„Wir müssen nach dem Prinzip leben, dass wir kein einziges Kind sich selbst überlassen dürfen“

ADZ-Gespräch mit Rosemaria Schwarzinger, Botschafterin der SOS-Kinderdörfer in Rumänien

Mittwoch, 17. September 2014

Rosemaria Schwarzinger (Mitte) mit der Leitung der SOS-Kinderdörfer Rumänien, Carmen Bruma (links im Bild), Ressortmanagerin für Fund Development und Öffentlichkeitsarbeit, und dem Hilfswerkvorsitzenden Mihail Neguţ

Sommerbasar in der österreichischen Botschaft zugunsten der SOS-Kinderdörfer Rumänien sowie der Hilfsorganisation Concordia

Seit mehr als zwanzig Jahren ist die internationale Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer nun schon in Rumänien bemüht, elternlosen oder verlassenen Kindern nicht nur ein neues Zuhause, sondern vor allem auch Geborgenheit und Zukunftschancen zu bieten. Drei SOS-Kinderdörfer konnte das 1949 gegründete, weltweit aktive Kinderhilfswerk österreichischen Ursprungs seither hierzulande errichten, Hunderte Kinder und Jugendliche in Not fanden über die Jahre entweder in den Einrichtungen bei Bukarest, Heltau/Cisnădie und Hemeiuş oder in deren Sozialzentren endlich eine Lebensperspektive.Angesichts der hierzulande noch weitverbreiteten gesellschaftlichen Verarmung hält sich die Spendenfreudigkeit der Rumänen jedoch auch fast 25 Jahre nach der Wende weiterhin in Grenzen, der Großteil der heimischen Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen hat mit stetigen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Mit viel Hingabe und Energie hat sich Rosemaria Schwarzinger, die Gattin des scheidenden österreichischen Botschafters in Bukarest, daher über die Jahre dieses Problems angenommen – und will es laut eigenen Angaben auch künftig tun. Befragt man die Leitung der SOS-Kinderdörfer Rumänien zum Engagement der 2012 offiziell zur SOS-Kinderdörfer-Botschafterin ernannten Diplomatengattin, erfährt man schnell, dass dieses weit über die gängige Wohltätigkeitsarbeit von Botschafterfrauen hinausreicht. Wenige Tage vor ihrer Heimreise nach Wien sprach ADZ-Redakteurin Lilo Millitz-Stoica mit Rosemaria Schwarzinger über den Stand der Kinderfürsorge im Allgemeinen und jenen der SOS-Kinderdörfer im Besonderen:


Sehr geehrte Frau Schwarzinger, Sie kennen Rumänien besser als viele andere Botschaftergattinnen, da Sie schon in den 1990-er Jahren Gelegenheit hatten, das Land an der Seite Ihres Mannes kennenzulernen. Damals gingen Bilder über die verheerenden Zustände in den rumänischen Kinder- und Waisenheimen um die Welt. Inwiefern haben sich diese Zustände Ihrer Meinung nach mittlerweile geändert?

Wir können sehr froh sein, dass sich die Zustände in den Kinderheimen, nach allem was man weiß, doch sehr gebessert haben. Überhaupt scheinen sich die sozialen Umstände im Vergleich zu 1990 sehr weiterentwickelt zu haben. Ich glaube, dass dabei auch Organisationen wie SOS-Kinderdorf und Concordia tatkräftig mitgeholfen haben.


Was hat sich gebessert, wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Ich sehe mich nicht als Expertin für Kinderheime und führe natürlich dort auch keine Inspektionen durch. Aber ich kann sagen, dass zum Beispiel im Kreis der Damen im International Women‘s Club über soziale Fragen sehr kompetent diskutiert wird, und hier diejenigen Probleme im Vordergrund stehen, die besonders drängend sind. Außerdem sagen Experten eindeutig, dass das Konzept der Kinderdörfer, also unveränderliche Kindergruppen in Familiengröße mit lebenslangen Bezugspersonen, besonders zukunftstauglich ist. Es ist in pädagogischer Hinsicht dem klassischen Heim überlegen und bietet mehr Sicherheit als die Adoption.

Sie sind seit 2012 nicht „nur“ Botschaftergattin, sondern selbst Botschafterin – nämlich der SOS-Kinderdörfer in Rumänien. Was hat Sie, abgesehen von der Tatsache, dass besagte Kinderhilfe ihren Ursprung in Österreich hat, dazu bewogen, dieses Amt anzunehmen und weshalb gerade in Rumänien?

In Österreich ist die Organisation SOS-Kinderdorf ein fester Bestandteil des sozialen Netzes, und ich habe im Jahr 1987 in Afrika Helmut Kutin persönlich kennengelernt (Chef von SOS-Kinderdorf International zwischen 1985 und 2012). Außerdem freut es mich sehr, dass es in Rumänien drei SOS-Kinderdörfer gibt (Bukarest, Heltau und Hemeiuş). Und schließlich muss man wissen, dass die gesamte Organisation und ihre Dörfer von Spenden abhängig sind. Daher sehe ich es als Aufgabe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass diese Kinderdörfer bekannt werden und dass auch in Rumänien viele Leute spenden.

Wie viele Kinder werden zurzeit in den drei einheimischen SOS-Kinderdörfern betreut und wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die Hilfsorganisation in Rumänien?

In den zwanzig Jahren des Bestehens konnten die SOS-Kinderdörfer in Rumänien bisher insgesamt rund 1000 Kinder aufnehmen. Es leben heute etwa 250 Kinder in den drei Dörfern, und fast 1100 Kinder und Jugendliche werden parallel dazu in Sozialzentren an den drei Kinderdorf-Standorten betreut. Es arbeiten 162 Personen für SOS, einige davon, wie der Präsident von SOS-Kinderdorf Rumänien, Mihai Negu], ehrenamtlich. Ich mache das, was ich tue, natürlich auch ehrenamtlich.

Wie schätzen Sie die Evolution der Zahl von Heim-, Waisen- oder sonstigen bedürftigen Kindern hierzulande – steigend, rückläufig oder stagnierend?

Ich kann mir vorstellen, dass die Zahl an Waisenkindern nicht notwendigerweise ansteigt, aber ich habe gehört, dass es große Fürsorgeprobleme mit Kindern, deren Eltern im Ausland arbeiten, gibt. Hier soll es eine große Dunkelziffer geben, und es dürften in Rumänien etwa 20.000 Kinder ohne Familie erfasst sein. Wir müssen vielleicht mehr als bisher nach dem Prinzip leben, dass wir kein einziges Kind sich selbst überlassen dürfen. Wenn man das in Rumänien ernster nehmen will, muss möglicherweise insgesamt mehr passieren.

Gemeinsam mit dem Management der hiesigen SOS-Kinderdörfer sind Sie insbesondere um Sponsoren und Paten bemüht. Angesichts Ihrer Erfahrung – als wie schwierig erweist sich Fundraising gegenwärtig in Rumänien?

Beim Fundraising sehe ich zwei Schienen: Da ist einmal die in Rumänien großartige Möglichkeit jeder Person, zwei Prozent der Steuerleistung direkt an eine Wohlfahrtsorganisation zu überweisen, zum anderen sind es insbesondere ausländische Firmen, die im Sinne der Corporate Social Responsibility großartig spenden, und vor allem Sachen abgeben, die in Basaren verkauft werden können. Das heißt, dass es Sinn macht, die Steuerleistungsmöglichkeit populär zu machen und man zweitens auch rumänische Firmen dazu motivieren muss zu spenden. Ich glaube, dass die rumänische Gesellschaft in ein paar Jahren selbst in der Lage sein wird, die SOS-Kinderdörfer ohne Zuschüsse aus dem Ausland zu erhalten.

Um die rumänische Gesellschaft und deren Evolution nochmals anzusprechen – wie spendenfreudig sind die Rumänen, Privatpersonen wie auch Unternehmen, mittlerweile?

Derzeit erscheint mir das Spendenaufkommen noch ausbaufähig, aber ich bemerke auch, dass immer mehr prominente Rumäninnen und Rumänen tätig werden. Immerhin führen Rumäninnen und Rumänen selbst die Organisation und zum Beispiel ist SOS-Botschafter Gabriel Biri{ ein sehr sichtbarer Unterstützer und Spendensammler. Aber es könnte noch mehr sein.

Wie ist es zurzeit um die Finanzierung der drei Kinderdörfer bestellt? Welches sind deren größte Probleme?

Die Finanzierung wird derzeit und in den nächsten Jahren durch Zuschüsse aus dem Ausland ausgeglichen und stabil gehalten, aber es gibt die Strategie und das Ziel, bis zum Jahr 2020 autark zu werden, und diese Zielsetzung macht auch Sinn. Derzeit kommen über zwei Drittel des Budgets vom Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e. V. Dementsprechend lautet die Strategie, nicht weiter zu wachsen, sondern erst einmal die Finanzierung auf der Basis von inländischen Spenden zu sichern. Vom Image her erscheint es mir wichtig, deutlich zu machen, dass Kinderdörfer grundsätzlich den richtigen Weg darstellen, um unversorgte Kinder abzusichern.

Welchen Beitrag leistet in puncto SOS-Kinderdörfer eigentlich der rumänische Staat? In Ihrem Heimatland etwa bezahlt der Staat meines Wissens einen festen Beitrag für fremduntergebrachte Kinder, der rund der Hälfte des Gesamtaufwandes der Hilfseinrichtungen entspricht. Wie sieht es in Rumänien aus?

Der rumänische Staat hilft SOS im Umgang mit Behörden. Soweit ich weiß, macht die staatliche Unterstützung 14 Prozent des Gesamtbudgets aus, aber diese wird hoffentlich zukünftig noch weiter ausgebaut.

Wie ist es um die schulische Ausbildung der Kinder bestellt? Wie viele von ihnen absolvieren ein Gymnasium oder gar eine höhere Ausbildung und inwieweit bindet sich der rumänische Staat dabei ein?

Soweit ich es sehe, haben die SOS-Kinder mindestens dieselben schulischen Chancen wie Kinder mit intakten Familien.

Was können die SOS-Kinderdörfer ihren Schützlingen Besonderes mit auf den Lebensweg geben?

Das Wichtigste ist doch wohl das Grundvertrauen zu vermitteln, dass ein Kind nie alleine gelassen wird. Jedes Kind hat eine permanente Bezugsperson, eine Kinderdorfmutter, und es hat auch Kinderdorfgeschwister. Jedes Kind wächst in einer sauberen, geordneten und eigentlich auch ganz schönen Umgebung auf. Es werden Werte vermittelt, es wird Halt gegeben, Vertrauen wird geschaffen.

Sie sagten mir im Vorfeld dieses Gesprächs, auch nach Ihrer Rückkehr nach Wien weiterhin als Botschafterin der SOS-Kinderdörfer Rumänien tätig bleiben zu wollen. Was war der Grund für diesen Entschluss?

Ja, warum denn nicht? Ich halte es für eine gute Idee, weiterhin als SOS-Botschafterin mitzumachen. Das Team in Rumänien ist sehr tüchtig, und es macht mir Freude, mit ihnen weiter im Kontakt zu bleiben und soweit möglich Unterstützung zu leisten. In Österreich hat SOS-Kinderdorf einen sehr hohen Stellenwert.

Frau Botschafterin, wie würden Sie Ihre letzten beiden Jahre beschreiben? Genauer gesagt – wenn Sie Ihre Tätigkeit als SOS-Botschafterin mit der klassischen karitativen Arbeit einer Botschaftergattin vergleichen, was sind die relevanten Unterschiede?

Es ist die ganz persönliche Entscheidung jeder Person, inwieweit sie sich karitativ engagieren möchte und kann. Mich interessiert dieser Bereich eben, und ich war schon in verschiedenen Städten aktiv. In Bukarest bin ich Mitglied des örtlichen Zweiges der International Women’s Association, und ich habe in dem Kontext große Weihnachtsbasare mitgestaltet. Mit SOS arbeite ich ehrenamtlich einer professionell geführten Organisation zu. Mein Part als Good-Will-Botschafterin ist den Bereichen Presse-Kontakte, Fundraising und Imagewerbung zuzuordnen.

Welches sind Ihre konkreten Ziele, Projekte und Wünsche für die kommenden Jahre?

Mein Mann und ich kehren jetzt einmal nach Wien zurück, mein Mann ans Außenministerium, in die Zentrale. Wie es mit uns weitergehen wird, wissen wir noch nicht. Darum bin ich ziemlich für Neues offen, und ich freue mich besonders darauf, bald viel mehr Zeit für meine Familie haben zu können. Aber trotzdem möchte ich gerne in Österreich einen Basar zugunsten SOS-Kinderdorf Rumänien veranstalten und weiter in Kontakt bleiben.

Und abschließend – welches waren für Sie als Botschafterin der SOS-Kinderdörfer Rumänien die bewegendsten Momente?

Schön sind immer die Besuche bei den Kindern und den Müttern. Im Frühjahr haben wir im Bukarester Kinderdorf Bäume gepflanzt, das war lustig. Sehr bewegend und interessant waren einmal der Besuch des Präsidenten von SOS-Kinderdorf International, Siddhartha Kaul (mit Büro in Innsbruck), und dann von Ulla Sensburg und Dr. Wilfried Vyslozil vom Hermann-Gmeiner-Fonds mit Sitz in München. Es war von diesen spannend zu erfahren, wie SOS weltweit denkt, plant und effizient arbeitet. Es ist furchtbar, wenn die Familie fehlt, aber berührend zu erfahren, dass es Menschen gibt, die wirklich wissen, wie man am besten hilft, und das auch tatkräftig umsetzen.

Frau Botschafterin, herzlichen Dank für das Gespräch.

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