Wie wichtig die ersten Minuten auf der Welt sind

Die Kronstädterin Ditta Depner setzt sich für untraumatische Geburten ein

Sonntag, 23. November 2014

Bei den Hypno-Birthing Kursen sind auch werdende Väter herzlich willkommen. Foto: Ligia Pop

Die Kronstädterin Ditta Depner ist öfters Rednerin bei Konferenzen rund um das Thema Geburt. Foto: Daniela Mezdrea

„Am 27. April 2012 habe ich unseren Sohn im Wohnzimmer auf die Welt gebracht.  Unterstützt wurde ich von meinem Ehemann, der Hebamme und einer Doula. Keine Sekunde lang hatte ich Angst, dass etwas schiefgeht“.

So lauten die ersten Zeilen eines Erfahrungsberichtes auf der Webseite www.bbmic.ro. Die Verfasserin – eine junge Mutter, die vor ihrer Geburt an einem Hypno-Birthing Kurs (Geburtsvorbereitung durch Hypnose) der Kronstädterin Ditta Depner teilgenommen hatte. Dort lernen werdende Mütter seit über drei Jahren, wie man die Angst vor der Geburt überwinden und ein Kind auf sanfte Weise auf die Welt bringen kann.

Kann man sich an seine eigene Geburt erinnern? Was ist die magische Stunde? Was ist Hypno-Birthing? Was ist eine Doula? Wie erfolgt eine Geburt zu Hause? Warum sollte das Kind so lange wie möglich im selben Bett mit der Mutter schlafen? Ist Ultraschall vor der Geburt schädlich?

Auf alle diese Fragen gibt es Antworten, die während des Kurses geklärt werden.

Die Ängste der modernen Mütter

Viele Frauen kennen den Begriff „Hypno-Birthing“ aus Klatschzeitschriften. Herzogin Kate Middleton oder Promis wie Jessica Alba, Cindy Crawford und Giselle Bündchen haben sich  mit dieser Methode auf die Geburt ihrer Kinder vorbereitet. „Moderner Unsinn“, werden viele Skeptiker sagen. Nichts ist falscher. Die Methoden sind nicht modern, es gibt sie schon seit Jahrtausenden. Bereits im alten Ägypten und bei den Ur-Schamanen wird durch spezielle Hypnoserituale oder -techniken die Geburt positiv beeinflusst. Australische Aborigenes und einige afrikanische Stämme bereiten sich noch heute mit einer rituellen Reinigung von Körper und Geist auf die Geburt vor. In anderen Kulturen ist es ganz normal, dass Frauen ihre Babys mühelos, ohne Stress und Schmerzen auf die Welt bringen. Was eine Afrikanerin selbstverständlich findet, hat die moderne Frau über die Jahrhunderte verlernt. „Wir müssen es wieder lernen“, meint Ditta Depner. In ihren Kursen lernt man, Ängste zu überwinden, erfährt von der Nähe und Geborgenheit, die Neugeborene brauchen, und von der Notwendigkeit, sich auf die Geburt vorzubereiten.

„Ich empfehle die Geburt zu Hause nicht“

Vor vier Jahren machte Ditta Depner Schlagzeilen in der Kronstädter Lokalpresse. „Wie im Mittelalter! Kronstädterin bringt ihr Kind zu Hause zur Welt“- so etwa lauteten die Titel in den Zeitungen. Sicherlich haben viele damals den Kopf geschüttelt. Dasselbe hat auch Ditta einige Jahre früher gemacht, als sie erfuhr, dass ihre Kusine aus der Schweiz in der eigenen Wohnung entbunden hat. „‘Die ist verrückt‘, habe ich damals gedacht.Wenig später wurde ich auch schwanger. Und begann mich zu informieren, viele Bücher über Schwangerschaft und Geburt zu lesen. Zum Glück ist mir nur gute Literatur in die Hände gefallen.

So habe ich angefangen, meine Meinung zu ändern“, erinnert sich Ditta. Vor vier Jahren war sie die perfekte Kandidatin für einen Kaiserschnitt:  Sie hatte Angst vor Krankenhäusern und Ärzten, eine richtige Phobie vor Nadeln und der Gedanke an die Schmerzen verursachte ihr große Panik. Durch die Bücher, die sie las, um sich zu beruhigen, wurde sie auf Hypno-Birthing neugierig. So neugierig, dass sie einen Kurs in der Schweiz absolvierte. Der Kurs hat ihr so gut gefallen, dass sie das erworbene Wissen unbedingt auch an andere Frauen weitergeben wollte. So wurde sie zur autorisierten Trainerin. „Meine Angst ist komplett verschwunden und ich habe verstanden, was bei einer Geburt passiert.“ Später ließ sie sich auch als Doula ausbilden.

Das ist eine Frau, die einer werdenden Mutter vor, während und nach der Geburt als emotionale und psychische Begleiterin zur Seite steht. Ditta Depner schöpfte so großen Mut, dass sie es wagte, zwei Mal zu Hause zu entbinden. Nicht alleine, sondern mit der professionellen Hilfe eines Frauenarztes. Trotzdem will sie die Geburt im eigenen Wohnzimmer anderen Müttern nicht empfehlen: „Eine Geburt zu Hause ist riskant. Man muss sich dort in totaler Sicherheit fühlen. Wer auch nur den kleinsten Zweifel hat, sollte lieber ins Krankenhaus gehen.“

Erinnerungen an die Zeit im Mutterleib

Die meisten Frauen wünschen sich Kinder, aber wenn es dann so weit kommt, geraten sie in Panik. Jeder neue Begriff, den sie hören, jedes aufgefangene Gerücht geben sie in Google ein und richten sich oft nach Informationen aus dem Internet. „Im Netz stehen viele falsche Dinge. Zum Beispiel, dass Kinder kleine Erpresser sind. Das ist nicht wahr. Ebenfalls kann man im Internet lauter Horror-Geschichten von misslungenen Geburten lesen. Das wirkt sich schlecht aus auf die Psyche. Die Angst vor der Geburt steigert sich und kann als Trauma empfunden werden.“ 

Depner meint, dass die Ursache unserer Ängste sehr tief in uns selbst liegt, und zwar müssen wir, um sie zu identifizieren, bis vor den Zeitpunkt unserer Geburt gehen. „Schon bei unserer Geburt wird unsere Psyche mit Stress geprägt. Wir alle haben damals Traumen erlebt, obwohl wir uns nicht konkret daran erinnern können. Diese werden später, als Erwachsene, unser Verhalten beeinflussen“, sagt Depner.

Die Angst vor Veränderungen, die sehr viele Menschen verspüren, kann auch auf den Zeitpunkt unserer Geburt zurückgeführt werden. „Es gibt Situationen, da bleibt man von heute auf morgen ohne Job und ist verzweifelt, bekommt Panik-Attacken oder Depressionen. Man denkt  ‚Warum passiert es gerade mir?‘ Und dann findet man einen viel besseren Job und alles wendet sich zum Guten. Woher kommt aber diese Angst? Das erste Mal, als wir uns mit Veränderungen konfrontiert sahen, war bei unserer Geburt. Aus einem schützenden Medium, dem Mutterleib, kamen wir hinaus in eine unbekannte Welt und wurden gleich danach von unserer Mutter getrennt. Der erste Kontakt mit der Welt war also brutal“, sagt Depner.

Ihrer Meinung nach können wir uns an alles erinnern, sogar an die Zeit vor der Geburt. Hier liegen die Antworten auf unsere Fragen. „Eine meiner Kursantinnen hatte große Panik vor der Geburt. Die Hypnose hat ihr geholfen, die Ursache dieser Panik zu entdecken: als ihre Mutter im fünften Monat schwanger war, wurde sie von ihrem Vater verlassen. Der Stress der Mutter hat sich zu der Zeit auch auf das noch ungeborene Kind ausgewirkt. Erst nachdem sie der Ursache ihrer Ängste auf die Spur gekommen war, konnte sie dieses Gefühl verarbeiten.“

Der umstrittene Kaiserschnitt

Angst kann auch der Grund sein, weshalb immer mehr werdende Mütter einen Kaiserschnitt bevorzugen. In Rumänien kommt zurzeit ein Drittel aller Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Nur wenige Frauen erleben eine Geburt ohne medizinische Eingriffe. „Leider ist der Kaiserschnitt, einst eine Notoperation, heutzutage zur Mode geworden. Es kommt oft vor, dass Ärzte diese einfache Operation bevorzugen, die nur eine halbe Stunde dauert, statt geduldig bei einer natürlichen Geburt zu assistieren. Kinder kommen in Krankenhäusern zur Welt wie auf dem Fließband“. Ditta Depner ist der Meinung, dass die Geburt heutzutage zu stark medikalisiert wird. Jungen Frauen, die aus Angst vor Schmerzen einen Kaiserschnitt planen, empfehlt sie das Buch „Generation Kaiserschnitt“ des französischen Arztes Michel Odent (rumänisch „Cezariana“, erschienen 2009 bei Elena Francisc Publishing). „Das Kind durchlebt einige Sachen nicht, die bei einer natürlichen Entbindung passieren. Die Frauen sollten dieses Buch lesen und sich informieren“, meint Depner. 

Die magische Stunde

Die erste Stunde nach der Geburt ist für das Kind sehr wichtig. Das Neugeborene erkennt die Herztöne, den Geruch und die Stimme seiner Mutter und erhält durch den Haut-an-Haut-Kontakt Wärme und Geborgenheit, die es dringend braucht. „In vielen Krankenhäusern funktioniert es so: Gleich nach der Geburt werden die Kinder von der Mutter getrennt und in ein Bett gesteckt, wo sie stundenlang weinen. Die Verbindung zur Mutter wird getrennt. Die erste Veränderung in ihrem Leben war also traumatisch, es war eine schlimme Erfahrung, die das Kind geprägt hat“, meint Ditta Depner. Warum sollen Kinder nicht schön auf die Welt kommen? Warum sollen ihre ersten Stunden auf Erden nicht schön gestaltet werden? Warum wird man bei der Ankunft in dieser Welt auf solch brutale Weise empfangen? Das waren die Fragen, mit denen sich die junge Mutter in den letzten Jahren beschäftigt hat. Jetzt setzt sie sich dafür ein, dass die „magische Stunde“, der Kontakt des Säuglings mit seiner Mutter direkt nach der Geburt, in so vielen Krankenhäusern wie möglich in Rumänien eingeführt  wird. Bisher hat sie dies in zwei Krankenhäusern geschafft.

Wärme statt Disney-Figuren an der Wand

Das kleine Kind braucht die Nähe der Mutter. Deshalb empfiehlt Dita Deppner den Eltern, so lange wie möglich mit ihrem Baby im selben Bett zu schlafen. „Vögel schicken ihre Jungen auch nicht in ein anderes Nest.“ Studien haben gezeigt, dass Babys, die das Bett mit ihren Eltern teilen, länger gestillt werden, dabei aber den Schlaf der Mutter weniger stören und weniger weinen als solche, die alleine schlafen. „Das Kind braucht die Mutter. Es braucht kein modernes Zimmer mit Disney-Zeichnungen auf den Wänden, sondern Nähe und Geborgenheit. Es sollte neben der Mutter schlafen, solange es die Mutter braucht. Sobald es alleine zurecht kommen kann und die Mutter nicht mehr benötigt, wird man es merken.“

Ditta Depners Hypno-Birthing Kurse werden regelmäßig einmal pro Monat organisiert. Ein Kurs dauert vier Tage und findet immer an Wochenenden statt. Zukünftige Väter können kostenlos teilnehmen.  An einem Kurs nehmen normalerweise bis zu zehn Paaren teil.  „Männer sind bei so etwas eher skeptisch. Trotzdem habe ich von ihnen das beste Feedback bekommen.“ Erfreulich ist, meint die Kronstädterin, dass immer mehr werdende Mütter ihre Kurse besuchen wollen. Die junge Mutter hat ihre beiden Kinder nie geimpft, ist gegen Ultraschall während der Schwangerschaft und schwört auf Homöopathie. Sie empfiehlt gar nichts, sondern will werdenden Müttern nur zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.

Sie hat mit eigener Haut erlebt, dass  Angst und Spannung vor der Geburt durch Vertrauen, Ruhe und Wohlbefinden ersetzt werden können. Und sie will, dass es andere Frauen auch erfahren. „Wenn du etwas Gutes entdeckst, willst du es auch an andere weitergeben.“ Obwohl Ärzte eher skeptisch auf ihre Projekte reagieren, hat Ditta Depner es geschafft, in einer Kronstädter Privatklinik zusammen mit einem Frauenarzt das Programm „Leichte Geburt“/Naştere uşoară einzuführen. Die Schritte sind klein, die Genugtuung dafür groß.  Jedes auf sanfte Weise geborene Kind ist für Ditta ein Triumph. Es ist ein neues Leben, das schön beginnt.

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