„Wir waren nur Haut und Knochen“

Der Billeder Peter Trendler überlebte zwei Deportationen

Montag, 04. September 2017

Peter Trendler ist als Storchenzähler von Billed bekannt. Zwischen 1991 und 2010 führte er eine genaue Statistik aller Storchennester im Dorf.

Beim 90-jährigen Feuerwehrjubiläum geehrt: Peter Trendler war in seinen jungen Jahren Vizekommandant der Freiwilligen Feuerwehr Billed gewesen.

Peter Trendler hat einmal einen Storch, der aus dem Nest gefallen war, gerettet und gepflegt. „Auf diesem Stuhl hat Hansi gesessen“, erinnert sich der Tierliebhaber.

Im Elternhaus von Anna Trendler wohnte die junge Familie. Heute lebt Peter Trendler alleine hier.
Fotos: die Verfasserin

Das gelb gestrichene Haus mit grünem Sockel trägt oben, am Giebel, die Namen seiner Besitzer: Peter und Anna Trendler. Es ist ein schwäbisches Haus mit großem Garten aus dem Jahr 1959, das Familie Trendler in der Vergangenheit Ruhe und Geborgenheit geschenkt hat. Heute lebt Peter Trendler (89) allein hier – seine Frau Anna ist vor zwölf Jahren gestorben. Zwei Katzen und zwei Hunde aus der Nachbarschaft leisten dem Greis Gesellschaft – Nachbarn gibt es wenige, mit denen er sich ab und zu unterhalten kann. Leider. „Es ist wie ein Feiertag, wenn jemand zu Besuch kommt“, freut sich der Mann über den Besuch der ADZ-Redakteurin.

Weiße Sportkappe, gelbes T-Shirt, kurze Stoffhose, ein Stock als Gehhilfe in der Hand: Der Billeder Peter Trendler sitzt vor dem Tor und wartet auf das warme Mittagessen, das ihm Adam Csonti, der Vorsitzende des deutschen Forums und Betreuer der Sozialstation, jeden Tag nach Hause liefert. Trendler bewegt sich langsam und schwerfällig, doch trotz seines fortgeschrittenen Alters steigt er zwei Mal pro Woche aufs Fahrrad, wenn er gerade etwas in der Gemeinde erledigen oder zum Arzt muss. Am vergangenen Wochenende wohnte er dem 90-jährigen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Billed bei. In seinen jungen Jahren war er sogar Vizekommandant der Freiwilligen Feuerwehr gewesen und zeigt heute stolz ein Ehrendiplom und eine –medaille, die dies bezeugen.

Peter Trendler gehört zu den wenigen, die die schweren Jahre der Zwangsarbeit in der ehemaligen Sowjetunion überlebt haben. Es war im Januar 1945, als sich die böse Nachricht verbreitete: Alle arbeitsfähigen Rumäniendeutschen, Männer und Frauen, sollten nach Russland, um zum Wiederaufbau des durch Hitler-Deutschland zerstörten Landes beizutragen. „Wir haben davon erfahren und haben uns in einem Bunker auf dem Feld bei Knees/Satchinez versteckt. Doch nicht für lange Zeit, denn man hat herausgefunden, wo wir sind“, erzählt Peter Trendler, der 16 Jahre jung war, als er in die ehemalige Sowjetunion deportiert wurde. „Wir sind dann freiwillig gegangen“, erinnert sich der Mann. Wohin und für wie lange, das wusste keiner so genau. Allerlei Gerüchte verbreiteten sich damals im Dorf. Von Billed gingen die Deutschen nach Perjamosch, wo sie in den Zug stiegen. „Von den 30 Billeder Männern, die damals nach Russland fuhren, sind Jahre später nur zwei zurückgekehrt. Einer davon war ich“, erzählt Peter Trendler.

Manche, die im Laufe der Zeit mit verschiedenen Krankentransporten nach Frankfurt/Oder befördert wurden, blieben in Deutschland. Am 12. Februar 1945 kam also Peter Trendler in der ehemaligen Sowjetunion an. Er war einer der mehr als 70.000 Deutschen, die zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. Etwa 15 Prozent der deportierten Banater Schwaben kehrten nicht mehr lebend zurück. Über die Zeit der Deportation erzählt Peter Trendler mit einer gewissen Gelassenheit. An vieles kann oder will er sich nicht mehr erinnern, doch eines rührt ihn auch heute noch zu Tränen. „Es waren junge Mütter, die ihre kleinen Kinder zu Hause lassen mussten. Die Kinder liefen uns noch nach bis zur Ziegelfabrik“, erzählt der Mann mit zitternder Stimme und seine Augen werden nass. Viele der deportierten Rumäniendeutschen starben in der ehemaligen Sowjetunion wegen den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wer Glück hatte, konnte einige Jahre später seine völlig entfremdeten Kinder wieder in die Arme schließen.

Für Peter Trendler war die Zeit in Russland schwer. Doch er war jung und bei Kräften und überlebte das Gräuel der Deportation. In drei Arbeitslagern war er dort tätig, u.a. arbeitete er in einem Eisenwerk bei Jenakijewe, in der heutigen Ost-ukraine, und in einer Schamotte-Fabrik. „Ich musste Kohlen beibringen“, erinnert er sich. „Wir waren ständig hungrig, denn es gab nur eine dünne Suppe und ab und zu ein Stückchen Fisch als zweiten Gang“, erzählt er und zeigt, wie klein die Portionen waren, indem er Zeige- und Mittelfinger aneinander legt. Eine der ersten, die im Lager starben, war seine damals 18-jährige Nachbarin aus Billed. „Sie konnte sich einfach nicht an die schwierigen Lebensbedingungen gewöhnen und starb schon im Monat Mai. Ich musste sie begraben“, erzählt er.

Allen Zwangsarbeitern ging es schlecht. „Ich hatte eineinhalb Jahre lang Durchfall, wegen dem schlechten Wasser. Dann bin ich zusammengebrochen“, erinnert sich Peter Trendler. Fast einen Monat verbrachte der abgemagerte junge Mann im improvisierten Spital neben dem Arbeitslager – dort kümmerte sich mit viel Hingabe die Ärztin Nadja, die in Deutschland gewesen war und ein bisschen Deutsch konnte, um ihn. „Peter, ich dich machen gesund“, hatte sie ihm versprochen. Und so war das auch. Peter Trendler kam wieder auf die Beine und arbeitete weitere drei Jahre in der Sowjetunion, sodass er glatte fünf Jahre fern von daheim blieb. „Wer im Winter starb, der konnte wegen des zugefrorenen Bodens nicht begraben werden, man warf ihn in den Wald, den wilden Tieren vor. Doch auch die hatten ja nichts zu fressen, denn die Verstorbenen waren nur Haut und Knochen“, erinnert sich Trendler. „Auch wir, die wir am Leben waren, waren nur Haut und Knochen. Lauter Halbtote…“, sagt er. Die Stärksten kehrten fünf Jahren später, geschwächt und krank, wieder nach Hause zurück. Peter Trendler war einer der Überlebenden.

Doch das Leben sollte ihm nochmal Zitronen schenken. 1951, am orthodoxen Pfingsten, ging die zweitgrößte Deportation in der zeitgenössischen Geschichte Rumäniens über die Bühne: die Verschleppung von mehr als 40.000 Bürger Rumäniens aus 258 Ortschaften der westrumänischen Kreise Temesch, Karasch-Severin und Mehedinţi in die Bărăgan-Steppe. Deutsche, Rumänen, Serben, Bulgaren u.a. Nationalitäten mussten ihre Häuser verlassen und den Verordnungen der Kommunisten gerecht werden. Darunter auch Familie Trendler – der Großvater, die Mutter und die beiden Söhne – einer davon Peter Trendler. Der Familienvater war noch in Sibirien, kehrte selbst erst zwei Jahre nach ihrer Rückkehr aus der Bărăgan-Steppe wieder nach Billed zurück. „Wir sollten dort ein Haus bauen und die Region aufleben lassen“, sagt Peter Trendler. In einem Dorf bei Călăraşi ließen sie sich nieder. „Es gab gar kein Wasser im Umkreis von zwei Kilometern. Die Mütter mussten sich im Schrank vor der Hitze verstecken, um die Babys stillen zu können“, erinnert sich der Billeder. Er selbst arbeitete in der naheliegenden Baumwollfabrik. Ein Jahr später kam seine zukünftige Ehefrau, Anna Koch, die drei Jahre jünger als er war, zu Besuch. „In dem September, als wir in den Bărăgan deportiert wurden, sollten Anna und ich heiraten“, sagt Peter Trendler. Anna blieb bei ihm. Dort, in der Bărăgan-Tiefebene, heirateten die beiden. Fünf Jahre lang mussten die Banater im Bărăgan (über)leben und arbeiten. Zurück kehrten nur die Mutter und die beiden Söhne – der Großvater hatte sich vor Verzweiflung erhängt. Über 1700 Menschen waren in der Zeit zwischen 1951-1956 im Bărăgan gestorben, davon mehr als 170 Kinder. Die Deportierten durften nach der Aufnahme Rumäniens in die UNO wieder nach Hause.

In Billed baute sich Peter Trendler langsam ein neues Leben auf. Die Kolonisten, die die Kommunisten aus anderen Regionen Rumäniens ins Banat gebracht hatten, mussten die Häuser der Banater Schwaben wieder verlassen. Peter und Anna Trendler hatten eine Tochter, Brigitte. Peter Trendler war bis zur Rente an einer Landwirtschaftsgenossenschaft, einer sogenannten Kolchose, tätig. Wie es sich für einen Banater Schwaben gehört, spielte auch Peter Trendler in seiner Jugend Handball und war bei der Freiwilligen Feuerwehr Billed aktiv. Doch überall im Banat bekannt wurde er für sein Interesse an den Störchen in der Gemeinde. Der Storchenzähler aus Billed, über den die ADZ bereits am 5. Mai d.J. berichtet hat, ist ein großer Tierliebhaber. Selbstverständlich verfolgt er auch heute noch gern die Störche im Dorf, Tiere allgemein scheinen ihm am Herzen zu liegen. „Vor Katzen, Hunden und vor Tieren allgemein sollte man keine Angst haben, die sind alle gut. Schlecht sind die Menschen“, sagt Peter Trendler. Dass das tatsächlich so ist, hat er am eigenen Leibe erfahren müssen. Doch irgendwie muss das Leben weitergehen. Und wenn die Störche inzwischen nach Afrika gezogen sind, so wartet Peter Trendler nun ungeduldig auf einen anderen Vogel, der in den beiden jahrzehntealten Tannen in seinem Hof nistet. „Bald kommen die Eulen! Ich hab´ sogar schon mal 15 Stück gezählt“, freut er sich.

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