Willkommen im Goldschmiedehaus

Bistritz will mit neuem Museum und Begegnungszentrum an deutsche Vergangenheit anknüpfen

Sonntag, 14. Juni 2015

Nachts wird das Goldschmiedehaus von Bodenstrahlern beleuchtet.

Auf dem Kornmarkt in der Altstadt von Bistritz

Die schwarz-weißen Trachten aus dem Nösnerland finden sich auch in den Bildern des sächsischen Malers Norbert Thomae wieder.
Fotos: George Dumitriu

Stolze Bürgerhäuser aus dem 15. bis frühen 16. Jahrhundert säumen die Beutlergasse/Strada Dornei im Zentrum von Bistritz/Bistriţa direkt neben der evangelischen Kirche. Bekanntestes Relikt aus dieser Zeit: der pittoreske Kornmarkt/Sugălete mit geschwungenen Arkaden, welche den Eingangsbereich von 13 zweistöckigen Patrizierhäusern zu einem überdachten Säulengang mit 20 Gewölben verbinden. Am Ende des Ganges, doch nicht mehr damit verbunden, liegt das „Goldschmiedehaus“ („Casa Argintarului“). Frisch restauriert und unter dem vielversprechenden Namen „Deutsches Zentrum“ – auch wenn dies noch nicht am Eingangstor steht – lädt es Touristen und Geschichtsinteressierte zu einer Stippvisite in die lokale Vergangenheit der Siebenbürger Sachsen ein.

„Man wollte der deutschen Geschichte der Stadt Rechnung tragen“, erklärt Fremdenführer Eugen Miloş, der Besucher am Eingang (auch auf Deutsch) empfängt und stolz durch die Räume führt, die Absicht der Präfektur von Bistritz-Nassod/Bistriţa-Nasăud. Diese hatte das historische Gebäude in einem im Januar diesen Jahres abgeschlossenen Projekt restaurieren lassen und wird es in Kürze wieder unter die Verwaltung des Kreismuseums stellen, als dessen Abteilung es zwischen 1969 und 1986 fungierte. So versteht sich das Goldschmiedehaus heute einerseits als musealer Zeitzeuge, noch mehr aber als Begegnungszentrum, in dem auch die Verbindung zur deutschen Kultur hochgehalten bzw. neu belebt werden soll, erklärt Miloş.

Siebenbürgische Renaissance in Szene gesetzt

Ein deutscher Goldschmied muss es gewesen sein, soviel ist gewiss, erzählt der Fremdenführer, während er die Tür zu dem im Erdgeschoss gelegenen „Museumszimmer“ öffnet. Das mittelalterliche Bistritz, nicht zuletzt wegen der Nähe des erzreichen Rodna-Gebirges bedeutendes Zentrum der Gold- und Silberschmiedezunft, lag damals fest in sächsischer Hand. Möglich auch, dass das Gebäude selbst Sitz der Zunftverwaltung war oder dieser zumindest gehörte, denn am oberen Rand eines der steinernen Fensterrahmen entdeckt der aufmerksame Beobachter zwei verschieden geformte Kelche – das Zunftzeichen. Typisch hierfür auch die Architektur mit den unteren Räumen als Werkstatt und dem Wohntrakt im oberen Geschoss.

Die Fassade im siebenbürgischen Renaissancestil mit den steingerahmten Fenstern geht wahrscheinlich auf den Architekten Petrus Italus da Lugano (1510-1569) zurück, der aus Lugano im heute schweizerischen Kanton Tessin stammt und zwischen 1560 und 1563 in Bistritz wirkte, später auch in Lviv/Lemberg in der heutigen Ukraine. Ein Vertrag vom 17. Januar 1560 zwischen dem Meister und der Stadt zur Konsolidierung der evangelischen Kirche verrät, dass er auch dort seine Spuren hinterlassen hat.

Gebückt treten wir in den Museumsraum ein, dessen Mitte die Gerätschaften einer Goldschmiede zieren: ein Arbeitstisch mit ledernen Schlaufentaschen zum Auffangen der kostbaren Materialreste, die bei der Bearbeitung herunterfielen und wieder eingeschmolzen wurden, schwungradbetriebene Maschinen zum Polieren und Schleifen, die an alte Singer-Nähmaschinen erinnern. Die extrem niedrigen Türen im Erdgeschoss sind ein Zugeständnis an eine der letzten Konsolidierungen, bei denen das Bodenniveau angehoben wurde. Auch ein durchschnittlich großer Erwachsener muss hier den Kopf einziehen.

Das Gebäude selbst blickt auf eine bewegte Historie zurück: 1758 wurde es in einem Stadtbrand schwer beschädigt. 1939 sollte es demoliert werden, konnte aber durch Einwirken des rumänischen Schriftstellers, Historikers und Politikers Nicolae Iorga gerettet werden. 1950 fiel es an den Staat und wurde vom Architekten Stefan Bal{ umfassend restauriert. Zwischen 1969 und 1986 befand sich dort die historische Abteilung des Kreismuseums. Anschließend spielte es eine Rolle für die Schule der Künste und Berufe. Das jüngste Projekt der Kreisverwaltung – umgesetzt für 2.236.402 Lei, davon 1.484.601 Lei aus EU-Geldern und 125.345 vom Staat – soll all diesen historischen Aspekten Rechnung tragen und außerdem durch Einbindung des Hauses in Besichtigungstouren Bistritz als Tourismusziel stützen.

Dauerausstellung des  Lebenswerks von Norbert Thomae

Als besondere Attraktion und Hommage an die Siebenbürger Sachsen verteilt sich über die Wände beider Etagen der Nachlass des 1887 in Bistritz geborenen Malers Norbert Thomae. Die Ausstellung war erstmals am 12. September 2014 anlässlich des 70. Jahrestages seit der Flucht der Nordsiebenbürger Sachsen vom Kreismuseum Bistritz gezeigt worden. Insgesamt 90 Werke hatte der Enkel des 1977 in Deutschland verstorbenen Künstlers der Stadt zu diesem Anlass geschenkt. Die Gemälde bestechen durch einen starken Bezug zur Alltagsrealität: Porträts ländlicher Frauen, mit Namen versehen; ein keusches Mädchen beim Abendgebet; die entblößten Brüste einer Dorfschönheit, den Kopf verschämt zur Seite gewandt, darunter der diskrete Titel „Nackt“. Sächsische Trachten in dem regionaltypischen Schwarzweiß, Stillleben aus Blumen und Früchten, lichtdurchflutete Landschaften. Und zwei Selbstbildnisse des Künstlers: eines zeigt ihn im Alter von 20 Jahren während seines Studiums in Budapest, das andere als Greis.

Norbert Thomae hatte von 1918 bis zur Flucht der Siebenbürger Sachsen im Herbst 1944 beim Anrücken der Sowjettruppen in Bistritz gelebt. Nach seinem Studium in Budapest und einer Zeit als Lehrer in Mühlbach/Sebeş wirkte er in seiner Geburtsstadt als Kunstlehrer am evangelischen Obergymnasium. Obwohl er sich auch in Deutschland einen Namen gemacht hatte, fühlte er sich bis zu seinem Tod mit 91 Jahren der alten Heimat verbunden, in die er jedoch nie mehr zurückgekehrt ist – dafür sein Lebenswerk, als Dauerausstellung im Goldschmiedehaus.

Deutsches Kulturhaus und Touristenzentrum

Neben Buchvorstellungen, literarischen Lesungen, Konzerten und Bastel-Workshops für Schüler will sich das Goldschmiedehaus auch als multikulturelles Kultur- und Begegnungszentrum etablieren. Vor allem im Rahmen des jährlichen Bistritzer Ostermarktes , der Mittelalter-Tage Ende Juni, des Tags der Deutschen Einheit am 3. Oktober, dem Holocaust-Gedenktag am 9. Oktober, dem Nationalfeiertag Österreichs am 26. Oktober, dem rumänischen Nationalfeiertag, anlässlich der Vor- und Weihnachtsfeiertage und natürlich am Tag der Eröffnung des Zentrums am 25. Januar sollen dort Veranstaltungen stattfinden. Ein umfassender Plan, der zukünftige Events ankündigt, steht allerdings noch aus. Neugierig Gewordene können sich auf der Webseite centrulgermanbistrita.ro informieren oder auf Facebook unter „Centrul German Bistrita“ bisherige Aktivitäten einsehen.

Eine kleine Bibliothek mit deutschen Büchern, die noch aufgestockt werden soll, lädt im Obergeschoss zum Lesen vor Ort ein. Ein Galerieraum bietet sich an für temporäre Foto- oder Kunstausstellungen. Der Festsaal sollte mit einem Klavier dotiert werden, wünscht sich Eugen Milo{, der sich auch in die Verwaltung des Gebäudes einbringt, damit mehr Konzerte stattfinden können. An zwei Kleiderständern vor der hölzernen Treppe hängen schmucke sächsische Trachten, in denen sich Besucher im edlen Ambiente des Hauses fotografieren lassen können. Im Eingangsbereich informiert ein kleines Tourismuszentrum den Reisenden zur Geschichte des Hauses und der Fremdenführer berät auf Rumänisch oder Deutsch gerne zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Webseite des Zentrums bietet zudem einen ausführlichen Überblick über das entdeckenswerte sächsische Kulturerbe des gesamten Nösnerlands.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 14.06 2015, 09:46
"Nachst wird das Goldschmiedehaus mit Bodenstrahlern beleuchtet" - eine dämlichere Bildunterschrift ist schwerlicher zu finden!.

Was in diesem Text vollkommen fehlt, und die Frage ist, inwieweit daran in Bistritz wodurch erinnert wird:
All´ die kulturell und touritisch bedeutenden Gebäude im Zentrum der Stadt wurden durch die Sb. Sachsen erbaut.
Wodurch wird daran erinnert?
Die Sachsen aus der Bistritzer Gegend (Nösnerland) wurden bei Kriegsende von den flüchtenden deutschen Truppen evakuiert...
Einige wurden dann in Österreich von den Amis den Russen übergeben, bzw. von den Russen zur Umkehr gezwungen.
Ihre Häuser waren inzwischen von Fremden besetzt. In Bistritz war die sächssische Archiv, Bürgermeisteramt besetzt, vieles ging verloren, auch an Inkunabeln.

Es wird nun versucht, nachdem im Nösnerland schon seit Jahrzehnten keine Sachsen mehr leben, dort mit der Kultur der Sachsen Geld zu verdienen durch Tourismus.
Kann man, leider ist die Erreichbarkeit Bistritz´ nicht so gut- es sei denn, die Touris fliegen über Klausenburg an.

Dabei wäre eine gute West-Ost Straßenverbindung über Bistritz in die Moldau für Rumänien wichtig.

Was die Bistritzer Stadtverwaltung tut, ist lobenswert, und immer noch besser als in den meisten anderen Orten Siebenbürgens. Wo das sächsische Kulturerbe dem Verfall überlassen wird.
Oder es mit falschen Zetteln betitelt, als rumänisches und nicht sächsische Kultur ausgegeben wird- z,B, in Kronstadt, Reps, Schäßburg...
Anderseits wäre es an der Zeit, dort im Hotel Coroana und andernorts alle lächerlichen Kitschattraktionen über Vampire und Dracula zu beseitigen.
Diese schaden dem Image der Stadt und dem nachhaltigen Tourismus.

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