Wildschweingemetzel, zur Abwechslung im Banater Bergland

Ion Ţiriac hat diesmal in die Gemeinde Vermeş eingeladen

Samstag, 16. Dezember 2017

Früher als in anderen Jahren und diesmal ins Südbanat, doch unter gleichbleibenden Geheimhaltungsvorkehrungen – der Milliardär nennt es „Diskretion“ – hat in diesem Jahr Ion Ţiriac, die Nummer eins der Forbes-Liste der reichsten Rumänen, zum Wildschweingemetzel die crčme de la crčme des europäischen Unternehmertums und der Hochfinanz eingeladen. Von „Wildschweinjagd“ oder „-Hatz“ kann nicht gesprochen werden, sobald es bloß darum ging, den hochgestellten Jägern die Tiere aus einem 704 Hektar großen, vorwiegend mit Eichenwald bewachsenen und eingezäunten Areal vor die Flintenläufe zu treiben, wobei die einzige Chance der Wildschweine in Fehlschüssen oder der Nachsicht der „Jäger“ bestand.

Wer die einzelnen Jäger waren und wie viele Wildschweine sie in den vier Stunden der „Jagdpartie“ niedergemetzelt haben, das war zunächst nicht zu erfahren. Auch waren bis zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags keinerlei Fotos von der Jagdpartie an die Öffentlichkeit gelangt. Anscheinend hat sich diesmal, zum Unterschied zur nordwestrumänischen Jagddomäne Balc, Ion Ţiriac die „Diskretion“ aller Institutionen, die er wegen des Ereignisses einbinden musste – Polizei, Zoll, Direktion für Tiergesundheit, Ministerium für Forste und Gewässer und wer weiß noch wer sonst – aber auch der Treiber, die aus der Gemeinde Vermeş und dem eingemeindeten Iersig (nach dem der Jagdwald benannt ist, der früher königliche Jagddomäne war) rekrutiert wurden, gesichert.

Vier Meter hohe Zäune und nur wenige, gut bewachte, in der Regel versperrte Zugangstore gibt es rund um die ehemals von der staatlichen Forstverwaltung Romsilva betreute, heute grundrenovierte Jagdvilla „Garniţa“ im Wald von Vermeş und dem eingemeindeten Iersig. Zur kommunistischen Zeit und knapp nach der Wende war „Garniţa“ einer der diskretesten Luxusverstecke für Orgien der alten und neuen regionalen Potentaten.

Bis Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends der umtriebige Paul Lambrino, bekannt auch als (Möchtegern-) Prinz Paul de Romania (und als solcher ein Thronanwärter Rumäniens) sich „irgendwie“ die ehemalige königliche Jagddomäne unter den Nagel riss, die er dann vor zwei, drei Jahren, unter höchster Diskretion, an Ion Ţiriac weiterverkaufte. Der Ex-Tennisspieler und (gemeinsam mit seinem Kronstädter Landsmann Günther Bosch) Boris-Becker-Entdecker hatte zu jenem Zeitpunkt schon seit Längerem eine Alternative zu seiner Jagddomäne Balc bei Großwardein gesucht, um dann mit Paul Lambrino einig zu werden, der offensichtlich seinen aufgrund von Prozessen frisch erworbenen Besitz so rasch wie möglich versilbern wollte.

Ţiriac stellte umgehend Leute aus Iersig und Vermeş an, die erst mal seine neue Jagddomäne einzäunten und die Jagdvilla renovierten. Rundherum, außerhalb des Umfriedungszauns, wurden die hundertjährigen Eichen und Buchen in einer gewissen Entfernung vom Zaun gefällt, sodass auch von der unfern vorbeiführenden Nationalstraße Bokschan-Busiasch der Zaun gut sichtbar ist. „Überraschenderweise“ sind auch an der Nationalstraße – seit über 25 Jahren ein Wunschobjekt zur Asphaltierung – plötzlich in diesem Spätherbst Asphaltierungsarbeiten durchgeführt worden, allerdings nur aus Richtung Verwaltungskreis Temesch (Busiasch – wo Ţiriac seine hohen Gäste übernachten ließ...) und bis in den Wald, durch den die Nationalstraße führt, nicht aber bis zur Anschlussstraße bei Berzovia (noch rund 5 km), wohin die Nationalstraße weiterhin genauso löchrig und unbefahrbar ist wie eh und je – so zumindest berichten Bewohner von Vermeş.

Auf seiner Jagddomäne hält Ţiriac neuerdings auch Schaufel- und Karpatenhirsche, vor allem aber Wildschweine – die es hier schon immer gab und die sich zur Ceauşescu-Zeit zu einer wahren Landplage entwickelt hatten, weil sie niemand jagen durfte, ausgenommen der „Erste Jäger des Landes“. Während der ersten Jagdpartie, die am Freitag vergangener Woche zwischen 8 und 12 Uhr stattfand, sollen „schätzungsweise“ 100 bis 120 Wildschweine erlegt worden sein.

Das weiß man, weil die Jagdveranstalter von der Kreisdirektion für Veterinärsicherheit und Tiergesundheit DSV zur Fleischuntersuchung vier Tierärzte angefordert hatten (sie sollten eventuelle Verseuchungen mit Trichinen, Erkrankungen an der klassischen oder der afrikanischen Schweinepest im erlegten Wild identifizieren) und weil sie diese Abschusszahl auch bei der Polizei und beim Zoll angaben, der die mit Privatflugzeugen auf dem Temeswarer Flughafen „Traian Vuia“ gelandeten Mitglieder der Jagdgesellschaft abfertigte. Auch waren aus Vermeş und Iersig zehn Treiber angeheuert worden. Das Fleisch der 100-120 erlegten Wildschweine sollte teilweise an die Treiber verteilt werden, gelangte aber zum größten Teil in Sozialeinrichtungen des Banater Berglands.

Gegen das „Massaker von Iersig“ protestierte eine einzige Tierschutzvereinigung, die „Bewegung Gerechtigkeit für Tiere“/Mişcarea Dreptate pentru Animale. „Die Jagd ist kein Sport“, betitelten die Tierschützer ihre Protestnote und forderten ein „Stopp des Massakers an den Tieren Rumäniens“.

Die Vertreter des Ministeriums für Gewässer und Forste bestätigten vorerst, dass Ţiriacs Jagddomäne Iersig alle gesetzlich vorgeschriebenen Genehmigungen zu seinem Betreiben eingeholt hat. „Hinsichtlich der Jagd, so lange diese innerhalb der Einzäunung der Jagddomäne abgewickelt wird, benötigt sie weder eine Abschussquote noch eine Jagdgenehmigung. Der Verwalter der Jagddomäne hat das Alleinentscheidungsrecht über das Wild, das er auf dem eingezäunten und mit rechtlicher Gültigkeit deklarierten Areal hegt. Praktisch ist eine solche Jagddomäne einer Tierzuchtfarm gleichzusetzen, nur dass hier keine Haustiere sondern Wildtiere gehalten werden: Wildschweine, Schaufelhirsche, Karpatenhirsche. Aus diesem Grund können die Tiere, die auf dieser Domäne leben, sie auch nicht verlassen, etwa in Richtung anderer Jagddomänen, sodass hier der Domänenverwalter entscheidet, wie viele Tiere er rettet und wie viele er vor die Flintenläufe lässt.“

Die Waffen der 15-20 Mitglieder der Jagdgesellschaft sind vor der Jagd bei einem Lugoscher Waffenschmied zur Pflege und Prüfung gewesen, derselbe, der sie nach der Jagdpartie übers Wochenende zum Reinigen übernahm. Zur Jagd hatte die Verwaltung der Jagddomäne Iersig auch zwei Krankenwagen aus Reschitza, zusammen mit einer Besatzung mit Ärzten aus dem Begleitteam von Ion Ţiriac, zum Bereitschaftsdienst bestellt.

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 20.12 2017, 11:21
Das Ganze hat nichts mit der Jagd zu tun. Den Teilnehmern fehlen jegliche Erfahrungen im Jagen, ein- oder zweimal im Jahr auf eine Gesellschaftsjagd hilft da nicht und hat zur Folge, dass es jede Menge krankgeschossenes Wild gibt. Im Gatter zu jagen ist das gleiche, als wenn man sich mit der Büchse vor einen Kaninchenstall setzt, hier zählt nur der zweifelhafte Jagderfolg. Auch in Rumänien gilt: Mit Geld kann man sich alles erlauben.

Noch etwas zu Info. Es muss Büchsenläufe heißen, mit einer Flinte wird Schrot verschossen und Wildschweine werden mit der Büchse (Kugel) gejagt.
Robert, 19.12 2017, 01:43
Da sollten Behörden Herrn Tiriac bitten diese Barbarei einzustellen. Zwingen kann man ihn nicht, aber vielleicht kapiert er einmal, dass sein Verhalten ihn zur Persona ingrata mutieren lässt.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*