„Wir werden eine Nummer“ (IV)

Rekonstruktion des Deportationsgeschehens im Spiegel von Erinnerungen

Mittwoch, 08. April 2015

Das wichtigste Nahrungsmittel aber war während der gesamten Deportationszeit die tägliche Brotration, einmal am Tag, meistens morgens ausgeteilt. Im Gegensatz zum Schlag Suppe und dem Löffel Kascha, die alle deportierten Arbeiter in gleicher Menge erhielten, war für die Größe der Brotration die Einteilung in Arbeitskategorien maßgebend: 1000, 800 oder 600g pro Tag und Person für die I. bis III. Kategorie. Die Angehörigen der vierten Gruppe, also die Arbeitsunfähigen, erhielten 300 oder 500g. Einhellig heißt es von überall, das Brot sei klebrig und schwer, nicht genügend ausgebacken gewesen, sodass 500g nicht mehr waren als ein Stück von 4 bis 5 cm Breite. Es enthielt Kleie und „viel Gerste. Aber bald schmeckt es wie Kuchen.“ Man konnte aber auch „Sägespäne drin“ finden. Und: „Sauer war es auch, aber nur in den ersten Tagen, dann war der Hunger so groß, dass man das nicht mehr gemerkt hat.“ Das bedeutet: Der Nährwert des Brotes war vergleichsweise gering, trotzdem war es das „Leben erhaltende Brot“, „das einzig Reelle“, auf das in nahezu allen Berichten ein Loblied gesungen wird.

Das Brotauto kam in der Regel am späten Abend oder nachts, direkt von der Brotfabrik. Das Küchenpersonal musste das Brot in Empfang nehmen und sofort aufteilen, damit es durch Abkühlen und Trocknen nicht an Gewicht verlor. Es war eine schwere Aufgabe, „dieses warme Brot auf fünfhundert gleiche Portionen von je 600 Gramm aufzuteilen“. Die tägliche Brotration wurde den Internierten noch in der Nacht oder am Morgen mit der ersten Suppe zugeteilt. Es bedurfte großer Selbstbeherrschung, das Brot nicht gleich und auf einmal aufzuessen: „Ich teilte die Tagesration in 3 Teile; für Morgen, Mittag und A-bend.“ Welche Bedeutung das zur Arbeit mitgenommene Stück Brot haben konnte, schildert das folgende Zitat aus dem Bericht von Richard Gündisch von 1949:

„Wir bringen Zement herbei. Wenn wir an der beheizten Kokstonne vorbeikommen, wärmen wir uns. So oft wir nur können, suchen wir einen warmen Unterschlupf. Wir ziehen dann unser Stückchen Brot heraus. Und während wir uns von der warmen Glut eines Ofens anstrahlen lassen, wird es geröstet. Wie gut schmeckt uns dieses warme, räsche (knusprige) Stückchen Brot! Es hat Überwindung gekostet, es am Morgen nicht gleich aufzuessen und es stundenlang in der Tasche zu wissen. Aber jetzt schmeckt es auch doppelt gut. Es verkürzt uns den Arbeitstag. Denn wir denken bei der Arbeit nicht bis zum Mittag oder gar bis an den Abend. (...) Wir denken nur bis an die Viertelstunde des Röstbrotes (...).“

Geröstet war das Brot viel bekömmlicher als noch warm und frisch. Aber viele – besonders junge Männer – brachten die Selbstdisziplin zu warten nicht auf: „Ich konnte mir das Brot nicht auf drei teilen, ich aß (es) immer in der Früh auf, (...) da wusste ich, ich bin einmal satt.“

Die angeführten Beispiele sowie weitere ähnlich lautende Aussagen gelten in ihrer großen Mehrheit für die ersten beiden Jahre. Große Trockenheit im Sommer 1946 hatte eine Missernte zur Folge. Danach wurde die Verpflegung noch erheblich schlechter – auch für die einheimische Bevölkerung. „Die Ernährungslage wird kritischer von Tag zu Tag“, ist am 16.11.1946 im Tagebuch des Mediaschers Friedrich Wilhelm Göckler zu lesen.

„Da fielen manche Russen auch tot um in der Arbeit; Familienväter, die ihren ganzen Verdienst den Kindern gegeben haben und selbst nix gegessen haben – kam vor“, erinnert sich Frau T. im Interview. Und am 9.12.1946 heißt es im Tagebuch Inge von Hannenheims: Die „Verpflegung ist jetzt so schlecht, dass die Männer buchstäblich verhungern“.

Die schlechte Versorgungslage betraf nicht nur die Internierten; die gesamte Bevölkerung hungerte. Das führte, wie berichtet wird, hin und wieder zu Übergriffen des Lagerpersonals: Eine Internierte in Chanzenkovo erzählt von ihrer Aufgabe, mit einigen Frauen und dem Verwalter des Lagermagazins die Lebensmittel für das Lager aus der Stadt zu holen. Ihr Weg führte sie am Haus des Verwalters vorbei, wo er ablud, „was ihm passte“. Die Zuteilung der Lebensmittel an die Internierten hing mitunter „von der Ehrlichkeit der verschiedenen Verwaltungsorgane und des Küchenpersonals“ ab.

„Da verkaufte zuerst der Magazineur, der die Lebensmittel von der Zentralstelle empfing, einen Teil, hinter diesem kam der Küchenverwalter, der Küchenchef, das Brotfräulein, das Küchenpersonal mit seinen Freunden und Liebhabern, der Lagerdolmetscher und die Schichtführer etc.“

Bestätigt wird dies von einer Mitgefangenen, die daraus selbst ihren Nutzen zog:

„Glück hatte ich auch mit meiner Schwester, die beim Küchendienst eingeteilt war. Sie verschaffte mir eine Suppe mit viel Kartoffeln, und dazu musste man schon tief in den Kessel greifen. Durch diese dicke Suppe sparte ich die Brotration, die ich für 10 Rubel verkaufte (...).“

Die Internierten mussten ihren Unterhalt im Lager bezahlen. Erarbeiteten sie nicht so viel, dass Unterbringung und Verpflegung gedeckt waren, hatten sie Schulden bei der Lagerverwaltung. Als Folge wurde ihnen die Suppe gekürzt oder ganz gestrichen, das Brot allerdings erhielten sie weiter. Ein Grund dafür war die erhebliche Verteuerung der Lebensmittel nach der Missernte im Jahre 1946: Der Brotpreis auf Lebensmittelkarten stieg von 90 Kopeken für das Kilo auf das Vierfache. Da aber der Lohn nicht in gleicher Weise stieg bzw. durch Arbeitsausfall infolge Krankheit und Schwäche geschmälert wurde, kam es zu den Schulden.

Konnten sie die Norm nicht nur erfüllen, sondern sogar übererfüllen, erhielten sie als Belohnung einen sogenannten „Stachanov-Talon“ – einen Bezugsschein für ein zusätzliches Essen in der Werkskantine, für Zigaretten, zum Kauf von Fett, Fleisch, Gemüse u. ä. oder auch von Stoff, z. B. für einen Mantel. Diese Talons wurden nicht von der Lagerleitung, sondern vom Arbeitgeber durch den Schichtmeister oder den Brigadier ausgeteilt. Damit waren die Deportierten, selbst wenn sie die Norm übererfüllt hatten, wiederum vom Wohlwollen ihrer Vorgesetzten abhängig, und so verwundert es nicht, wenn darüber geklagt wird, sie seien oft darum betrogen worden; „denn eine Kontrolle war uns ja unmöglich“.

Dennoch ging es offenbar manchmal auch gerecht zu. Darüber geben die Tagebücher am besten Auskunft. Im Tagebuch von Lisbeth Obermayer heißt es z. B. im Mai 1945: Der Vorteil ihres derzeitigen Arbeitsplatzes sei, „dass wir täglich Talons bekommen“. Dass die Normerfüllung auch tatsächlich zum Erfolg führte, belegt dieselbe Verfasserin mit ihrer Eintragung im Oktober 1945: „denn wir waren ehrgeizig genug, täglich unsere Norm zu erfüllen, 8 Kubikmeter zu schaufeln, um Talons zu bekommen“.

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