Wird unser Bürgermeister nun auch Postbote?

Die rumänische Post: Großschuldner wird abgebaut und privatisiert

Dienstag, 22. Oktober 2013

Hier war einmal eure Post: Kürzlich geschlossenes Temeswarer Postamt Nr. 16, jetzt nur mehr Romtelecom-Sitz
Foto: Zoltán Pázmány

Wie war das doch nur in den guten, alten Zeiten? Mit größerer Freude gar als der alte Dorfpfarrer erwartet, „unser Nelu“, der Postträger, von lustigem Hundegebell durch die Dorfgassen begleitet, per pedes oder mit seinem alten russischen Fahrrad. Ob der Mann die große Zeitung („Neuer Weg“) oder die kleine („Neue Banater Zeitung“) brachte, vielleicht noch einen Brief aus Deutschland oder gar nichts, man lud ihn zu einem Zwetschgenschnaps oder gar zu einem frischgebackenen Krapfen ein. Selbstverständlich kannte er auch alle Dorfneuigkeiten, von der Hinteren Gasse bis zur Kirchengasse. Ein gern gesehener Mann also, noch angesehener als die Dorfhebamme oder der Messner. Dieses idyllische Bild der rumänischen Post scheint nun endgültig Geschichte zu sein, wie vieles andere, und es soll gar noch schlimmer werden: Wie etliche andere Staatsgesellschaften, siehe auch die rumänische Eisenbahn, hat die rumänische Post sozusagen die Wette mit der Zeit verschlafen. Die landesweite Gesellschaft, die zu den großen Altlasten nach der Wende Jahr für Jahr neue millionenschwere Schulden eingefahren hat, hat nun ihr bisheriges Ruhekissen bzw. das Staatsmonopol (wie auch die guten staatlichen Zuwendungen) seit Januar 2013 eingebüßt.

Zittern und Warten auf den Großinvestor

Dieser einheimische „Koloss auf Gipsfüßen“ soll nun nach Willen der USL-Regierung in Absprache mit dem IWF endlich kleingemacht, zerstückelt und wie üblich, komme was komme, zwangsprivatisiert werden. Mit einem Geschäftsvolumen von 1,26 Milliarden Lei 2012 ist die Rumänische Post hierzulande – doch wie lange noch – der größte lokale Dienstleistungsträger in diesem Bereich mit einem Landesnetz von über 7000 Postämtern. Der rumänische Staat hält 75 Prozent der Aktien, 25 Prozent der Proprietatea-Fonds. Die Gesellschaft hatte Ende 2012 32.887 Mitarbeiter und wies zugleich 568,2 Millionen Lei Schulden auf, davon 530 Millionen Lei in den letzten vier Jahren angehäuft. Nach dem ersten Semester des Jahres hält die Rumänische Post den unrühmlichen dritten Landesplatz (über 196 Millionen Lei) in der Statistik der hiesigen Großschuldner gegenüber dem Staatsbudget, nach Galaxy Tobacco (über 500 Millionen Lei) und European Food (258 Millionen Lei). Dabei wurden der Post vom Staat große Zahlungserleichterungen eingeräumt. Nach periodischen Personalreduzierungen 2011 und 2012 greift man heuer, weil der Zeitplan drängt, gar zu drastischen Maßnahmen: Anfang September wurden 3650 Mitarbeiter, 11 Prozent des Gesamtpersonals, entlassen, als Entschädigung für die Ausscheidenden hat die Regierung 60 Millionen Lei bereitgestellt.

Es ist fraglich, ob durch Massenentlassungen, Schließungen von Ämtern, Umstrukturierung fünf vor zwölf erreicht werden kann, dass die Post gewinnbringend arbeitet. Die Frage ist, ob die angestrebte Privatisierung der Rumänischen Post – siehe das Beispiel der gescheiterten Privatisierung der rumänischen Güterbahn CFR-Marfă – letztlich erfolgreich, das heißt mit den einkalkulierten minimalen Einbußen für den rumänischen Staat, durchgeführt werden kann. Jedenfalls, heißt es, wird die Rumänische Post das Jahr 2013 ohne Profit, aber auch ohne Verluste, mit einem abgespeckten Personal von 30.750 Mitarbeitern abschließen. Laut Regierungsbeschluss wurde im Mai die Privatisierungsfrist auf weitere 180 Tage verlängert. Auch die Millionenschulden der Post gegenüber dem Staatsbudget sollen in Aktien umgewandelt werden, um den eventuellen in- und ausländischen Investoren Mut und diesen Deal schmackhaft zu machen. Ein Großinvestor sollte also am Ende, wie erwünscht und geplant, 51 Prozent der Aktien der aus der Privatisierung resultierenden neuen Aktiengesellschaft besitzen. Aus Regierungskreisen wird auf über 50 potenzielle Investoren aus Europa, Asien und der USA, internationale Postgesellschaften, aber auch rumänische und ausländische Investfonds verwiesen. Leider, es ist kein gutes Zeichen, hat sich bisher keiner dieser zahlreichen Investoren für die Rumänische Post stark gemacht oder gar vorgedrängt.

Post-Franchise für Hobby-Postboten?

Inzwischen überstürzen sich jedoch die Ereignisse im Rahmen dieser programmierten Umstrukturierung: Postboten werden entlassen, Postämter werden geschlossen, die Dienstleistungen sind derzeit chaotischer wie eh und je, die Leidtragenden sind die Tausenden Nutznießer. Die Leiter der Postgewerkschaft zeigen mit dem Finger auf die Manager, Direktoren. Die langjährige Misswirtschaft derer, die mit haushohen Gehältern bedacht waren, jedoch nur das viele Geld verpulvert und kaum Maßnahmen getroffen hätten, um die Gesellschaft rentabel zu betreiben, wäre schuld an diesem Übel. So auch die Meinung eines Gewerkschaftsführers der Postangestellten im Kreis Temesch: „Die Rumänen haben ein Recht auf qualitative Postdienstleistungen. Doch es werden leider Zeiten kommen, da die Leute Dutzende Kilometer für einen Brief oder ein Postpaket zurücklegen müssen!“
Wie es die derzeitige Entwicklung im Kreis Temesch zeigt, wird es mit der schon gestarteten Schließung der Postämter auf dem Lande baldigst zu einer unhaltbaren Situation kommen. Auch in den Städten wurden zur Bestürzung der Bevölkerung schon einige Postämter geschlossen. In der Stadt Temeswar wurden heuer drei Postämter  bzw. das Postamt Nr. 9 im Stadtzentrum, das Postamt Nr. 7 im Viertel Lugoscher Straße und im Süden der Stadt das Postamt Nr. 16, Martirilor-Straße, geschlossen. Letzteres hat übrigens Zehntausende Einwohner aus dem Giroker Stadtteil und dem Sonnenviertel bedient.

Von den insgesamt 18 Postämtern sollen letztlich nur sieben bleiben. In der zweitgrößten Temescher Stadt, Lugosch, soll von drei Postämtern nur ein einziges nicht geschlossen werden. Das soll dann 45.000 Kunden bedienen!? Wie sollte das gutgehen? Von den verheerenden Folgen überrannt, hat nun die Landesbehörde für die Verwaltung und Reglementierung im Fernmeldewesen den Beschluss gefasst, das System der Post-Franchise für die Post-Dienstleistungen für Privatpersonen oder Firmen ab Ende 2013 anzubieten. Ob sich da wohl ernste Bewerber für die bekanntlich als Schwerarbeit gekennzeichneten Dienstleistungen der Post einstellen werden? Prompt auf die Unzufriedenheit der Dorfbewohner reagierend, darunter sehr viele alte, hilfsbedürftige Menschen, die ihre Rente bisher vom Postboten erhielten, haben sich schon einige Bürgermeister aus Temescher Gemeinden öffentlich bereit erklärt, für das geschlossene dörfliche Postamt im Rathaus Platz zu schaffen und diese Dienstleistungen mit dem eigenen oder neuem Personal zu übernehmen. Hier einige Stellungnahmen dazu: Nicolae Birău, Bürgermeister von Warjasch, fragt sich: „Wie kann man dreitausend Menschen mit einem einzigen Postboten lassen?

Das Postamt funktioniert auch noch in seinem eigenen Haus.“ Ilie Golubov, Bürgermeister von Remetea Mare: „Ich würde gerne das Postamt samt Angestellten im Rathaus beherbergen. Leider kann die Kommunalverwaltung laut Gesetz derzeit keine Einstellungen machen!“ Raimond Rusu, Bürgermeister von Kleinbetschkerek: „Man hat unserer Gemeinde einen großen Schaden zugefügt. Alle drei Postangestellten wurden entlassen. Die Einwohner sind richtig am Verzweifeln.“ Liviu Tomulea, Bürgermeister von Großjetscha: „Bei mir im Rathaus regnet es täglich mit Beschwerden der Leute. Die Gemeinde hat nur noch einen einzigen Postboten, der völlig überfordert ist.“

Ioan Sorincău. Bürgermeister von Neumoschnitza und Vorsitzender des Vereins der Kommunen aus dem Kreis Temesch, gibt sich trotz allem optimistisch: „Die Gemeindeverwaltungen müssen selbst aktiv werden und das Problem auf Lokalebene für ihre Gemeinschaft lösen. Ich hoffe, dass sich alles noch im Herbst klären wird.“

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