Wie Rechts ist eigentlich Rumänien?

Ausstellungseröffnung mit Podiumsdiskussion zum Thema Rechtsextremismus

Mittwoch, 11. März 2015

Noch bis am 17. März steht die Wanderausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ im Barock Saal des Kunstmuseums Temeswar. Auf 13 Tafeln zeigen die Grundlagen unserer Demokratie, die Abgründe des Rechtsextremismus und die Übergänge dazwischen.

Die Demokratie ist in Gefahr. Die Übeltäter sind rechtsextreme Parteien und Gruppierungen, die sich von der Politikverdrossenheit der Europäer nähren. Das erschreckende Bild: Die Zahl ihrer Anhänger wächst zunehmend. Eines der Hauptgründe ist die Euro-Krise. Ein weiterer, der besonders auf Rumänien zutrifft, ist die Bildungsarmut. Unaufgeklärt und ahnungslos sind Attribute, die den Durchschnittsrumänen zugeschrieben werden. Die Ursachen dafür finden sich unter anderem in der schlechten Ausbildung der Journalisten. Statt unparteiisch zu informieren, spielen sie die Rolle von Propagandisten. Das meint der Historiker Victor Neumann. Darum wird nie in den rumänischen Medien der Rechtsextremismus als ernst zunehmende Gefahr für den Rechtsstaat behandelt. Schon bei der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hinkt man hinterher. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Obwohl der Rechtsextremismus kaum in Schulen und den Medien behandelt wird, gibt es keine Anzeichen eines politischen Übergriffs. Anders als in den Nachbarländern, fehlt in Rumänien eine rechtsextreme Partei. Nicht aber rechtsextreme Gruppierungen, so Alexandru Climescu vom Nationalinstitut zur Erforschung des Holocaust „Elie Wiesel“. Kleinere Vereine und Organisationen hätten gezielt durch Bildungsprojekte an Schulen rechtsextreme Inhalte propagiert. Als Vorbild für diese Rechtsextremen dient die Eiserne Garde, die von Corneliu Zelea Codreanu 1927 gegründete faschistische Partei, die während des Zweiten Weltkriegs mit Ion Antonescu als „Führer“-Figur Rumänien regierte. Auch heute werden Vertreter der Eisernen Garde oft in kleinen Kreisen verehrt.

 

Das Banat im Wandel

Die Beziehung der Mehrheitsbevölkerung zu den Minderheiten würden auf das Befinden der Demokratie eines Landes rückschließen. Rumäniens Minderheitengesetz sei für Europa vorbildhaft, so Matthias Jobelius von der Friedrich Ebert Stiftung Rumänien. Das harmonische Zusammenleben mehrerer Volksgruppen, so wie es Geschichtlich im Banat der Fall war, ist für Europa nicht selbstverständlich. In vielen Ländern werden Minderheiten ausgegrenzt und schikaniert. In Deutschland fürchtet man sich besonders vor islamischen Volksgruppen, in Frankreich fürchten Juden um ihre Sicherheit, in Ungarn gehen Rechtsextreme besonders gegen die Roma-Minderheit vor. Doch obwohl Rumänien seinen Minderheiten gesetzlich mehr Chancen einräumt, kämpft das Land auch mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Besonders im Alltag werden immer wieder, oft unbewusst, rassistische Aussagen gemacht. In Temeswar/Timisoara, Hauptstadt des Banats, und für seine vorbildliche Multi- und Interkulturalität bekannt, entsteht seit der Wende ein Riss. Heute ziehen sich die verschiedenen Volksgruppen in Fraktionen zurück. Herkunft, Religion, Sprache sind differenzierende Eigenschaften, die zur Spaltung führen. Darum findet Neumann, dass wichtiger die Bewahrung der Interkulturalität ist. Weil sie zum Dialog führt und zur Annahme kultureller Eigenheiten einer anderen Volksgruppe. Der Temeswarer Domplatz, wo sich auch das Kunstmuseum Temeswar befindet, sei laut Neumann das perfekte Symbol für die Interkulturalität des historischen Banats und ihrer Hauptstadt: Ein Platz wo sich eine katholische und orthodoxe Kirche befindet. Sie erinnern an den ökumenischen Geist der Region, wo die christlichen Kirchen zusammenarbeiteten. Nur wenn man mehrere Sprachen spricht, Traditionen mehrerer Kulturen pflegt und überhaupt offen für kulturelle Vielfalt ist, wird Segregation kein Thema mehr sein.

 

Rechtsextremismus als Ausstellungssubjekt

Die Wanderausstellung der Friedrich Ebers Stiftung und des Elie Wiesel-Instituts wurde im Februar nach Temeswar gebracht. Nachdem die Ausstellung zum Thema Rechtsextremismus und Demokratie im Pädagogischen Lyzeum „Carmen Silva“ ausgestellt wurde, hat das Kunstmuseum die Wanderausstellung übernommen. Die Vernissage wurde von einer Podiumsdiskussion begleitet, die von dem Programmkoordinator der Friedrich Ebert Stiftung Rumänien, Cristian Chiscop, moderiert wurde. Neben dem Historiker Victor Neumann, auch Leiter des Kunstmuseums und Gastgeber, Alexandru Climescu vom Elie Wiesel-Institut, beteiligte sich auch Constantin Pârvulescu von der West-Universität an der Diskussion. Er deutet den Aufschwung rechtsextremer Parteien als Ursache des politischen Wandels in Europa an. Die Parteienkonstellation innerhalb der Regierungen und ihre Rollenverteilung hat sich verändert: In vielen EU-Ländern würde eine Partei der Mitte als regierende Partei die Rolle eines Verwalters übernehmen, der das Land auf Kurs hält, mit Fokus auf den globalen Wirtschaftsmarkt aber auch den sozialen und politischen Auswirkungen, die sich daraus herleiten. In der Opposition steht dann meist eine radikale Partei, die das Ergebnis der Frustrationen und Unzufriedenheit der Bevölkerung ausdrückt. Letztendlich scheint es ein Fall von Politik versus Bürger und von Globalisierung versus Individualismus zu sein.

 

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