„Wir sehen Leid und wir gehen einfach weiter“

Gespräch mit deutscher Schriftstellerin Katharina Hacker

Freitag, 26. Juli 2013

Foto: Aida Ivan

Bei der Bukarester Buchmesse Bookfest 2013 traten die deutschsprachigen Länder zusammen als Ehrengast auf: Erstklassige Schriftsteller wurden zur Buchmesse eingeladen, über ihre Bücher zu sprechen, die unlängst auf Rumänisch übersetzt wurden. Katharina Hacker, die 2006 mit dem Deutschen Bücherpreis für den Roman „Die Habennichtse“ (rum. „Suflete pustii“, Rao-Verlag) ausgezeichnet wurde, zählte zu den Autoren, die an der Bukarester Buchmesse Anfang Juni teilgenommen haben. Mit ihr führte ein Gespräch ADZ-Redakteurin Aida Ivan.


Sie haben  Philosophie, Geschichte und Judaistik studiert, haben in Israel gelebt und da als Deutschlehrerin gearbeitet. Seit mehr als 15 Jahren betätigen Sie sich als freie Autorin in Berlin. Warum haben sie begonnen zu schreiben? Was für eine Bedeutung und Rolle hat das Schreiben für Sie?

Ich glaube, ich schreibe einfach, weil mir so schwerfallen würde, nicht zu schreiben. Ich habe schon als Kind Geschichten geschrieben. Ich gehörte zu denen, die eigentlich schon als Kinder Bücher schreiben wollten. Wenn ich mir erlaube, zu langsam zu sein, wenn ich mir erlaube, zu denken ‘Es wird schon gehen’, dann geht es nicht. Also schreibe ich ganz stur und hartnäckig die Bücher.

Hat das Schreiben eine Art Katharsis-Wirkung auf Sie? Wie würden Sie das sonst erklären?

Ich glaube schon. Sonst ist es zu aufregend, wenn ich alles nur sehe und es nicht auch beschreiben kann. So auch, dass ich hier in Bukarest bin, die Leute auf der Straße sehe und auf den Markt gehe.

Ihr Werk wächst ständig. Sie haben bis jetzt mehrere Erzählungen, Romane und Prosagedichte geschrieben. Bei welcher Gattung fühlen Sie sich wohler?

Ich schreibe sehr gerne Gedichte, das mache ich immer und bin sehr glücklich, wenn ich mal  Zeit dafür habe. Ich versuche auch eine neue Form für Romane zu finden, die ich überzeugender finde als konventionelle Romane.

Was heißt „konventionelle Romane“?

Romane, die eine Geschichte erzählen und ganz linear sind, die vorne anfangen und hinten aufhören, die vor allem einen „Plot“ haben. Das alles interessiert mich nicht. Weil ich das Gefühl habe, dass unser Leben jetzt im Jahre 2013 so komplex ist und dass immer so viel gleichzeitig passiert. So wie jetzt, wenn wir noch die Stimme von dem Gespräch nebenan hören und man die Leute vorübergehen sieht. Ich versuche eine Romanform dafür zu finden.

Und womit haben Sie in Ihrer Kindheit begonnen?

Ich habe kleine Geschichten geschrieben und gemalt, oder erst diktiert, als ich nicht schreiben konnte. Vier oder fünf muss ich damals gewesen sein, also richtig klein.

Ihr Gesellschaftsroman „Die Habenichtse“ erhielt den Deutschen Buchpreis 2006. Die ziellosen Hauptfiguren des Romans vertiefen sich in ihre Ängste, Wünsche und Fantasien. Welche Botschaft richtet das Buch an die Leser? Welche sind die Besonderheiten des Romans und inwieweit ist dieser repräsentativ für die gegenwärtige deutschsprachige Literatur?

Ich finde die Gestalten nicht ziellos. Jacob, der eine Protagonist, ist Rechtsanwalt und arbeitet sehr strikt, er hat einen bezaubernden, älteren Chef, und er verliebt sich in diesen. Das ist dann sehr irritierend, weil er eigentlich eine Frau hat und überhaupt nicht homosexuell ist. Dieser Mann ist so hinreißend, dass er sein Herz verliert. Deswegen wirkt er vielleicht unsicher. Seine Frau Isabel ist mit ihrem Mann nach London gegangen und arbeitet als Grafikerin. Jim (der Drogendealer, von dem sie sich angezogen fühlt) ist eine Nebenfigur im Buch, aber er hat eine Funktion. Das Gegenteil von Ziellosigkeit ist oft Klarheit: Wenn die Gestalten Gewalt erleben, dann ist das Leben vielleicht schrecklich aber sehr einfach.

Aber das Leben ist nicht einfach...

Das Leben an sich ist vor allem kompliziert. So wie wir hier jetzt sitzen, erfahren wir keine Gewalt. Ich war in Israel während des Golf-Krieges. Da war das Leben sehr einfach: Wir hatten unsere Gasmaske und eine Atropin-Spritze. Und mein Studentenzimmer war verklebt, falls es einen Gasangriff gibt und Gas hereinkommt. Das Leben war unglaublich simpel, weil man Angst hatte. Jedenfalls hatte ich Angst, ich bin nicht sehr mutig... Alle waren sehr nett zueinander, wenn es Alarm gab, konnte man in jedes Haus gehen, man wurde immer aufgenommen. Das Leben war menschlich sehr klar und sehr einfach. Und das ist oft in diesen schwierigen, schrecklichen Situationen so. Und wenn wir frei sind und glücklich und ein bisschen Geld haben und keinen Hunger, dann verliert man etwas in gewisser Weise.

Ist das Leben in extremen Situationen einfacher?

Ich fand es sehr eindrucksvoll, dass alle Leute in Israel sich gerne an diese Zeit erinnert haben. Alle Menschen waren offen zueinander, weil es einen Feind gab und man wusste untereinander, dass man zusammengehört. In Rumänien oder in Deutschland haben die Leute unendlich viele Möglichkeiten, das ist ja ein Glück. Aber es ist eben auch schwierig, denn sie müssen sich entscheiden, was sie damit machen.

Welche Wirkung hatte auf Sie und Ihr Werk  die Erfahrung in Israel?

Ich habe begriffen, dass es ein unendliches Glück und ein Privileg ist, so friedlich zu leben, so wie wir das zum Beispiel in Deutschland tun. Welch ein Glück es ist, keine Angst zu haben, auf die Straße zu gehen. Meine Kinder schicke ich in die Schule und in den Kindergarten und denke nicht, dass der Kindergarten angegriffen wird oder eine Bombe hochfliegt. Ich denke immer wieder daran und merke: Meine Kinder sind in der Schule und ich habe keine Angst um sie. Sie werden wieder nach Hause kommen. Und in Israel oder im Irak, da schickt man ein Kind in die Schule und kann nie wissen, ob es zurückkommt.

Es gibt diese Tristesse in Ihrem Roman, die Angstvorstellungen, die Fantasien, die Anspielungen...

Ja, auch weil sich zwei Welten begegnen. Die eine, die so bürgerlich und ruhig lebt oder leben kann, die Welt von Isabel, und andererseits die Welt von Jim, der eben ein hartes, schreckliches Leben hat und auch gewalttätig ist. Das Buch ist ein Fragebuch, ich wollte keine Antworten geben, weil ich keine Antworten habe. Aber ich frage mich, warum wir so sicher sind, dass Tiefe so gut ist, dass ganz starke menschliche Bindung lebendiger als viele Freundschaften oder einfach nur Freundlichkeit ist. In der Theorie schätzen wir Leidenschaft mehr als die freundliche Gelassenheit. Das Leben ist genauso reich und bezaubernd, wenn es auch leichter ist. Ich finde auch distanzierte Freundlichkeit zwischen Menschen herrlich – einfach nur nett sein, ohne persönlicher zu werden.

Isabel versucht der kleinen misshandelten Tochter der Nachbarn zu helfen, aber dem Leser ist es nicht so klar, ob ihr das auch gelingt.

Nein, nicht wirklich. Sie stellt fest, dass sie eine Idee hat. Die Idee ist: ‘Das ist ein Kind, ich muss mich  darum kümmern’, aber dieses Kind ist nicht anziehend und nett. Es ist kein süßes Kind, es riecht nicht gut. Gestern kam ein Bettler auf der Straße und er war ganz zornig und aggressiv, er wollte mich packen, um einen Euro zu bekommen. Ich gebe meistens Menschen, dem wollte ich aber nichts geben, er hatte mich so gedrängt. Er hatte es aber bestimmt gebraucht, er kann ja nichts dafür. Aber er war betrunken, er hat gestunken, er war unangenehm und ich war plötzlich kein guter Mensch mehr. Ich wollte weg. So ein bisschen geht es Isabel mit Sarah. Wir helfen gerne, vor allem aber, wenn es für uns sehr bequem ist. In London lagen Menschen auf der Straße, auf dem Bürgersteig, das hat mich ein bisschen schockiert. Ich gehe den Bürgersteig entlang, da liegt einer. Ich komme aus Berlin, also was mache ich? Ich versuche ihn aufzuheben, aber einen schweren Mann kann ich nicht aufheben. Dann rufe ich „Hallo, Helfen Sie mir doch?“ Und die anderen denken ‘Mein Gott, was will die denn jetzt?’ und gehen weiter.

Immer wenn einer auf der Straße liegt und man auf dem Weg zu einer Verabredung ist, dann steigt man drüber. Wir sehen Leid und wir gehen einfach weiter. Wir sehen jemanden, der traurig ist, und gehen weiter. Wir können auch nicht immer stehen bleiben, wenn jemand traurig aussieht.

Wie reagieren Sie auf die Öffentlichkeit, die von Auszeichnungen geschaffen wurde? Genießen Sie das Rampenlicht?

Ich kann von meinem Schreiben leben. Ich kann meine Familie ernähren, das ist großartig in meinem Beruf. Aber sonst bin ich nicht für das Rampenlicht.

Was kennzeichnet qualitätvolle Literatur Ihrer Meinung nach?

Inzwischen glaube ich wirklich – Gedankenreichtum. Mich interessiert so sehr, was Menschen denken aber auch der Reichtum der Welt, wenn dieser in einem Buch steckt. Menschen und ihr Geist sind etwas Wunderbares. Deswegen bevorzuge ich eher Bücher, die ich nachdenklich finde als Krimis oder Liebesgeschichten.

Sie sind eine Stadtschreiberin, haben aber auch über das Dorfleben geschrieben. Wie wählen Sie Ihre Themen aus?

Die Themen wähle ich nicht so bewusst. Ich fange irgendwie an zu schreiben, dann kommt ein Satz und dann noch ein Satz. Ich habe keinen Plan.

Aber Sie haben eine Idee über das, worüber Sie schreiben? Nehmen wir zum Beispiel Globalisierung?

Das könnte ich nicht, da würde mir nichts einfallen. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk hat zum Beispiel über Globalisierung geschrieben, indem er über Märkte und Kleidermärkte an der polnischen Grenze schreibt. Er ist immer konkret, beschreibt genau, wo man billige Lederimitate aus China verkauft. Das ist Überglobalisierung, aber ich finde diese Art zu schreiben gut, weil er so präzise eine Situation und die Menschen beschreibt.

Wer oder was hat Ihr Schreiben und Ihre Persönlichkeit am meisten geprägt?

Bücher, glaube ich, und die Autoren, die ich großartig finde. Ein Autor, den ich sehr bewundere, ist William Faulkner. Was ich auch sehr bewundert habe ist Cărtărescus „Nostalgia“, aber sonst haben mich bestimmt die Menschen geprägt, mit denen ich lebe. Freunde, vor allem.

Arbeiten Sie an etwas?

Ja, an einem Roman. Es ist ein kompliziertes Buch von der Form her, es ist der dritte Teil der Trilogie. Auf einer Seite sind zwei Spalten: Eine Spalte ist über Engel in der mittelalterlichen Philosophie. Die andere Geschichte ist von einem israelischen Architekten, der eine  merkwürdige Aufgabe bekommt: Er  leistet Seelengesellschaft für Menschen, die plötzlich, gewaltsam ums Leben gekommen sind – beim Flugzeugabsturz oder Terroranschlag. Es sind junge Menschen, die einfach viel zu jung waren, um zu sterben und völlig aus dem Nichts ihr Leben verlieren. Die Seele kann sich einfach nicht vom Körper trennen, es ging zu schnell, sie sind zu jung, sie waren zu sehr im Leben. Der Architekt macht diese Erfahrung, er kennt sie gar nicht, sie sind aber in seinem Kopf für einen Tag. Das ist die Geschichte.

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