Wilde Pferde und schwimmende Inseln

Bootsausflug von Murighiol ins Donaudelta

Freitag, 17. Juni 2011

Seerosen, so weit das Auge reicht. Fotos: George Dumitriu

Vögel schrecken aus dem Dickicht auf, als das Boot leise den Kanal entlanggleitet

Ukrainer Condrat kennt das Delta wie seine Westentasche

Verwilderte Pferde behaupten sich seit Generationen im Delta

Auf der schmalen, gut asphaltierten Landstraße fliegen wir förmlich über die saftiggrünen Hügel. In der Dobrudscha gibt es keine brachliegenden Äcker, die Straße ist daher gesäumt von  sanft wogenden Kornfeldern, die bis zum Horizont mit leuchtendroten Mohnblumen übersät sind.

Hinter Tulcea meint man, bereits das Meer zu riechen! Da und dort ragt eine durchlöcherte Sandwand auf, schillernde Bienenfresser fliegen vor den Nisthöhlen emsig ein und aus. Alle paar Kilometer steht ein Mann am Straßenrand und breitet seine Arme aus. Was hat das zu bedeuten? Er demonstriert die Größe des Fisches, den er den Vorbeifahrenden verkaufen möchte! Unser Ziel heißt Murighiol, einst stolzer Sitz der Daker und Römer. Heute fungiert der Fischerort neben Tulcea, Mahmudia und Cri{an als Ausgangspunkt für Bootsausflüge ins Donaudelta.

Das Delta an einem Wochenende zu erkunden, scheint ein hahnebüchernes Unterfangen, doch Fotograf George Dumitriu braucht Eindrücke für einen Bildband. Auf ihn wartet das größte Naturschutzgebiet Europas, das zum Weltnaturerbe der UNESCO zählt. Es erstreckt sich über 5000 Kilometer, beherbergt über 4000 Tier- und mehr als 1000 Pflanzenarten, ist Europas gewaltigstes Feuchtbiotop und das größte Schilfrohrgebiet der Erde. Eine gewaltige Herausforderung für den Fotografen, der sich vorgenommen hat, diese Gigantomanie in seinem Buch zu reflektieren.

Fischerdorf Murighiol

Das Delta fotografiert man bei Sonnenaufgang oder am frühen Abend, denn tagsüber verstecken sich die Vögel vor der Hitze im Dickicht. Den Tag kann man am violetten See verbummeln, der dem Fischerdorf seinen Namen gab  - Murighiol kommt von „mure”, auf türkisch violett - oder sich in der „Saratura”, einer von salzigen Quellen gespeisten Tümpellandschaft, im schwarzen Heilschlamm suhlen.

Beim Spaziergang durch unasphaltierte Dorfstraßen begegnet einem vielleicht ein Esel, ein Fischer - oder ein amerikanischer Archäologe, denn die Ausgrabungsstätte neben der nahen Römerfestung Halmiris zieht Experten aus aller Welt an. Da und dort sieht man die typischen Reetdächer, die sich erneuter Beliebtheit erfreuen. Vor der orthodoxen Kirche, die aus dem überschwemmten Uzlina nach Murighiol versetzt wurde, wogt ein Meer an duftenden Pfingstrosen. Der Pfarrer bindet mit Strohhut auf dem Kopf die üppigen Weinstöcke hoch. Einziges Ärgernis des Tages: alle Fischer hocken beschwipst in der Kneipe und niemand kann uns hier einen Fisch verkaufen. Zu Mittag gibt es also Kartoffeln.

Festung Halmiris und Märtyrerkrypta

In Murighiol befand sich im sechsten Jahrhundert v. Chr. eine Siedlung der Daker, die Salz abbauten. Etwa 300 Jahre n. Chr. errichteten die Römer die Festung Halmiris, die bis zum 7. Jahrhundert in Gebrauch war. Hier gräbt der Archäologe Mihai Zahariade seit 1981 und entdeckte eine Sensation: die älteste Märtyrerkrypta der Dobrudscha, mit den sterblichen Überresten der Heiligen Astion und Epictet, die sich um 300 n. Chr. hier versteckt hielten. Bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung wirkten sie als Wunderheiler und christianisierten über 1000 Menschen in der Region. Das Innere der bunt bemalten Krypta kann man vorerst noch nicht bestaunen, da die archäologischen Arbeiten noch andauern.

Mit dem Motorboot in die grüne Hölle

Um fünf Uhr geht es dann endlich in Richtung Bootsanlegestelle. Der Ukrainer Condrat, seit 30 Jahren Fremdenführer im Delta, füllt fröhlich pfeifend den Tank des einfachen Motorbootes. Eine Stunde kostet 70 Lei, wir sind die einzigen Touristen an einem Freitag und somit Herren der Route. Trotz hochsommerlicher Temperaturen bewähren sich die Kapuzenanoraks gegen Wind und Mückenplage, die sich Ende Mai jedoch noch in Grenzen hält. Dann tuckert das kleine Gefährt in Richtung Uzlina, dem ehemaligen Fischerdorf, das in den 70-er Jahren von der Überschwemmung zerstört wurde. Heute reihen sich Pensionen mit schmucken Schilfdächern und Hotelboote am Ufer aneinander (www.pensiunideltadunarii.ro).

Condrat erzählt aus seiner Kindheit: Wie er mit den Buben aus Murighiol mit dem Ruderboot nach Uzlina fuhr, um mit der dortigen Mannschaft Fußball zu spielen. Als die Schweine und Kühe noch frei durchs Delta liefen und sich von Wassernüssen und Binsenwurzeln ernährten. Sogar im Winter blieben die Nutztiere draußen, als Erkennungszeichen schnitt man ihnen Kerben ins Ohr. Nur zum Schlachten oder zum Aufpäppeln eines kränkelnden Tieres holte man es nach Hause. Nur selten wurde Vieh gestohlen - erst in den 80er Jahren verbreiteten sich Wilderer und machten die Freihaltung unmöglich.

Wie auf Kommando brechen aus dem Uferdickicht drei Stuten mit rehbraunen Fohlen hervor. Verwilderte Pferde, erklärt Condrat, die sich hier seit Generationen eigenständig behaupten. Zum Reiten oder Arbeiten taugen sie nicht - nur an ihrem Fleisch kann man sich noch bereichern, fügt er bitter hinzu, mit Verweis auf den Wildpferdeskandal aus dem Letea Wald. Dann gibt er Gas und wir brausen den Sankt Gheorghe Arm entlang, den Fahrtwind in den Haaren.

Bevor es in die kleinen Kanäle geht, queren wir einen riesigen See. Schlingpflanzen wickeln sich um die Rotorblätter, die immer wieder mit  kurzen Rückwärtsmanövern entfernt werden müssen. Wir sind umgeben von Schilfinseln und Seerosenteppichen, so weit das Auge reicht. Zwischen den tellergroßen Blättern ragen unzählige Augenpaare aus der Wasseroberfläche: die Frösche nehmen ein spätes Sonnenbad, während sich die Köpfe der gelben Blüten langsam zur Nachtruhe schließen. Ein Krauskopfpelikan steht auf einer schwimmenden Insel und blickt gelassen herüber. Als wir näher kommen, wirft er sich stolz in Pose. Der eitle Kerl gibt ein großartiges Titelphoto ab!

Dann biegt das Boot in einen der kleinen Kanäle. Hier schimmert das Wasser dunkelgrün, die Luft ist dampfig und es tropft pittoresk von den Weiden, deren Äste über die Wasseroberfläche hängen. Zwischen knorrigen Bäumen am Ufer leuchten Farne in zartem Grün, gelbe Iris und blühende Kräuter. Blütenweiße Ibisse, Graureiher und Löffler schrecken aus dem Dickicht hoch und flattern vor uns der Wasseroberfläche entlang, bis sie sich in der Dunkelheit am Ende des Kanals verlieren. Der Dschungel lebt! Sogar einen Eisvogel bekommen wir zu Gesicht – und viele, deren Namen wir nicht kennen. Eine zauberhafte, mystische Welt.

Das Boot gleitet durch den Tropfenregen und Condrat erhascht einen Zweig, den er abbricht und uns nach vorne reicht. Zwischen den Blättern klebt weißer Schaum, der aussieht wie Spucke. In der Mitte räkelt sich eine fette, schwarze Larve. Iiih - Pferdebremsen! Mit Entsetzen lassen wir uns aufklären, dass nicht der Tau von den Weiden tropft, sondern das Sekret dieser abertausenden, ekligen Bremsenlarven. Nicht auszudenken, in welches Inferno sich der Kanal in Kürze verwandeln wird. Schnell, das Käppi auf den Kopf!

Schwimmende und verankerte Inseln

Wir nähern uns einigen Fischerhütten, legen an und gehen ans Ufer. Unser Führer zeigt im Schatten des Waldes auf eine Grube mit einem verfallenen Holzgerüst. Hier lagerten die Fischer früher Eis aus dem Winter, das mit Schilf abgedeckt den ganzen Sommer über hielt und für die Kühlung der Fischtransporte verwendet wurde.

Auch Landwirtschaft wurde einst betrieben, wobei man zur Bewässerung kleine Kanäle anlegte. Hierfür wurden im Herbst Kühe entlang eines Pfades über die Insel getrieben, um die Vegetation dort niederzutrampeln und den weichen Boden zu vertiefen. An beiden Ende des Pfades grub man dann vom Wasser aus zehn Meter ins Festland hinein. Den Rest erledigte die Natur innerhalb eines Winters.

Ein typisches Phänomen im Donaudelta sind die schwimmenden Inseln, auch Plaur genannt. Die in allen Größen vorkommenden Gebilde bestehen aus ineinander verflochtenen Rhizomen von Schilf und Binsen, die sich vom Boden abgelöst haben und nun wie ein Floß über die Wasseroberfläche gleiten. Bei Überschwemmung bieten sie Wildschweinen, Luchsen, Marderhunden, Füchsen, Bisamratten und anderen Tieren rettenden Lebensraum. Der Großvater von Condrat überlebte einst Tage auf einer solchen Insel, wo er sich von Binsenwurzeln und Wassernüssen ernährte. Daneben gibt es fest am Boden verankerte Inseln, die im Falle von Hochwasser überflutet werden. Auf einem Plaur wachsen auch Farne, Minze, Zwergweiden und Kletterpflanzen, oder wilder Hanf, aus dem die Fischer früher Hemden machten. In diesem Milieu entwickeln sich gerne Kolonien von Pelikanen.

Auf der Rückfahrt läßt Condrat eine Pulle Hauswein kreisen, schmettert ein ukrainisches Fischerlied und berichtet von den Zeiten, als die Fischer am Abend gemeinsam in einem 500 Liter Topf Fischsuppe kochten, aßen und sangen. Von dem Franzosen, der nach 30 Jahren wieder kam und ihn noch erkannte. Von der Touristengruppe, die überhaupt kein Interesse an seinen Ausführungen zu haben schien, bis eine Frau ihn fragte: „Wo ist denn nun endlich das Delta?”

Das Delta ist so groß, so weit und so vielfältig, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Wir haben es eingesogen und eingefangen auf dieser kurzen Reise, im Knipskasten -  aber vor allem im Herzen.

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