Wirklich Zeit für neue Religionen?

Oder Kopieren als Sakrament und copyright als Sünde

Dienstag, 10. Januar 2012

Bild: www.kopimi.com/kopimi

Das Christentum, der Islam oder der Buddhismus scheinen dem 21. Jahrhundert eindeutig nicht gewachsen zu sein. Die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte zieht nur sehr langsam in die Kirchen, Moscheen oder Tempel der weltweiten Religionen ein. Zögerlich finden die Gebetomaten ihren Platz zwar nicht in den Kulthäusern, doch auf den Straßen Deutschlands. Der moderne Mensch braucht aber mehr. Kurz vor Weihnachten beugten sich die schwedischen Parlamentarier dem Wunsch einer Gruppe, und anerkannten „Die missionarische Kirche des Kopimismus“ als offizielle Religionsgemeinschaft an. Es handelt sich dabei also nicht mehr um Sektanten.

Die Bewegung, die Mitte 2010 vom 19-jährigen Philosophiestudenten, Isak Gerson, gegründet worden war, erlangte bereits nach einem halben Jahr gewisse Anerkennung in Schweden: Anfang 2011 verdreifachte sich die Anzahl der Mitglieder auf 3000. Der Name „Kopimismus“ leitet sich vom phonetisch ähnlichen „copy me“/„kopiere mich“ ab. Der Weg zur staatlichen Anerkennung war nicht einfach. Innerhalb eines Jahres stellten die Kopimisten drei Mal den Anerkennungsantrag. „Das könnte mit einer völlig verdrehten Festhaltung der Regierungsorganisationen an einer sehr copyright-freundlichen Haltung zu tun haben“, sagte der Vorstandsvorsitzende der nun anerkannten Religionsgemeinschaft, der „glückliche“ Gustav Nipe.

Die frisch anerkannte Kirche verehrt keine Person, sondern die Information an sich als heilig.  Deren Kopieren hält sie für ein Sakrament. Die heiligen Symbole der Kirche sind die weltweit bekannten Tastenkombinationen „Strg+C“ und „Strg+V“ („Ctrl+C“ und „Ctrl+V“), die für Kopieren und Einfügen stehen. Gerade das Weiterverbreiten der Information durch das Kopieren ist die Aufgabe der Kirchenmitglieder, denn: „die Information hält in sich einen gewissen Wert, der durch deren Multiplizieren steigt“, wie es in einer Pressemitteilung der Kirche heißt. Eigentlich ist diese Idee gar nicht neu. Bereits der belgisch-amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Ilia Prigogin hob den Unterschied zwischen den geschlossenen und offenen Systemen hervor: „Ein geschlossenes System hat im Prozess der Evolution die Tendenz, zu einer einfacheren, primitiveren Organisation und letztlich zur Entropie zu degradieren. Offene Systeme besitzen die Fähigkeit, mit der Umgebung Materie und Energie auszutauschen und sind somit in der Lage, sich auf dem Weg der zunehmenden Komplexität und Differenzierung zu bewegen.“ Diese physikalische Feststellung übertragen manche Philosophen auch auf den Bereich Kultur.

Gerade diese Öffentlichkeit fehlt nach Meinung Vieler dem geschlossenen System der traditionellen Kirche. In Rumänien könnte sich die neue Kirche des Zulaufs von Tausenden und Abertausenden Downloadern erfreuen. Das Potenzial gibt es, man muss es nur nutzen können. Gewiss könnten manche behaupten, diese Kirche sei gar keine Kirche. Die Anderen haben Jahrhunderte gebraucht, um ihre Theorien und Ideen auszuarbeiten, sie haben einen Erlöser vorzuweisen, einen Schöpfer, ein Jenseits etc. Der Kopimismus aber lockt durch seine Einfachheit, seine Ehrlichkeit: keine Geheimtuerei, kein auserwählter Stand der Priester, keine Vertröstung auf das „Leben danach“. Die Information gibt es hier und heute und wir müssen sie verbrauchen. Ein großer Mann der Geschichte, der von Millionen verehrt wird, bemerkte einmal völlig richtig: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen…“ Also, copy, paste, Amen.

Kommentare zu diesem Artikel

Andrey, 12.01 2012, 13:19
An Ovidiu: Da haben Sie völlig Recht: Im Dorf soll man die Kirche lassen. Wissen Sie, wie Viele den Tod der christlichen Kirche in den letzten 2000 Jahren vorausgesagt haben? Ich denke, das tun Sie. Und ja, sie besteht, trotz der Hexenjagt, der Kreuzzüge, des Holocausts, der Missbrauchfälle etc.
Sie ist längst nicht das, wie ihr Gründer (Apostel Paulus) sie gesehen hat. Und die ist Lichtjahre davon entfernt, was ihre Pfarrer und Priester von der Kanzel predigen und was ihr geistiger Gründer, Jeschua von Nazareth, propagiert hat. Wahrlich, nichts kann diese Kirche unterkriegen, weil sie sehr anpassungsfähig ist.
Andrey, 12.01 2012, 13:05
An Mathias: Gerade die Kirche hat es bis jetzt immer geschafft, die Gesetze so zu verändern, dass sie ihr gepasst haben. Wer weiß, vielleicht schafft es auch diese neue Kirche.
Ovidiu, 11.01 2012, 22:08
Herr Kolobov, lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Wissen Sie wieviele den Tod des Christentums in den letzten 200 Jahren vorausgesagt haben? Ich sag es Ihnen: sehr viele. Aber das Christentum bleibt bestehen.
Und ich hab' schlechte Nachrichten für Sie: Es wird überleben und weiter existieren.
Mathias, 11.01 2012, 19:47
Seien wir mal ehrlich: wenn man alle Urhebergesetzte und sonstigen Gesetzte beachtet, wie viel Information kann man dann noch frei verbreiten? Das größte Portal dafür ist Wikipedia. Auf der Medienseite bleiben eine handvoll Portale für freie Musik und die Open Source Filme. Im Softwarebereich ist die Auswahl inzwischen respektabel geworden. Woraus ich aber hinauswill: was kann diese neue Religionsgemeinschaft bewegen? Was bringt sie neues? Alle zuvor genannten freien Informationsquellen existieren schon seit etlichen Jahren und kommen auch ohne die dazugehörige Religion aus. Und mehr als diese Portale kann man, wenn man im legalen Raum bleiben will, nicht bewegen.
Also, was soll ich mit einer Religion, die entweder obsolet ist oder mich dazu bewegen will, Straftaten zu begehen?
Da bleibe ich lieber bei der christlichen Kirche, in der ich auch in 10 Jahren noch zum Gesangbuch und nicht zum Gesangstablet greifen werde.
Andra, 11.01 2012, 00:40
Warum sagen Sie: ein großer Mann der Geschichte und nicht einfach Jesus Christus? Ist es heutzutage eine Schande seinen Namen zu äußern???? Ein wahrer Gläubiger wird nicht so schnell seinem Glauben entsagen, um der Neue anzunehmen!!!

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