Wird Kronstadt herabgestuft?

Verschwörungstheorie findet Anhänger auch unter Statistikern

Samstag, 03. September 2016

Kronstadts Bevölkerung schrumpft, aber die Zahl neuer Wohnanlagen wächst.
Foto: Ralf Sudrigian

Ein in Arbeit befindlicher Gesetzentwurf über die Neueinstufung von Munizipien, Städten und Gemeinden beschäftigt nun auch die Kronstädter. Denn nach den neuen Kriterien soll Kronstadt/Braşov nur als Munizipium zweiten Ranges gelten. Damit sind viele nicht einverstanden und versuchen mit statistischen Zahlen zu beweisen, dass Kronstadt in der obersten Liga der Munizipien mitspielen sollte.
 

Bevölkerungsrückgang in der Stadt, nicht im Ballungsraum

Ion Popescu, der Chef des Kronstädter Kreisamtes für Statistik, ist der Meinung, dass Kronstadt der Top-Gruppe von Munizipien („Regionale Hauptwachstumspole von nationaler Bedeutung“) angehören muss. Dazu gehören nur fünf Großstädte, und zwar: Klausenburg/Cluj-Napoca, Konstanza/Constanţa, Temeswar/Timişoara, Jassy/Iaşi und Craiova. Stattdessen wird, laut diesem Gesetzentwurf, Kronstadt lediglich als sekundärer Wachstumspol von regionaler Bedeutung eingestuft, wie weitere 17 Munizipien (Arad, Piteşti, Bacău, Großwardein/Oradea, Botoşani, Brăila, Buzău, Galaţi, Baia Mare, Drobeta Turnu-Severin, Neumarkt/Tg. Mureş, Piatra Neamţ, Ploieşti, Sathmar/Satu Mare, Hermannstadt/Sibiu, Suceava und Râmnicu Vâlcea).

Laut dem Kreisamt für Statistik hatte Kronstadt am 1. Januar 2016 eine auf 290.743 Einwohner geschätzte Bevölkerung (Quelle: www.brasov.insse.ro). Selbst wenn diese Zahl, auf Grund älterer Daten, als hoch eingeschätzt werden könnte, kann auch sie einem Rückgang-Trend der Kronstädter Bevölkerung nicht widersprechen. Der dauert seit 1990 an und ist in der Anfangsperiode hauptsächlich auf die Schließung oder Aufgliederung der ehemaligen sozialistischen Maschinenbau-Großwerke (z. B. „Tractorul“, Lkw-Werk „Roman“, „Hidromecanica“, „Rulmentul“) zurückzuführen.
Popescu kann aber mit seinen Zahlen beweisen, dass viele Kronstädter die Stadt zwar verlassen haben, aber nicht die nähere Region, die als „Metropolregion“ bezeichnet wird und inzwischen 18 weitere Ortschaften umfasst. Da leben insgesamt 478.141 Einwohner (1992 waren es 477. 797 Einwohner). Popescu hat den Anspruch, dass diese „Metropolregion“ als Wirkungsgebiet („arie funcţională“) des Munizipiums gilt. Das ist wichtig, weil die Größe des Gebietes mit seiner Bevölkerung, in dem der Einfluss des Ballungszentrums spürbar ist, als eines der Einteilungskriterien gilt. Für Munizipien ersten Ranges (außer der Hauptstadt) müssten in deren Einflussgebiet mindestens 400.000 Personen leben, während die eigentliche Stadtbevölkerung nicht unter 250.000 Einwohner liegen dürfte. Popescu nennt Zahlen, die beweisen sollen, dass Kronstadt in vielen Bereichen besser steht als z. B. Craiova und dass die Kriterien betreffend Bildung und Forschung, Gesundheitswesen erfüllt werden.

Wo Kronstadt nachhinkt, ist, trotz der zentralen Lage, die Anbindung an eine moderne Verkehrsinfrastruktur, also das Fehlen eines Flughafens und einer Autobahnzufahrt. Es handle sich letztendlich ums dafür fehlende Geld. „Es werden uns Knüppel zwischen die Beine geworfen, wenn es um wichtige Investitionen geht, wie z. B. Autobahn, Flughafen, regionales Krankenhaus, das wir schon in den 1970er Jahren hätten bauen sollen. Nachträglich wird uns dann vorgeworfen, dass wir das alles nicht haben“, klagt Popescu. Er vergisst dabei nicht zu erwähnen, dass Kronstadt durch die schwächere Einstufung in seiner Entwicklung gebremst und dann, wenn es um die viel diskutierte Frage betreffend Hauptstadt der neuen Verwaltungsregion Zentrum gehe, gegenüber Hermannstadt benachteiligt werde. Diese Denkweise ist keine Ausnahme, denn unter recht vielen Kronstädtern besteht seit längerer Zeit die Meinung, dass ihre Stadt in Bukarest von der Regierung benachteiligt werde.
 

Einige Kronstädter Besonderheiten

Nicht nur Kronstadt verzeichnet einen Bevölkerungsrückgang. Derselbe Trend wird durch die jüngsten statistischen Schätzungen auch für Predeal, Fogarasch/Făgăraş, Viktoriastadt/Victoria, Reps/Rupea, Zărneşti und Zeiden/Codlea in dieser Reihenfolge des relativen (in Prozenten ausgedrückten) Rückgangs der Einwohnerzahl (Schätzungen vom 1. Januar l. J im Vergleich zu Schätzungen für den 1. Januar 2015) belegt. Ein leichtes Bevölkerungswachstum gibt es nur in Weidenbach/Ghimbav, Rosenau/Râşnov und Săcele. Es muss aber berücksichtigt werden, dass Kronstadt inzwischen praktisch mit Săcele zusammengewachsen ist. Dasselbe könnte in wenigen Jahren mit Petersberg/Sânpetru und mit Weidenbach/Ghimbav geschehen, sodass diese Ortschaften der Zinnenstadt praktisch eingemeindet werden könnten. Auch Rosenau und Neustadt/Cristian könnten in einer mittelfristigen Zukunft als eine Ortschaft gelten, sodass sich das vielleicht auch auf eine neue Art der Stadtverwaltung auswirkt. Der neue Gesetzentwurf beim Ministerium für regionale Entwicklung nennt 2025 als Zeithorizont. Dann sollten aufgrund der neuen Einstufung von Städten und Gemeinden einige Bürgermeisterämter aufgelöst werden. Vor allem mehrere kleinere Gemeinden sollten zu nicht so vielen aber größeren Gemeinden vereint werden. Im Kreis Kronstadt könnte das der Fall für einige Gemeinden im Fogarascher Land sein, denn in den Gemeinden Beclean, Hîrseni, Viştea und Voila gibt es Dörfer, deren Bevölkerung, laut den Angaben im Anhang des Gesetzentwurfs unter der Hundert-Personen-Grenze liegt.

Nun könnte, nachdem nach 1990 neue Gemeinden gegründet bzw. wiedergegründet wurden (z. B. Drăguş, Şinca Nouă, Crizbav), das Gegenteil eintreffen – das Auflösen jener Gemeinden, die nicht aus eigener Kraft überleben können, d. h. die nicht einmal ihre Verwaltungskosten decken können.

Die Diskussionen um den Gesetzentwurf betreffend Neueinstufung der Ortschaften sind erst in Gang gesetzt worden. Ziel des Gesetzes ist eine Verwaltungsreform: bessere, effizientere und weniger kostenintensive Verwaltung in Städten und Gemeinden. Eine gewisse „lokale Zentralisierung“ (wenn dieser Begriff verwendet werden kann) wird angestrebt, wie das auch die EU erwartet. Manche werden das als Widerspruch zum Dezentralisationsprozess betrachten, von dem viel gesprochen aber wenig umgesetzt wurde. Wenn nun statistische Daten verschieden interpretiert werden, ist das ein Problem zwischen Experten. Wenn diese Daten aber in Frage gestellt oder als irrelevant betrachtet werden, sinkt das Vertrauen in die Objektivität, die bei der Erarbeitung solcher Gesetzentwürfe herrschen sollte.

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