Wieder sein, was es einmal war

Gespräch mit Cristinel Paltin, Bürgermeister der Gemeinde Schirkanyen

Donnerstag, 07. November 2013

Bürgermeister Cristinel Paltin Foto: Dieter Drotleff

Bei den Lokalwahlen des letzten Jahres wurde Cristinel Paltin ein drittes Mal zum Bürgermeister der Gemeinde Schirkanyen gewählt. Diese befindet sich zwar im Fogarascher Gebiet, ist jedoch auch am äußersten Rand des Burzenlandes gelegen, dem sie geschichtlich gesehen angehört. Mit Paltin, einem studierten Landwirt im Bereich Tierzucht, hatten wir bereits einmal ein ausführliches Gespräch geführt. Dabei war es um den wirtschaftlichen und sozialen Stand der Ortschaft, aber auch um die Probleme ihrer Bewohner gegangen.


Wenn  wir heute über die Gemeinde Schirkanyen/Şercaia sprechen, der Sie, als Bürgermeister, vorstehen – wie würden Sie diese dann beschreiben?

Über die Gemeinde gäbe es sehr viel zu sagen. Unser Bestreben ist, dass Schirkanyen wieder zu dem wird, was es einmal war. Stellen wir uns diesbezüglich aber einer ehrlichen Analyse, so müssen wir zugeben, dass die Ortschaft früher von viel größerer Bedeutung war, als sie es heute ist. Dabei beziehe ich mich auf die Zeiten, in der die Gemeinde noch sächsisch geprägt war.

Damals hatte es mehrere wichtige Institutionen im Gebiet gegeben, und vor allem herrschte Ordnung. Zwar meinen wir heute, mehr zu wissen –  früher aber gab es Regeln, die von den Gemeindebewohnern eingehalten wurden, auch wenn sie nicht schriftlich festgehalten waren. Wir versprechen unseren Wählern in den Wahlkampagnen einen höheren Wohlstand, doch das ist schwer umzusetzen, weil oft die Voraussetzungen nicht gegeben sind und vieles auch nicht von uns abhängt. Ich möchte, dass sich alle Gemeindebewohner bei uns wohl und sicher fühlen. Wobei wir aus vergangenen Traditionen und Sitten die Dinge übernehmen sollten, die auch heute noch von Relevanz sind.

Vor zwei Jahren fand die letzte Volkszählung statt. Wie viele Bewohner zählt die Ortschaft heute?

Zu Schirkanyen gehören verwaltungsgemäß noch zwei Dörfer, nämlich Vad und Halmagen/Hălmeag. Die drei Ortschaften umfassen zusammen insgesamt 2900 Bewohner. Die Mehrheitsbevölkerung sind Rumänen. Leider sind nur noch ganz wenige Sachsen vor Ort, und diese gehören meist der älteren Generation an. Nicht nur unsere Gemeinde hat durch die Auswanderung der Sachsen etwas verloren, sondern das ganze Land. Hinterlassen haben sie uns die evangelische Kirche als Baudenkmal. Leider haben wir bisher nicht die Gelder auftreiben können, um diese zu konservieren und zu restaurieren. Denn egal, welcher Konfession ein Gotteshaus angehört – es ist ein Teil der Gemeinde und muss dementsprechend instand gehalten werden. Auch wenn es uns die bestehende Gesetzgebung wegen der Eigentumsverhältnisse nicht erlaubt, zu intervenieren. Doch mit dem Einvernehmen des Eigentümers, in diesem Fall der Evangelischen Kirche A.B., von Pfarrer Dr. Johannes Klein, könnte sich der Gemeinderat für ein solches Projekt einsetzen.

Unterhält die Gemeinde Beziehungen zur Heimatortsgemeinschaft Schirkanyen in Deutschland, die übrigens im August l.J. ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert hat und deren Vorsitzende Jürgen Foith und Krimhild Bonfert sind?     

Leider haben wir keinen Kontakt dorthin. Es würde mich aber freuen, wenn Vertreter der HOG nach Rumänien kämen und Kontakt mit mir aufnehmen würden. Ich versichere, in diesem Fall alle anderen Tätigkeiten aufzuschieben, um mit ihnen Gespräche zu führen und auch zukünftige Kontakte aufzubauen. In diesem Kontext möchte ich auch betonen, dass die Rückgabeprobleme bis auf wenige Ausnahmen gelöst werden konnten. Ein Problem besteht jedoch noch, und zwar das des sächsischen Schulgebäudes, das ebenfalls Eigentum der Kirche ist. Dieses wird auch zurückerstattet werden.

Wenn der Eigentümer Verständnis zeigt und wenn wir das Gebäude gegen einen Vertrag und eine moderate Miete weiterhin als Schulgebäude nutzen dürften, würden wir es auch instand halten. Sollte es aber zum Kauf angeboten werden, so hätte die Gemeinde nicht das Geld, um es rechtmäßig zu erwerben. Gegenwärtig dient das Gebäude seinem ursprünglichen Zweck. Zwar wird dort kein Deutsch mehr unterrichtet, doch es würde mich freuen, wieder Deutschunterricht einzuführen – wenn auch nur als Fremdsprache. Im Schulhof haben wir eine After-School eingerichtet. Für dieses Projekt mussten wir einige Voraussetzungen erfüllen und haben eine europäische Finanzierung von 2,5 Millionen Euro erhalten. Somit können wir noch einiges für die Gemeinde tun.

Wie steht es um das gegenwärtige Wirtschaftspotential der Gemeinde?

Das ist vielversprechend, muss ich sagen. Ehemalige Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe aus der Zeit der Diktatur bestehen heute in anderer, privatisierter Form. Zu der ehemaligen Schweinezucht ist noch ein Schlachthaus hinzu gekommen. Das Geflügelkombinat soll wieder seiner Bestimmung zugeführt werden. Außerdem gibt es eine Büffelzucht, die der Rumänischen Akademie für Landwirtschaft angehört. Ausländische Investitionen kamen ebenfalls hinzu. Niederländische Unternehmer haben eine Nerz-Farm aufgebaut – eine Investition von über zwölf Millionen Euro.

Dies ist die vierte Niederlassung der Firma nach Filialen in den USA, Litauen und Polen. Hier sind 30 Arbeitsplätze geschaffen worden. Die Gemeinde hat die Investition unterstützt und auch einen separaten Zufahrtsweg gesichert. Noch zwei Projekte im Bereich Milch- bzw. Fischverarbeitung sind in Planung, die ebenfalls eine europäische Finanzierung erhalten werden. Wir haben hier die erforderlichen Bauflächen zur Verfügung gestellt. Nicht zu vergessen das Rehabilitationszentrum Canaan für behinderte Kinder. Auch dort sind mehrere Arbeitsplätze geschaffen worden.    

Wie steht es um die Bodenrückgabe und die Aushändigung der Eigentumstitel?

Diesbezüglich gibt es einige nur schwer zu lösende Probleme, obwohl wir auch in diesem Bereich nicht schlecht dastehen. Bekanntlich wurden die Sachsen 1945 enteignet und ihr Besitz an rumänische Bürger verteilt. So kam es nach der Wende von 1989 zu der Situation, dass zwei Eigentümer die gleiche Fläche für sich beanspruchten. Wir müssten noch 600 ha Fläche mehr haben, um allen Forderungen gerecht werden zu können. Zudem mussten in den Jahren des Kommunismus auch Bauflächen für neue Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Zum Großteil konnten wir diese Probleme nun lösen, und auch die Antragsteller haben Verständnis gezeigt. Im Gebiet der Gemeinde müssen wir gegenwärtig nur noch zehn Prozent der Eigentumstitel aushändigen. Ich hoffe, in einem Jahr auch diesen Vorgang abgeschlossen zu haben. Die Gemeinde konnte wieder in Besitz von Bodenflächen gelangen, die wir vor der Wende an andere Ortschaften aus dem Umfeld abtreten mussten – auch aus dem Bestand der Staatsdomäne. Einige Bodenbesitzer bearbeiten ihre Grundstücke individuell, andere haben sie verpachtet oder sich als Verein zusammengeschlossen.

Spricht man von Schirkanyen, so denkt man unwillkürlich auch an die Narzissenwiese als Naturreservat. Wie steht es gegenwärtig um diese?

Die Narzissenwiese steht unter Naturschutz. Wir betrachten sie als Naturdenkmal, und möchten dies auch weiterhin tun. Leider wurden diesbezüglich einige kaum wieder gutzumachende Fehler begangen. Beispielsweise gibt es laut Natura 2000 den Beschluss, dass man in Naturschutzgebiete nicht eingreifen darf. Das ist zwar in vielen anderen Situationen sinnvoll, jedoch nicht hier, denn die Narzissen konnten auf von Unkraut, wild wachsenden Bäumen und Sträuchern überwucherten Flächen nicht gedeihen. Zudem wurde ein tiefer Graben um die Wiese herum ausgehoben, mit der Absicht, Eindringlingen den Zutritt zu erschweren. Auch hier wurde das Gegenteil erzielt, da so der Boden entwässert wurde. Und die Narzissen benötigen besonders dringend Feuchtigkeit.

Diese Lage war nach 1990 entstanden, weil das Reservat nicht mehr entsprechend umsorgt wurde und keine Schutzmaßnahmen mehr bestanden. Nun gibt es einen Regierungsbeschluss, laut dem diese Reservate wieder hergestellt werden sollen. Doch dafür muss man Eigentümer der gesamten Fläche sein. Was wiederum nicht zutrifft, da nur sieben Hektar in Gemeindebesitz sind. Für die restliche Fläche gibt es Anträge für die Zurückerstattung an die ehemaligen Eigentümer. Auf unseren sieben Hektaren aber wollen wir den Beweis erbringen, dass die Narzissenwiese weiter bestehen kann. Und das bis zum nächsten Jahr, in dem das Projekt abgeschlossen werden muss.

Auch was die Kultur betrifft, blickt Schirkanyen auf eine reiche Tradition zurück. Wird sie fortgeführt?

Leider kaum. Es gibt ein bekanntes Sprichwort: Der Mensch heiligt die Stelle. Diesen Menschen haben wir aber leider bisher nicht auskundschaften können. Es gibt in der Schule Ansätze einer Lehrerin, die ihre Schüler dazu heranziehen möchte. Doch dabei ist es dann auch geblieben. In der Gemeinde gibt es gegenwärtig keine Folklore- oder Kulturgruppen, die bei Festen auftreten oder die Gemeinde auswärts vertreten könnten. Somit sind wir auf geladene Gäste angewiesen, die wir natürlich bezahlen müssen.

Und noch eine Frage zum Schluss: Wie ist es um die Infrastruktur der Gemeinde bestellt?

Wir konnten Erdgas, Trinkwasserleitungen und eine Kanalisation einführen, was eine besondere Leistung für die Modernisierung der Gemeinde bedeutet.  Für Halmagen haben wir bereits eine Finanzierung erhalten. Für Vad steht vorläufig nur das Projekt. Was die Straßen betrifft, stehen wir auch nicht so schlecht da. Einschließlich derer in Halmagen sind die Straßen zu 90 Prozent asphaltiert worden. Für diese Modernisierung haben wir 2,5 Millionen Euro aus europäischen Mitteln erhalten, wie ich schon betonte. Dennoch muss die Gemeinde weitere 1,4 Millionen Euro dazu beitragen, was für eine Ortschaft unserer Größe und unseres wirtschaftlichen Potenzials enorm viel ist. Doch wir werden auch vom Kronstädter Kreisrat bei der Finanzierung verschiedener Projekte unterstützt.

Vielen Dank für Ihre Ausführungen.

Das Gespräch führte Dieter Drotleff

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