Wie ich einst versuchte nach Mediasch zu kommen

Eine Anekdote

Samstag, 29. April 2017

Ich bin kein großer Freund von Mediasch, und das liegt nicht einmal an der Stadt selbst. Tatsächlich bin ich sogar der Meinung, dass sich die Stadt gegenüber Touristen unter Wert verkauft, insbesondere im Hinblick auf das benachbarte Schäßburg. Es war Sommer, als ich Mediasch vor einigen Jahren das erste Mal besuchte. Ich genoss einen angenehmen Nachmittag in einer autofreien Innenstadt, entspannte am Marktplatz und aß gut. Meine Sicht auf die Stadt veränderten unzählige Pendelfahrten mit dem Zug zwischen Klausenburg und Bukarest. Die Erinnerungen an diese Anekdote kam mir vor einigen Wochen, als der Zug aus Hermannstadt pünktlich in Mediasch einfuhr.

Kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, da hält er auch schon wieder. Schüler steigen ein, ältere Frauen mit Kaufland-Tüten und Männer in Arbeitskleidung ohne Kaufland-Tüten, aber mit Neumarkt-Flaschen. Gemächlich rollend verlässt der Zug Hermannstadt. Es ist Freitagnachmittag. Feierabend. Niemand ist mehr in Eile, am wenigsten der Zug selbst. In Salzburg springen die ersten Jugendlichen aus dem Zug, bei den Alten sieht das Aussteigen eher nach Abseilen aus. Zwischen Reußen und Marktschelken kreuzt der Zug die Straße nach Mediasch - mein Tagesziel. In zwei Stunden spielt hier die zweite Mannschaft von Gaz Metan gegen den FC Bistritz.

Der Zug leert sich an den nächsten Haltestellen. Wir passieren Arbegen und Frauendorf, dann fahren wir in Kleinkopisch ein, kommen zum Stehen. Ein verspäteter Schnellzug nach Bukarest fährt an uns vorbei und wir bleiben weiter stehen. Schon seit Jahren wird hier der Bahnhof saniert, bis Mediasch werden neue Gleise verlegt und kleine Brücken gebaut. Als ich vor drei Jahren monatlich zwischen Klausenburg und Bukarest pendelte, hat der Zug hier stets eine Stunde verloren. Zuverlässig. Ebenso zuverlässig wie die Bahn sich geweigert hat die Verspätung in den Fahrplan aufzunehmen.
Das letzte Mal als ich die Strecke von Hermannstadt nach Mediasch mit dem Zug fuhr kam dieser 45 Minuten zu spät an. Mit einer Dreiviertelstunde Verspätung würde ich heute trotzdem noch pünktlich zum Anpfiff ankommen. Entspannt lese ich weiter. Für mich ist der Zug der ideale Ort zum Lesen. Jules Vernes’ Karpatenschloss während sich die rostigen Waggons von Simeria über Hatzeg und Petroschen nach Târgu Jiu quälen – ein Vergnügen.

Die erste Ungeduld in mir regt sich nach einer Stunde. Wir stehen noch immer und ich müsste nun schon ein Taxi vom Bahnhof zum Stadion nehmen, um pünktlich zum Anpfiff im Sparta-Stadion zu sein. Nichts bewegt sich. Nur der Zeiger meiner Uhr dreht konstant seine Runden. Einige Minuten später macht sich eine leichte Wut in mir breit. Irgendwann setzt sich der Zug dann aber wieder in Bewegung, viel zu spät. Ich frage mich, ob es sich lohnt, wirklich noch mitten in der zweiten Halbzeit am Stadion anzukommen. Doch meine Überlegungen werden ausgebremst. Kurz vor Mediasch bleibt der Zug abermals stehen. Es lohnt sich also nicht. Schon jetzt haben wir mehr als zwei Stunden Verspätung eingesammelt. Ich hätte von Kleinkopisch nach Mediasch per Anhalter fahren sollen. Verdammt. Entnervt steige ich auf offener Strecke aus dem Zug. Bei Kaufland esse ich zum Frustabbau eine Portion Mici, dann stelle ich mich mit dem Daumen an die Straße. Schon eineinhalb Stunden später bin ich wieder in Hermannstadt.

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