommen. Alle lobten das gute Essen. Vaters höchstes Kompliment aber war: Nur die Ziesel in Sibirien hätten noch besser geschmeckt! Brrr, entfährt es der Enkelin Paula. Sie reckt ihren Kopf hinter einem Asterix-Heft hervor und findet es gruselig, was da erzählt wird.

So kleine Tierchen, eine Art Ratten, als gebratene Leckerbissen? Mit ihren neun Jahren findet sie die Vergangenheit des 88-jährigen Opas wenig interessant. Dass extra für sie eine Schublade mit Erinnerungsstücken, mit Fotos und Dokumenten der Vorfahren angelegt wurde, kann sie von den Heften um die tapferen Gallier und ihre Erzfeinde, die Römer, nicht wegbringen. Ihre Cousine Jana, eine Studentin der Kunstgeschichte, fragt sich etwas ratlos: Wie lange hat eigentlich diese Deportation gedauert? Sie hat den Opa als gesprächig erlebt, der wunderbar von seinen Reisen erzählen konnte, die er im Alter, zusammen mit den beiden Schwestern, quer durch Europa unternommen hat. Bis heute ist er an Politik besonders interessiert und liest in- und ausländische Kommentare zum Weltgeschehen.

Einst war auch er ein Spielball im grausamen Kräftemessen der Weltmächte und musste zur Schwerstarbeit nach Sibirien. Da war er 18. Jana, die selbst schon etwas älter ist als der Opa damals, kann sich nicht vorstellen, wie man sowas aushält. Für sie ist der Abstand von fünfzig Jahren zwischen Opas Fahrt ins ferne Plast jenseits des Ural und dem Tag ihrer Geburt eine unendlich lange Zeit. Aber heute, so weiß sie aus den Medien, gibt es in Teilen der Welt ähnlich schreckliche Zustände. Der Opa hat sie mit Erzählungen verschont und sie kennt auch keinen anderen Menschen, der nach Russland deportiert worden ist. Auch die restlichen Familienmitglieder fragen sich, was in den Erzählungen des alten Herrn ausgeblendet wurde. Wäre es wichtig, mehr zu wissen? Als Erwachsene treibt es sie um, dass die Eltern vielleicht etwas verborgen haben. Die folgende Generation hat daran zu tragen, dass die Vergangenheit nicht aufgearbeitet ist. Es dauert lang, bis die Dinge ans Licht kommen, und noch eine ganze Weile länger, bis sie eingeordnet und innerlich akzeptiert werden können.

Der Senior erzählt knapp und trocken vom Hungerwinter 46-47, den er frierend auf einer Pritsche, mit Lungenentzündung und ungenügender Pflege überlebt hat. Wie ist es, wenn man die Matratze von nebenan auf sich zieht, um nicht zu erfrieren, während man das Stöhnen und Röcheln derer hört, die im Sterben liegen? „...das war nicht schön...”An diesem Tiefpunkt erfuhr sein Leben eine unerwartete Kehrtwende. Der hoffnungslos Kranke wurde ins Lazarett deutscher Kriegsgefangener nach Tscheljabinsk überführt. Und hier ging es mit ihm langsam bergauf. Die Wärme! Die Nahrung! Die leichtere Arbeit, nach all der Schufterei beim Straßenbau, in der Kolchose, im Steinbruch. Er bereitete Kleidung für die Heimkehrer vor, bekam dafür die Listen in die Hand. Eines Tages war sein eigener Name auf der Liste und er kam nach viereinhalb Jahren frei.

Oft erlebten ihn die Seinen in den folgenden Jahren als antriebslos. Die Frage, „was wäre anders gekommen wenn....”, steht auch heute noch im Raum. Wenn der Vater hätte studieren können, wenn er nicht als Mechaniker in eine undurchsichtige Lage gekommen wäre, die ihn ein Jahr Gefängnis gekostet hat, wenn ihm seine Rechte zugestanden worden wären, wenn er frei gewesen wäre, wenn, wenn...Vor siebzig Jahren, nach vier Wochen Fahrt im Pritschenwaggon, wurden die Deportierten und die überlebenden Kriegsgefangenen, so erinnert sich Herr Dörr, in der sibirischen Kleinstadt mit dem höhnischen Ruf „Gitler kaputt” empfangen. Allerdings verdanken manche auch ihr Leben den Einheimischen, die es verstanden, Krankheiten zu heilen, denen russische Lagerärzte oder Sanitäterinnen nicht beikommen konnten. Eine kirgisische Frau hat ihn mit Blättern behandelt. In der fremden Gegend wuchsen sommers herrliche wilde Erdbeeren als Vitaminquelle. Russland, Sibirien, hat ihn lebend wieder frei gegeben. Aber was wäre gewesen, wenn...?

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